Mit har­ter Faust ge­gen „Ver­rä­ter“

Prä­si­dent Er­do­gan über­nimmt er­neut AKP-Vor­sitz – Er strebt wei­ter den EU-Bei­tritt der Tür­kei an

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Nachrichten & Hintergrund - Von Su­san­ne Güs­ten

- Der tür­ki­sche Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan hat ein kom­pro­miss­lo­ses Vor­ge­hen ge­gen sei­ne Geg­ner an­ge­kün­digt. Wenn die­ser Kampf nicht ent­schie­den ge­führt wer­de, dro­he dem Land gro­ße Ge­fahr, sag­te Er­do­gan am Sonn­tag bei ei­nem Son­der­par­tei­tag sei­ner Re­gie­rungs­par­tei AKP in Ankara. Der Kon­gress mar­kier­te die Rück­kehr Er­do­gans auf den Pos­ten des AKPChefs. Der Staats­chef be­kräf­tig­te sei­ne Kri­tik am Ver­hal­ten des Wes­tens, be­kann­te sich we­ni­ge Ta­ge vor ei­ner Rei­se nach Brüs­sel aber zum Ziel der tür­ki­schen EU-Mit­glied­schaft.

Un­ter den neu­en Re­geln, die bei dem um­strit­te­nen Re­fe­ren­dum im April be­schlos­sen wur­den, darf der tür­ki­sche Prä­si­dent an­ders als vor­her auch Mit­glied ei­ner po­li­ti­schen Par­tei sein. Die lan­ge Tra­di­ti­on, wo­nach der Prä­si­dent als über­par­tei­li­che In­stanz über der Ta­ges­po­li­tik stand, wird auf­ge­ge­ben: Er­do­gan ist der ers­te Staats­chef seit mehr als ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert, der zu­gleich auch Par­tei­vor­sit­zen­der ist. Ein wei­te­rer Macht­zu­wachs für ihn wird mit der nächs­ten Wahl im Jahr 2019 in Kraft tre­ten. Die AKP ver­spricht den Tür­ken mehr Ef­fi­zi­enz der Re­gie­rungs­ar­beit un­ter dem neu­en Sys­tem, doch Kri­ti­ker be­fürch­ten ei­nen Marsch in die Dik­ta­tur.

Ein Staats­chef für al­le

In sei­ner Par­tei­tags­re­de un­ter­strich Er­do­gan, er sei auch für Bür­ger da, die ihn nicht ge­wählt hät­ten. Nie­mand sol­le sich aus­ge­grenzt füh­len. „Mit har­ter Faust“wer­de er je­doch ge­gen „Ver­rat“vor­ge­hen, sag­te der Prä­si­dent mit Blick auf die Be­we­gung des Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len, den er für den Putsch­ver­such im Jahr 2016 ver­ant­wort­lich macht.

Zur Ent­las­sung und Fest­nah­me von rund 150 000 mut­maß­li­chen Gü­len-An­hän­gern seit dem Putsch­ver­such sag­te Er­do­gan, beim Kampf ge­gen Gü­len sol­le mehr „Sen­si­bi­li­tät“an den Tag ge­legt wer­den. Den­noch wer­de wei­ter mit Ent­schie­den­heit ge­gen die Be­we­gung vor­ge­gan­gen. Das­sel­be gel­te für den Kampf ge­gen die ver­bo­te­ne Ar­bei­ter­par­tei Kur­dis­tans (PKK), bei dem es dar­um ge­he, die Kur­den­re­bel­len voll­stän­dig zu „ver­nich­ten“. Der nach dem Putsch­ver­such ver­häng­te Aus­nah­me­zu­stand bleibt nach Er­do­gans Wor­ten bis auf Wei­te­res in Kraft.

Kri­tik des Wes­tens wies Er­do­gan zu­rück. Der EU warf er vor, die Eu­ro­pa-Be­wer­bung des Lan­des ab­sicht­lich in ei­ne Sack­gas­se ge­führt zu ha­ben. An die­sem Mitt­woch will der tür­ki­sche Prä­si­dent in Brüs­sel mit den Spit­zen der Eu­ro­päi­schen Uni­on über die Zu­kunft der tür­ki­schen EUBe­wer­bung spre­chen. Die EU sol­le Wort hal­ten, die Visa­pflicht auf­he­ben und neue Ver­hand­lungs­ka­pi­tel in den Bei­tritts­ge­sprä­chen er­öff­nen, ver­lang­te er. Ge­sche­he dies nicht, wer­de die Tür­kei ih­ren Weg al­lei­ne fort­set­zen. Auf die er­neu­te For­de­rung nach Ein­füh­rung der To­des­stra­fe ver­zich­te­te der tür­ki­sche Prä­si­dent je­doch. Ein sol­cher Schritt wä­re das Aus für die tür­ki­sche EU-Kan­di­da­tur. Auch neue Dro­hun­gen im Zu­sam­men­hang mit dem Flücht­lings­ab­kom­men blie­ben aus.

Mit Er­do­gans Wie­der­wahl zum Par­tei­vor­sit­zen­den wird die AKP mit Blick auf die Wahl in zwei Jah­ren auf die Li­nie des Prä­si­den­ten ge­bracht. Im neu­en AKP-Vor­stand feh­len Po­li­ti­ker, die von Er­do­gan für das star­ke Ab­schnei­den der Re­gie­rungs­geg­ner beim Re­fe­ren­dum ver­ant­wort­lich ge­macht wur­den. Da­für rü­cken aus­ge­spro­che­ne Er­do­gan-An­hän­ger wie der Me­dien­un­ter­neh­mer Ethem San­cak in die Füh­rung auf. Auf­merk­sam wur­de die Be­för­de­rung von In­nen­mi­nis­ter Sü­ley­man Soylu in die AKPFüh­rung re­gis­triert; nach Ein­schät­zung ei­ni­ger Be­ob­ach­ter wird der 47jäh­ri­ge Soylu als mög­li­cher Nach­fol­ger Er­do­gans auf­ge­baut.

Per­so­nen­kult um Prä­si­den­ten

Der Par­tei­tag ze­le­brier­te ei­nen Per­so­nen­kult um Er­do­gan. Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim dich­te­te ei­nen be­rühm­ten Spruch von Staats­grün­der Musta­fa Ke­mal Ata­türk – „Wie glück­lich ist, wer sagt: Ich bin Tür­ke“– auf Er­do­gan um: „Wie glück­lich sind wir, die wir sa­gen, dass wir die Weg­ge­fähr­ten des Ar­chi­tek­ten der tür­ki­schen Er­leuch­tung, Re­cep Tay­yip Er­do­gan, sind.“Die for­mel­le Wahl Er­do­gans zum Par­tei­chef wur­de am Abend voll­zo­gen.

Kri­ti­ker des Prä­si­den­ten konn­ten dem Schau­spiel nichts ab­ge­win­nen. „Wem wollt ihr ei­gent­lich et­was vor­ma­chen?“frag­te Ha­san Ce­mal, ei­ner der we­ni­gen ver­blie­be­nen pro­mi­nen­ten Er­do­gan-Geg­ner un­ter den tür­ki­schen Jour­na­lis­ten, in ei­nem Bei­trag für das Nach­rich­ten­por­tal T24. Ce­mal nann­te das AKP-Par­tei­tags­mot­to „De­mo­kra­tie, Wan­del, Re­form“an­ge­sichts der zu­neh­men­den Re­pres­si­on ei­nen „Witz“.

Kurz vor dem Par­tei­tag wa­ren die Be­hör­den mit Fest­nah­men ge­gen die Zei­tung „Söz­cü“vor­ge­gan­gen; die dritt­größ­te Zei­tung des Lan­des ge­hört ne­ben „Cumhu­riy­et“zu den we­ni­gen Blät­tern in der Tür­kei, die Er­do­gan kri­ti­sie­ren. „Cumhu­riy­et“war be­reits in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten durch die Ver­haf­tung nam­haf­ter Jour­na­lis­ten ge­schwächt wor­den.

FO­TO: DPA

Er dul­det kei­nen Ver­rat: Der tür­ki­sche Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan spricht bei ei­nem Son­der­par­tei­tag der Re­gie­rungs­par­tei AKP.

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