Die SPD muss erst noch rech­nen

Eck­punk­te des Wahl­pro­gramms in Ber­lin prä­sen­tiert: Steu­ern und Ren­te of­fen

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Nachrichten & Hintergrund - Von Sa­bi­ne Lenn­artz

- Ei­ne Vor­stel­lung mit Hü und Hott. Erst woll­te die SPD ih­ren Leit­an­trag für den Wahl­par­tei­tag im Ju­ni prä­sen­tie­ren, dann sag­te sie ein Pres­se­ge­spräch ab, weil man viel­leicht doch län­ger be­ra­ten müs­se. Als aber spe­ku­liert wur­de, dass es noch hef­ti­gen Streit über das Pro­gramm ge­be, hieß es: Kom­man­do zu­rück. Man strei­te nicht, son­dern fei­le am Pro­gramm.

Fast trot­zig sagt SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley: „Wir ha­ben jetzt schon mehr In­hal­te als CDU/ CSU bis­her ha­ben ver­lau­ten las­sen.“Doch beim The­ma Ren­te und Steu­ern feh­len auch in der SPD kon­kre­te Fest­le­gun­gen. Denn erst ein­mal muss noch ge­rech­net wer­den.

Wäh­rend die Uni­on in Mün­chen wie­der ge­schlos­sen auf­tritt und Steu­er­sen­kun­gen an­kün­digt, wäh­rend Kanz­le­rin Mer­kel wie­der ganz oben auf die Be­liebt­heits­ska­la der Deut­schen ge­rutscht ist, steigt im Wil­ly-Brandt-Haus die Ner­vo­si­tät. „Jetzt ha­ben wir har­te Ta­ge vor uns“, hat Par­tei­chef Mar­tin Schulz am Sonn­tag in Schwein­furt pro­gnos­ti­ziert. Denn die Un­ru­he bei den So­zi­al­de­mo­kra­ten ist nach den Nie­der­la­gen bei den Land­tags­wah­len im Saar­land, in Schles­wig-Hol­stein und in Nord­rhein-West­fa­len groß.

Fehl­alarm

Der Schulz-Ef­fekt scheint ver­pufft. Wahl­kämp­fer be­rich­ten, dass vie­le Wäh­ler sich fra­gen, wo­für ge­nau die SPD steht. Das ge­nau will die Par­tei mit dem Wahl­pro­gramm be­ant­wor­ten. Doch auch hier lief am Mon­tag in Ber­lin nicht al­les nach Plan. Der Alarm ging los, als Mar­tin Schulz am Mor­gen im Wil­ly-Brandt-Haus den Par­tei­vor­stand be­grüß­te. Ein ver­däch­ti­ger Ge­gen­stand war ge­fun­den wor­den, die Par­tei­zen­tra­le wur­de zwei St­un­den lang eva­ku­iert – bis zur Ent­war­nung. Doch das war noch die ge­rings­te Pan­ne an die­sem Tag.

Der SPD-Vor­stand be­riet das Wahl­pro­gramm, ge­nau­er ge­sagt ei­ne „ho­he drei­stel­li­ge Zahl von Än­de­rungs­an­trä­gen“. Da sei es häu­fig nur um Spie­gel­stri­che ge­gan­gen, hieß es in der Zen­tra­le. Es ha­be nicht den „Hauch ei­nes Streits“ge­ge­ben, ver­si­cher­ten Vor­stands­mit­glie­der wie Flo­ri­an Pro­nold. Doch die Ver­wir­rung war da, und sie schwand auch dann nicht, als die SPD-Pro­gramm­kom­mis­si­on, be­ste­hend aus SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Bar­ley, Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ma­nue­la Schwe­sig und Frak­ti­ons­chef Tho­mas Op­per­mann dann am Nach­mit­tag doch noch die Eck­punk­te vor­stell­ten. Von ei­nem leich­ten Durch­ein­an­der im Wil­ly-Brand­tHaus zeug­te schon die Über­schrift des Leit­an­trags: „Mehr Zeit für Ge­rech­tig­keit“. Wo es doch ei­gent­lich „Zeit für mehr Ge­rech­tig­keit“hei­ßen soll­te.

Wo Mar­tin Schulz vor vier Mo­na­ten auf dem Par­tei­tag in Ber­lin noch auf Mie­ten ein­ging, die nor­ma­le Ar­bei­ter nicht mehr be­zah­len kön­nen, auf brö­ckeln­den Putz an Schu­len, wäh­rend für die Ban­ken Mil­li­ar­den da sei­en, auf die Steu­ern des klei­nen Bä­ckers um die Ecke, wäh­rend rie­si­ge Kaf­fee­kon­zer­ne frei­ge­stellt wür­den, da feh­len jetzt die Bil­der. Nicht Schulz, son­dern die Pro­gramm­kom­mis­si­on woll­te je­doch ih­re ei­ge­ne Ar­beit vor­stel­len. Und so do­zier­te am Mon­tag Op­per­mann nüch­tern, wie man die sach­grund­lo­se Be­fris­tung bei der Ar­beit wie­der ab­schaf­fen wol­le, da­mit jun­ge Leu­te nicht zehn Jah­re auf ei­ne Fest­an­stel­lung war­ten müss­ten.

Man for­der­te die Rück­kehr von Teil­zeit in Voll­zeit, Mit­be­stim­mung schon ab 1000 (statt 2000) Be­schäf­tig­ten. Beim The­ma in­ne­re Si­cher­heit set­zen die So­zi­al­de­mo­kra­ten nicht nur auf 15 000 Po­li­zis­ten mehr, son­dern auch auf mehr Staats­an­wäl­te und auf mehr Här­te ge­gen Straf­tä­ter. Frak­ti­ons­chef Op­per­mann kri­ti­sier­te die Uni­on, die sich als Hü­te­rin der In­ne­ren Si­cher­heit auf­p­lus­te­re, da­bei stel­le sie ei­nen In­nen­mi­nis­ter, der es zu­las­se, dass ein rechts­ex­tre­mer Sol­dat sich als Flücht­ling ha­be tar­nen kön­nen. Das zei­ge doch ei­nen „ver­lot­ter­ten Zu­stand“.

Schon be­kannt ist die For­de­rung der SPD, die Ki­tas ge­büh­ren­frei zu stel­len. Da­für müs­se der Bund 3,5 Mil­li­ar­den Eu­ro be­reit­stel­len. Die SPD will hier den gro­ßen Wurf statt Steu­er­ver­spre­chen, die man nicht brau­che. „Die CDU sitzt doch im Oh­ren­ses­sel“, meint Ma­nue­la Schwe­sig. Auch ei­ne Pfle­ge­zeit, die ana­log zum El­tern­geld ei­ne bis zu drei­mo­na­ti­ge Frei­stel­lung oder Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit er­mög­licht, wol­len die So­zi­al­de­mo­kra­ten ein­füh­ren.

Am 25. Ju­ni in Dort­mund soll auf ei­nem Son­der­par­tei­tag das Wahl­pro­gramm be­schlos­sen wer­den. Ob bis da­hin klar ist, wel­ches Ren­ten­ni­veau die SPD hal­ten will, bis zu wel­cher Ein­kom­mens­gren­ze sie klei­ne und mitt­le­re Ein­kom­men ent­las­ten will, und wer mehr be­zah­len soll, ist of­fen. Viel­leicht soll das Steu­er­kon­zept auch erst nach dem Par­tei­tag vor­ge­stellt wer­den, heißt es. Si­cher ist nur, so Ka­ta­ri­na Bar­ley, dass Mar­tin Schulz noch ein­mal „ein ei­ge­nes, kan­ti­ges Pro­gramm mit Zu­spit­zun­gen“vor­stel­len wer­de.

FO­TO: DPA

Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ma­nue­la Schwe­sig (von links nach rechts), der SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Tho­mas Op­per­mann und SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley stell­ten Aus­zü­ge des SPD-Wahl­pro­gramms vor.

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