Künf­tig könn­ten Kör­per auf­ge­löst wer­den

Se­rie „1200 Jah­re Stadt­ge­spräch“– Heu­te: Mark­dor­fer Be­stat­tungs-In­sti­tut Vogt

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Markdorf - Von Sa­rah Schababerle

- Hät­te Heinz Vogt vom gleich­na­mi­gen Be­stat­tungs­un­ter­neh­men in Mark­dorf vor 1200 Jah­ren ge­lebt, hät­te er wohl als To­ten­grä­ber den Pfar­rer und die An­ge­hö­ri­gen bei Be­gräb­nis­sen un­ter­stützt. Ei­nen Be­stat­ter im heu­ti­gen Sin­ne gab es da­mals noch nicht. Viel­mehr be­er­dig­ten Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge ih­re Ver­stor­be­nen weit­ge­hend selbst.

Im christ­li­chen Mark­dorf wur­den Ver­stor­be­ne auf dem Kirch­hof be­gra­ben. Da­bei war es wich­tig, so nah wie mög­lich am Al­tar zu lie­gen. Pri­vi­le­gier­te Per­so­nen wur­den des­halb in der Kir­che be­stat­tet. Al­ler­dings war die Gestal­tung der Grä­ber ne­ben­säch­lich. Das Grä­ber­feld war des­halb un­re­gel­mä­ßig mit Hü­geln und tie­fen Kuh­len durch­zo­gen, Kreu­ze oder Blu­men gab es nicht.

Heinz Vogt wur­de 1983 in Mark­dorf ge­bo­ren und wuchs zwi­schen Sär­gen und Blu­men­schmuck auf. „Wenn wir ge­spielt ha­ben, war es nor­mal, dass ein Sarg über den Hof ge­rollt wur­de“, er­zählt er. Für Freun­de sei es das Größ­te ge­we­sen, ei­nen Sarg von Na­hem an­zu­schau­en. Be­reits sein Groß­va­ter Hein­rich war in Mark­dorf als Lei­chen­be­schau­er da­für zu­stän­dig, bei Ver­stor­be­nen den Tod fest­zu­stel­len und ei­ne un­na­tür­li­che To­des­ur­sa­che aus­zu­schlie­ßen. Heu­te ma­chen das Ärz­te. Die Leu­te sei­en ein­fach an die Haus­tür ge­kom­men, wenn je­mand ver­stor­ben war, und hät­ten ge­klopft – Tag und Nacht, er­zählt En­kel Heinz. „Opa hat­te kein Han­dy und noch nicht ein­mal ein Fest­netz­te­le­fon, wenn er un­ter­wegs war, muss­ten die Leu­te halt war­ten.“

Au­ßer­dem war er Fried­hofs­wär­ter. „Mein Opa hat noch von Hand die Grä­ber aus­ge­ho­ben, Som­mer wie Win­ter“, er­zählt Heinz. Sein Va­ter Hel­mut grün­de­te 1964 das Be­stat­tungs­un­ter­neh­men, spä­ter stieg Mut­ter El­frie­de mit ein. Heinz mach­te zu­nächst ei­ne Aus­bil­dung zum Schrei­ner, ent­schied sich dann aber doch für das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men, eben­so wie Bru­der Her­bert, der nach der Aus­bil­dung zum Ver­wal­tungs­fach­an­ge­stell­ten wie­der in den el­ter­li­chen Be­trieb zu­rück­kehr­te. Heu­te bie­ten sie ei­ne gan­ze Lis­te an Di­enst­leis­tun­gen rund um die Be­er­di­gung an. Muss­ten An­ge­hö­ri­ge den Sarg frü­her beim Schrei­ner be­stel­len und das To­ten­ge­wand beim Be­klei­dungs­ge­schäft, so sind heu­te al­le Schrit­te im Be­ruf des Be­stat­ters ver­eint.

Wie der Tod in 1200 Jah­ren aus­sieht, kön­nen Heinz und Her­bert nur spe­ku­lie­ren. Schließ­lich ha­be sich schon in den ver­gan­ge­nen 70 Jah­ren seit Be­ste­hen ih­res Un­ter­neh­mens viel ver­än­dert. „Ich weiß nicht, ob künf­ti­ge Ge­ne­ra­tio­nen über­haupt noch auf den Fried­hof ge­hen“, sagt Her­bert. Auf­grund der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung sei vor­stell­bar, dass mit­tel- bis lang­fris­tig we­ni­ger Geld für Be­stat­tun­gen zur Ver­fü­gung ste­he. Al­ter­na­ti­ve Be­stat­tungs­for­men könn­ten zu­neh­men. Be­reits heu­te sei­en Be­stat­tun­gen im Fried­wald zu­neh­mend ge­fragt. Grund­sätz­lich näh­men Feu­er­be­stat­tun­gen zu. Wer wol­le, kön­ne sich auch ber­go­der see­be­stat­ten las­sen, „aber nicht im Bo­den­see“, sagt Heinz Vogt.

Und es könn­te noch wei­ter ge­hen: Ab­ge­se­hen von der Kryo­kon­ser­vie­rung, bei der sich Ver­stor­be­ne nach ih­rem Tod ein­frie­ren las­sen, um spä­ter mög­li­cher­wei­se wie­der auf­ge­taut zu wer­den, gibt es in ei­ni­gen Län­dern be­reits An­sät­ze, Kör­per in ei­ner che­mi­schen Lö­sung auf­zu­lö­sen – bei der laut Be­für­wor­tern um­welt­freund­li­chen Me­tho­de bleibt nur Was­ser und ein wei­ßes Pul­ver üb­rig, was bei der zu­neh­men­den Zahl an Men­schen auf der Er­de durch­aus ir­gend­wann re­le­vant wer­den könn­te. Mit­tel­fris­tig ge­hen die Brü­der aber da­von aus, dass Leu­te auf be­währ­te Tra­di­tio­nen zu­rück­grei­fen. „Das ist ein emo­tio­na­les The­ma“, sagt Her­bert Vogt.

FO­TO: SA­RAH SCHABABERLE

Her­bert (links), El­frie­de und Heinz Vogt be­glei­ten Mark­dor­fer auf ih­rem letz­ten Weg.

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