Schick­sals­schlag zwingt SPD zum Um­bau

Nach dem Rück­tritt von Er­win Sel­le­ring set­zen die So­zi­al­de­mo­kra­ten auf Ma­nue­la Schwe­sig

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Nachrichten & Hintergrund - Von Ras­mus Buch­stei­ner

- „Ich weiß, dass ihm die­se Ent­schei­dung nicht leicht ge­fal­len ist.“Mar­tin Schulz wür­digt Er­win Sel­le­ring als „au­ßer­ge­wöhn­li­chen Po­li­ti­ker“und „au­ßer­ge­wöhn­li­chen Men­schen“. Der SPD-Chef und Kanz­ler­kan­di­dat ist sicht­lich be­wegt, weil sich der Mi­nis­ter­prä­si­dent von Meck­len­burg-Vor­pom­mern we­gen ei­ner aku­ten Krebs­er­kran­kung zu­rück­zieht. Ei­gent­lich hat­te Schulz am Mon­tag­abend fei­ern wol­len, doch ver­ab­schie­de­te er sich beim Fest der SPD-Par­tei­zei­tung „Vor­wärts“schnell, te­le­fo­nier­te mit Sel­le­ring. „Tief be­trof­fen“sei er da­nach ge­we­sen, be­rich­tet Schulz. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) hat eben­falls Mit­ge­fühl: „Ich wün­sche ihm und sei­ner Fa­mi­lie Kraft für die kom­men­den Mo­na­te.“

Erst die drei Nie­der­la­gen bei den Land­tags­wah­len in die­sem Jahr, der Ab­sturz in den Um­fra­gen, am Wo­che­n­en­de die Qu­er­schüs­se von Peer St­ein­brück – und nun auch noch das! Schulz wird durch die über­ra­schen­de Krebs­dia­gno­se des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten von Meck­len­burg-Vor­pom­mern und die Be­reit­schaft von Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ma­nue­la Schwe­sig, neue Re­gie­rungs­che­fin in Schwe­rin zu wer­den, un­ter Zug­zwang ge­setzt. In­ner­halb kur­zer Zeit muss er sein Team neu sor­tie­ren. Am En­de nach ei­ni­gem Hin und Her setz­te der Kanz­ler­kan­di­dat auf die Rocha­de – mit dem Ziel, sei­ner Kam­pa­gne mehr Schwung zu ver­lei­hen. Stüh­le­rü­cken bei der SPD.

Hef­ti­ge Kri­tik an Bar­ley

Lan­gen Ap­plaus gab es am Di­ens­tag im SPD-Frak­ti­ons­saal, als Schulz den Ab­ge­ord­ne­ten, wie er sagt, „mei­ne Ent­schei­dung vor­ge­tra­gen“hat. Schwe­sig-Nach­fol­ge­rin wird die bis­he­ri­ge SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley. Der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Hu­ber­tus Heil, der Par­tei und Wahl­kämp­fe be­reits zwi­schen 2005 und 2009 ge­ma­nagt hat­te, über­nimmt als neu­er Ge­ne­ral­se­kre­tär.

Für Schulz ist Schwe­sigs Wech­sel von der Bun­des- in die Lan­des­po­li­tik zu­nächst ein­mal ein Ver­lust. Die 43Jäh­ri­ge war zu­letzt Ak­tiv­pos­ten in der SPD. Als Che­fin der Pro­gramm­kom­mis­si­on, stell­ver­tre­ten­de Par­tei­vor­sit­zen­de und Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin, die öf­fent­lich­keits­wirk­sam The­men für die Ge­nos­sen be­setz­te – et­wa mit ei­nem Mo­dell für ei­ne Fa­mi­li­en­ar­beits­zeit.

Dass sich Schulz für die kom­pli­zier­te­re Va­ri­an­te der Rocha­de ent­schie­den hat, da­für wer­den in der SPD ver­schie­de­ne Grün­de ge­nannt. Dem Fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um wird in der SPD ei­ne gro­ße stra­te­gi­sche Be­deu­tung für den Bun­des­tags­wahl­kampf bei­ge­mes­sen. Um­so wich­ti­ger sei es ge­we­sen, ei­ne pro­fi­lier­te Neu­be­set­zung vor­zu­neh­men, auch wenn es nur noch um we­ni­ge Mo­na­te im Amt ge­he, heißt es in der SPD-Spit­ze. „Gro­ße Ver­diens­te“ha­be sie für die Par­tei, lobt Schulz die schei­den­de Par­tei­ma­na­ge­rin in den höchs­ten Tö­nen. „Mit ih­rer Le­bens­er­fah­rung“und „ih­rer Fa­mi­li­en­struk­tur“brin­ge sie al­les mit, was in dem Amt ge­braucht wer­de. Die ge­lern­te Ju­ris­tin Bar­ley, ge­bo­ren in Köln, wohn­haft bei Tri­er, ist ge­schie­den, hat zwei Söh­ne. „Ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Wahl“, wi­der­spricht Schulz dem Ein­druck, Bar­ley sei de­gra­diert wor­den. Tat­säch­lich hat­te es zu­letzt nach den Wahl­nie­der­la­gen in Schles­wig-Hol­stein und Nord­rhein­West­fa­len und der ver­patz­ten Prä­sen­ta­ti­on des SPD-Wahl­pro­gramms in­tern hef­ti­ge Kri­tik an der Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin ge­ge­ben. Zu un­er­fah­ren, zu de­fen­siv, hieß es hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand, die Wahl­kampf­zen­tra­le im Wil­ly-Brandt-Haus sei nicht rich­tig auf­ge­stellt.

Kri­tik, die Schulz nicht gel­ten las­sen will. Dass er mit dem Nie­der­sach­sen Hu­ber­tus Heil ei­nen Po­li­ti­ker zu sei­nem Wahl­kampf­ma­na­ger macht, der be­reits ei­nen Bun­des­tags­wahl­kampf ge­lei­tet hat, ist je­doch ein Si­gnal. Heil kön­ne di­rekt los­le­gen und die Är­mel auf­krem­peln, ken­ne die Par­tei so gut wie kaum je­mand, heißt es aus Schulz‘ Um­ge­bung. Achim Post, der Chef der ein­fluss­rei­chen nord­rhein-west­fä­li­schen SPDLan­des­grup­pe im Bun­des­tag, des­sen Na­me am Di­ens­tag eben­falls ge­nannt wur­de, ver­fügt über kei­ne Er­fah­rung mit Bun­des­tags­wahl­kämp­fen. Und er wä­re nach Schulz und Schatz­meis­ter Diet­mar Nie­t­an der drit­te Po­li­ti­ker aus Nord­rhein-West­fa­len in der Parteispitze ge­we­sen.

An Heil klebt je­doch ein Ma­kel: Er war es, der 2009 den Wahl­kampf ge­ma­nagt hat­te. Der heu­ti­ge Bun­des­prä­si­dent Frank-Walter St­ein­mei­er fuhr da­mals mit 23 Pro­zent das bis­her schlech­tes­te Bun­des­tags­wahl­er­geb­nis ein. Heil ist Mit­glied der „Netz­wer­ker“in der SPD, die sich zwi­schen dem rech­ten „See­hei­mer Kreis“und der Par­la­men­ta­ri­schen Lin­ken ver­or­ten. Der 44-Jäh­ri­ge weiß, wie es ist, aus ei­ner Gro­ßen Ko­ali­ti­on her­aus Wahl­kampf zu ma­chen. „Es darf nicht so sein, dass die CDU, vor al­lem die Bun­des­kanz­le­rin, win­kend auf dem Son­nen­deck ste­hen und die SPD im Ma­schi­nen­raum die Ar­beit macht und schwitzt“, er­klär­te er 2006. Er war be­reits un­ter drei Vor­sit­zen­den Ge­ne­ral­se­kre­tär – Mat­thi­as Platz­eck, Kurt Beck und Franz Mün­te­fe­ring. Schulz ist nun der vier­te. Mit ihm ver­bin­det ihn be­reits ein Ver­trau­ens­ver­hält­nis. Vor we­ni­gen Wo­chen ha­ben der Kanz­ler­kan­di­dat und Heil ein wirt­schafts­po­li­ti­sches Stra­te­gie­pa­pier vor­ge­legt. „Ich wer­de mich nicht dar­auf kon­zen­trie­ren, Ko­ali­ti­ons­de­bat­ten zu füh­ren“, er­klär­te der neue SPD-Ge­ne­ral. „Die SPD hat ei­nen her­vor­ra­gen­den Kanz­ler­kan­di­da­ten und ein or­dent­li­ches Pro­gramm.“

FO­TO: DPA

Ab­schied aus der Po­li­tik: der Mi­nis­ter­prä­si­dent von Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Er­win Sel­le­ring (SPD).

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