Die Nacht, in der die Stadt nie­der­brann­te

Ein Feu­er zer­stör­te 1842 gro­ße Tei­le der Mark­dor­fer Ober­stadt und ver­än­der­te das Stadt­bild grund­le­gend

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Markdorf - Von Sa­rah Scha­ba­ber­le und Jo­han­nes Bes­lmeisl

- Die Nacht vom 10. auf den 11. Ju­li 1842 hat sich buch­stäb­lich in die Ge­schich­te Mark­dorfs ein­ge­brannt. In die­ser Nacht brach auf dem heu­ti­gen Markt­platz ein Feu­er aus und ver­nich­te­te gro­ße Tei­le der Ober­stadt. Das Feu­er soll bis nach Ulm sicht­bar ge­we­sen sein, be­rich­te­te ein Zeit­zeu­ge. In die­sem Jahr jährt sich der gro­ße Stadt­brand zum 175. Mal.

Wie meh­re­re Chro­ni­ken be­schrei­ben, brach das Feu­er ge­gen 22 Uhr in der Werk­statt des Fär­ber­meis­ters Bap­tist Prei­sing am heu­ti­gen Markt­platz aus. Ob­wohl schon seit et­wa 1500 auch au­ßer­halb der al­ten Stadt­gren­zen ge­baut wor­den war, hat­te Mark­dorf bis zu die­sem Zeit­punkt sei­nen mit­tel­al­ter­li­chen Charakter weit­ge­hend er­hal­ten. Die Ober­stadt war von ei­ner Stadt­mau­er um­ge­ben, die nur von ei­ni­gen Tür­men und To­ren un­ter­bro­chen war. Am Ostrand der Stadt stand das Ober­tor mit dem Bla­ser­turm, et­was wei­ter süd­lich da­von am En­de des Fuchs­gäs­s­les gab es das klei­ne Vo­gel­tör­le. Wer nach Nor­den aus der Stadt woll­te, muss­te durchs Hell­tor, nach Wes­ten be­grenz­te das Un­ter­tor die Alt­stadt.

Da in­ner­halb der Mau­er we­nig Platz war – vom Ober- zum Un­ter­tor sind es nur et­wa 300 Me­ter –, war die Ober­stadt dicht mit Fach­werk­häu­sern be­baut und ein Ge­wirr aus en­gen Gäss­chen. Brand­schutz­maß­nah­men wie feu­er­fes­te Zwi­schen­wän­de gab es nicht. Ent­spre­chend ver­hee­rend konn­te sich das Feu­er durch die gan­ze Ober­stadt fres­sen. Rund um die Stadt­kir­che brann­ten ne­ben 78 Wohn- und Ge­schäfts­häu­sern das al­te Rat­haus ne­ben der Kir­che, das Korn­haus auf dem heu­ti­gen Markt­platz, der Schlacht­hof und das Schul­haus nie­der.

Das Rat­haus aus dem 16. Jahr­hun­dert, das et­wa an der Stel­le des heu­ti­gen Rat­hau­ses stand, wur­de schwer be­schä­digt. Auch der Turm der Stadt­kir­che brann­te aus. In Schil­de­run­gen über den Stadt­brand heißt es, dass die neun Glo­cken von St. Ni­ko­laus mit Schlag Mit­ter­nacht schmel­zend in die Tie­fe fie­len. 99 Fa­mi­li­en ver­lo­ren über Nacht ihr Zu­hau­se. Sie wur­den vor­über­ge­hend im ehe­ma­li­gen Ka­pu­zi­ne­rin­nen­klos­ter, das kurz zu­vor zum Spi­tal um­ge­wan­delt wor­den war, in der heu­ti­gen Spi­tal­stra­ße un­ter­ge­bracht.

In den Wo­chen vor dem Brand herrsch­te gro­ße Tro­cken­heit. Zu­dem wa­ren we­ni­ge Ta­ge zu­vor die bei­den Wei­her in der heu­ti­gen Pes­ta­loz­zi­stra­ße ab­ge­las­sen wor­den. Die Mark­dor­fer Feu­er­wehr und Hilfs­mann­schaf­ten aus den um­lie­gen­den Or­ten hat­ten dem Feu­er so nur we­nig ent­ge­gen­zu­set­zen. Mit ein­fa­chen Hand­pum­pen und klei­nen Sprit­zen ver­such­ten die Men­schen, das Aus­brei­ten des Feu­ers auf die Un­ter­stadt und über die Stadt­mau­er zu ver­hin­dern. Das Was­ser trans­por­tier­ten sie in Le­derei­mern, die mit­tels Men­schen­ket­te bis zum Brand­ort durch­ge­reicht wur­den.

Stadt­ar­chi­var Walter Hut­ter hat Bil­der und Do­ku­men­te des Bran­des für die Aus­stel­lung an­läss­lich der 1200-Jahr-Fei­er in der Stadt­ga­le­rie auf­be­rei­tet. Auch ei­nen his­to­ri­schen Le­derei­mer und ei­ne Was­ser­sprit­ze kön­nen sich die Be­su­cher an­schau­en. Am in­ter­es­san­tes­ten sind in den Au­gen Hut­ters die Ein­trä­ge des da­ma­li­gen Pfar­rers über die Spen­den, die nach dem Brand nach Mark­dorf ge­flos­sen sind. Aus um­lie­gen­den Ge­mein­den, aber auch vom Kö­nig­reich Han­no­ver und vom Groß­her­zog Leo­pold von Ba­den er­reich­te die Stadt ei­ne gro­ße Hilfs­be­reit­schaft. Den Ge­samt­scha­den von 250 000 Gul­den, der nicht ein­mal zur Hälf­te durch Ver­si­che­run­gen ab­ge­deckt war, konn­te das zu­min­dest ab­mil­dern.

Be­reits vier Wo­chen nach dem Brand be­gan­nen die Mark­dor­fer un­ter stren­gen Brand­schutz­vor­schrif­ten mit dem Bau der ers­ten neu­en Häu­ser. Ein Jahr spä­ter konn­ten die Ge­schä­dig­ten wie­der ein­zie­hen. Die Res­te des Hell­tor­turms und des Bla­ser­turms beim Ober­tor wur­den ab­ge­ris­sen. Der da­ma­li­ge Stadt­rat Re­ne Fritz setz­te sich da­für ein, den durch den Brand ent­stan­de­nen Platz ne­ben der Kir­che, den heu­ti­gen Markt­platz, zu er­hal­ten. Der Kirch­turm er­hielt ei­nen acht­ecki­gen Sand­stein­auf­bau mit ei­nem spit­zen Dach. Zwi­schen Rat­haus­platz und der „Al­ten Stra­ße“Rich­tung Ravensburg, wo zu­vor die Stadt­mau­er und ei­ne durch­ge­hen­de Häu­ser­rei­he ei­ne Bar­rie­re ge­bil­det hat­ten, wur­de ei­ne neue Ver­bin­dungs­stra­ße ge­baut, die heu­ti­ge Wein­steig­stra­ße.

Fär­ber­meis­ter Prei­sing wur­de zwi­schen­zeit­lich ver­haf­tet, aber man konn­te ihm kei­ne Brand­stif­tung nach­wei­sen. Laut Hut­ter könn­te das An­mi­schen von Far­ben, das un­ter ho­hen Tem­pe­ra­tu­ren durch­ge­führt wer­den muss­te, zu ei­nem Un­fall ge­führt ha­ben.

FOTO: SLE/QUELLE: PRIVATARCHIV VO­GEL

Die­ses Öl­ge­mäl­de von der bren­nen­den Stadt wur­de von Kon­rad Vo­gel ge­malt. Auch sein Haus di­rekt un­ter­halb des Ober­tors wur­de durch das Feu­er zer­stört.

FOTO: SA­RAH SCHA­BA­BER­LE

Stadt­ar­chi­var Walter Hut­ter wacht über die Un­ter­la­gen zum Stadt­brand von 1842.

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