Lu­ther rockt das Haus im Wein­berg

Anu­sch­ka Scho­epes mit­rei­ßen­des Lu­ther-Mu­si­cal wird be­geis­tert ge­fei­ert

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Markdorf -

- Hoff­nungs­los ist am Sams­tag­abend im Haus im Wein­berg die Su­che nach noch frei­en Plät­zen für die Pre­mie­re des Mu­si­cals „Vo­gel­frei“ge­we­sen, das in Ko­ope­ra­ti­on von Evan­ge­li­scher Kir­chen­ge­mein­de und Mu­sik­schu­le Mark­dorf ent­stand. Am En­de von halb­stün­di­gem Ap­plaus samt Dank­sa­gun­gen hat Pfar­rer Ti­bor Na­gy es auf den Punkt ge­bracht: „Ihr habt Lu­ther so rich­tig zum Ro­cken ge­bracht.“

Zwei Jah­re frü­her war Na­gy mit der Idee, zum Lu­ther­jahr et­was Ei­ge­nes zu ma­chen, an Anu­sch­ka Scho­epe her­an­ge­tre­ten. Er hat­te es fast schon ver­ges­sen, als sie ein hal­bes Jahr spä­ter er­klär­te, den Text fer­tig zu ha­ben. Na­tür­lich war noch viel Ar­beit nö­tig, bis zu­letzt wur­de an Text und Mu­sik ge­feilt, doch was jetzt in Mark­dorf auf die Büh­ne kam, war ein­fach um­wer­fend und kann sich durch­aus mit den bei­den Pro­fiLu­ther-Stü­cken mes­sen, die die­ses Jahr in Fried­richs­ha­fen zu se­hen wa­ren. Mit ei­nem Un­ter­schied: Das Mark­dor­fer Ei­gen­ge­wächs traf haar­ge­nau die Kern­ge­dan­ken der lu­the­ri­schen Leh­re und es hat emo­tio­nal mit­ge­ris­sen. Das „an­de­re Lu­therMu­si­cal“war et­was, das von in­nen her­aus kam – pro­fes­sio­nell und un­ge­mein pa­ckend, so­wohl der Text, den Anu­sch­ka Scho­epe ge­schrie­ben wie auch die Chö­re und die Mu­sik, die sie da­zu kom­po­niert und mit Chor und „Ablass-Band“rea­li­siert hat. Ihr Sohn Da­vid Eck­mann hat sich an­ste­cken las­sen und mit eben­so viel Herz­blut Re­gie ge­führt, dass dank der en­ga­gier­ten Spie­ler pa­cken­des Thea­ter ent­stand.

Die Sto­ry ist ein­fach und führt mit­ten hin­ein ins The­ma: Nicht Lu­ther steht im Mit­tel­punkt, son­dern jun­ge Men­schen von heu­te er­fah­ren, was er ih­nen noch zu sa­gen hat. Rock­star Ed­di (Jé­rô­me Kreu­zer) hat sich über­nom­men und fällt ins Ko­ma. Sei­ne Freun­din Sal­ly (an­rüh­rend echt Shau­la Cruz Her­re­ra) will wie bis­her al­les für ihn tun, kommt aber zum Nach­den­ken. Sie hin­ter­fragt ih­re Rol­le und sieht fürs Ers­te ih­re Auf­ga­be dar­in, ihm zu hel­fen, ins Le­ben zu­rück­zu­fin­den.

Auf ein­mal steht er wie­der auf der Büh­ne, um­ge­ben von selt­sa­men Ge­stal­ten in ei­ner Klei­dung, die in die Lu­ther­zeit weist. Auf ei­ner Sei­ten­lein­wand wer­den wei­ße Ge­stal­ten vor blü­hen­den Bäu­men ein­ge­blen­det, ei­ne Traum­welt. Ed­di be­geg­net dem Ablass­pre­di­ger Tet­zel (Ni­clas Mai­er), der gar nicht so un­sym­pa­thisch ge­zeich­net wird. Er wird sein Ge­hil­fe, doch dann kommt es zur ent­schei­den­den Be­geg­nung mit Mar­tin Lu­ther (Frank May­er). In ein­fa­chen, kla­ren Wor­ten über­zeugt die­ser ihn von den Pflich­ten, die der Ein­zel­ne hat. Ed­di stellt sich ge­gen den Ablass­pre­di­ger, wird ver­ur­teilt. Ei­ne groß­ar­ti­ge Sze­ne, wie der In­qui­si­tor (Mat­thi­as Weng) ihn im Ker­ker be­sucht. Ed­di trifft ein Mäd­chen, das ihm ir­gend­wie be­kannt vor­kommt – es ist sei­ne Freun­din Sal­ly. Die schreck­li­chen Träu­me ha­ben sich ge­lich­tet, er kehrt in die Ge­gen­wart zu­rück. Durch sein Trau­ma hat er zu ei­ner neu­en Ein­stel­lung zum Le­ben und zu sei­ner Um­ge­bung ge­fun­den, er kann wie­der be­geis­tert in der Band mit­ma­chen und sieht zugleich sei­ne Freun­din mit an­de­ren Au­gen an.

Anu­sch­ka Scho­epes Mu­sik ent­hält Ele­men­te des Rock und des mo­der­nen Mu­si­cals – Me­lo­di­en, die zu Ohr­wür­mern wer­den könn­ten. Zur fet­zi­gen Rock­band ka­men ei­ne ge­lun­ge­ne Cho­reo­gra­fie, stim­mi­ge Bil­der und Ko­s­tü­me, eben al­les, was zu ei­nem mit­rei­ßen­den Mu­si­cal ge­hört.

Am Ran­de sei noch ver­merkt, dass auch ein „Mann aus dem Volk“sei­ne Sün­den vom Ver­prü­geln sei­ner Frau bis zur Steu­er­hin­ter­zie­hung öf­fent­lich kund­ge­tan hat – klar, dass Bür­ger­meis­ter Ge­org Ried­mann für die­se So­lo­ein­la­ge rei­chen Bei­fall er­hielt.

FO­TO: HEL­MUT VOITH

Rock­star Ed­di (Jé­rô­me Kreu­zer) ist zu­sam­men­ge­bro­chen und liegt im Ko­ma, gleich wird er im Traum in der Lu­ther­zeit an­kom­men.

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