Wann ist man „ein­ge­deutscht“?

In­ter­kul­tu­rel­les Stadt­fest ver­zich­tet im bun­ten Pro­gramm nicht auf erns­te The­men

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Bodenseekreis - Von Le­na Rei­ner

- Das Wet­ter hät­te et­was bes­ser sein dür­fen, den­noch hat das In­ter­kul­tu­rel­le Stadt­fest wie­der vie­le Be­su­cher an­ge­zo­gen. Im Mit­tel­punkt stan­den fröh­li­che Be­geg­nun­gen, aber auch erns­te The­men wur­den nicht aus­ge­spart.

Das In­ter­kul­tu­rel­le Stadt­fest war­te­te mit wech­sel­haf­tem win­di­gem Wet­ter auf. Dass das je­doch der Stim­mung kei­nen Ab­bruch tut, weiß auch Die­ter Stau­ber, der das Pro­gramm auf der Büh­ne der Mu­sik­mu­schel mo­de­riert. „Es ist kein Ba­de­wet­ter, aber nicht un­ge­müt­lich drau­ßen. Das ist ide­al für ei­ne sol­che Ver­an­stal­tung.“Als er dar­auf ein paar Kin­der von der Büh­ne bit­ten möch­te, da­mit die auf­tre­ten­den Tän­zer sich frei be­we­gen kön­nen, muss er la­chend fest­stel­len: „Ich spre­che Deutsch, nicht je­der ver­steht mich hier.“Mit ei­nem Au­gen­zwin­kern, win­ken­den Ges­ten und her­bei­ei­len­den El­tern ist die Auf­for­de­rung dann je­doch schnell über­setzt.

Dass das in­ter­na­tio­na­le und in­ter­kul­tu­rel­le Mit­ein­an­der im All­tag eben­so gut funk­tio­niert wie hier wäh­rend des Stadt­fes­tes, da­für mag sich das in die­sem Mai ge­grün­de­te „Bünd­nis für Viel­falt“ein­set­zen, das Stau­ber we­nig spä­ter spon­tan auf die Büh­ne bit­tet, da ein an­de­rer Pro­gramm­punkt aus­ge­fal­len ist. „Wir hof­fen auf ganz vie­le Ver­ei­ne und Or­ga­ni­sa­tio­nen, die sich uns an­schlie­ßen“, be­tont Jür­gen Ke­gel­mann, der die Tee­stu­be an der Ke­p­ler­stra­ße lei­tet. Auch Emel Co­ban vom Rat der Kul­tu­ren und Na­tio­nen steht als Ver­tre­te­rin des Bünd­nis­ses mit auf der Büh­ne. Mehr Ak­ti­ve in eben je­nem Gre­mi­um (dem Rat) wünscht sich Na­ta­scha Gar­vin, die ge­mein­sam mit dem Flücht­lings­be­auf­trag­ten Ra­min Mo­in die St­abs­stel­le für Integration im al­ten Zoll­haus vor­stellt, de­ren Tür für al­le Neu­häf­ler of­fen­ste­he.

Dann geht es mit bra­si­lia­ni­schen Rhyth­men und bun­ten Ge­wän­dern wie­der bun­ter und mit viel gu­ter Stim­mung auf der Büh­ne zu. Pas­send da­zu gibt’s ne­ben der Büh­ne ei­nen Stand mit bra­si­lia­ni­schen ge­ba­cke­nen Le­cke­rei­en. Ni­na Sch­ap­po-Sten­zel ist mit ih­rem Team das ers­te Mal in Fried­richs­ha­fen da­bei und „to­tal zu­frie­den“.

Auch Gök­han Ken­an und Sim­sek Re­ca­yi sind bes­tens ge­launt. Sie ver­kös­ti­gen Pas­san­ten am Stand des tür­ki­schen El­tern­bei­rats und ha­ben auch als Ver­ein gro­ße Plä­ne für das ak­tu­el­le Jahr. Die im April frisch ge­wähl­te ers­te Vor­sit­zen­de De­rya Öz­nur möch­te die Ar­beit des Ver­eins au­ßer­halb des Klas­sen­zim­mers aus­bau­en. Ak­tu­ell un­ter­rich­ten die Mit­glie­der die tür­ki­sche Spra­che und Kul­tur an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len in Fried­richs­ha­fen, Me­cken­beu­ren, Tett­nang und Kress­bronn – im­mer dann, wenn der Re­li­gi­ons­un­ter­richt für an­de­re Schü­ler statt­fin­det. „Es wä­re schön, wenn wir es schaf­fen, ei­ne An­lauf­stel­le für Pro­ble­me der Schü­ler auch au­ßer­halb zu bie­ten“, er­klärt Öz­nur – so et­wa in der Vor­be­rei­tung auf Vor­stel­lungs­ge­sprä­che oder in Form ei­ner Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung oder auch ganz per­sön­lich auf Au­gen­hö­he: „Oft ist die größ­te Her­aus­for­de­rung, dass man nicht rich­tig weiß, wo man da­zu­ge­hört. Wann ist man ,ein­ge­deutscht’?“, er­klärt Öz­nur. Die in Deutsch­land ge­bo­re­ne Toch­ter tür­ki­scher Ein­wan­de­rer schil­dert, wie we­nig sie selbst die­se Fra­ge für sich selbst be­ant­wor­ten kön­ne.

Hei­mat­ge­füh­le

„Ich weiß, wo ich hin­ge­hö­re“, er­klärt Ken­an da­ge­gen, von dem sie das Amt über­nom­men hat und meint dann: „Ich bin ein Schwürk, ein schwä­bi­scher Tür­ke.“Für ihn per­sön­lich be­deu­te das, dass er sich di­rekt zu Hau­se füh­le, wenn er von au­ßer­halb kom­mend die deut­sche Gren­ze pas­sie­re. Doch auch auf ei­ner Ur­laubs­rei­se in die Tür­kei – aus der er vor 41 Jah­ren mit sei­nen El­tern nach Fried­richs­ha­fen ge­zo­gen sei – ha­be er ein ähn­li­ches Ge­fühl, so­bald er das Lan­des­in­ne­re er­rei­che: „Da bin ich so­fort er­leich­tert und füh­le mich si­cher.“Und doch, trotz al­ler Lie­be zu dem Land, in dem er ge­bo­ren sei, fasst er ab­schlie­ßend zu­sam­men: „Ich bin ein Häf­ler.“

FO­TOS: LE­NA REI­NER

Die „Grup­po del Sud“zeigt süd­ita­lie­ni­sches Kul­tur­gut.

Le­cke­res aus Bra­si­li­en ge­fäl­lig?

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