Durch­lö­chert

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Markdorf - Von Na­di­ne Sapot­nik

Es gibt die­se Din­ge, die ei­nem an dem ei­nen Tag egal sind und an dem an­de­ren Tag schier um den Ver­stand brin­gen. So war es auch bei mir neu­lich. Ich hat­te oh­ne­hin schlecht ge­schla­fen und fühl­te ei­ne in­ne­re Un­ru­he – und gera­de als ich mich selbst ein biss­chen be­mit­lei­den woll­te, pas­sier­te es. Es war mor­gens, ich schau­te gera­de mit der Zahn­bürs­te im Mund in den Spie­gel, da ent­deck­te ich es: ein win­zi­ges Loch in mei­nem T-Shirt an der Schul­ter. Der schwar­ze Stoff be­ton­te mei­ne wei­ße Haut, die mich na­he­zu an­starr­te. Mein Puls wur­de schnel­ler. Die­ses Loch zer­stör­te mein Out­fit. Je­der wird es se­hen und dann her­ab­las­sen­de Bli­cke mit an­de­ren tau­schen, die es eben­falls ge­se­hen hat­ten.

Es wä­re na­tür­lich das Leich­tes­te ge­we­sen, ein­fach das T-Shirt zu wech­seln. Aber das woll­te ich nicht. Dann hät­te das Loch ge­won­nen und das woll­te ich auf kei­nen Fall zu­las­sen. Al­so über­leg­te ich. Mir kam ein Ein­fall, der mir so ge­ni­al vor­kam, dass mir fast die Trä­nen in die Au­gen schos­sen: Ich ma­le mir die wei­ße Haut, die durch das Loch blitzt, ein­fach schwarz an. Die­ser win­zi­ge klei­ne Punkt, so dach­te ich, wird schnell ge­malt sein und sei­nen Zweck er­fül­len. Doch: Falsch ge­dacht. Der schwar­ze Stift mal­te nur schlecht auf mei­ner gera­de ein­ge­crem­ten Haut. Ein neu­er Plan muss­te her.

Al­so lief ich in der Woh­nung um­her und ent­schied mich, ein klei­nes Stück schwar­zen Stoff mit Se­kun­den­kle­ber hin­ter das Loch zu kle­ben. Ich war da­von über­zeugt, dass es klap­pen wird – bis zu dem Zeit­punkt als so un­ge­fähr al­les an dem T-Shirt kleb­te (in­klu­si­ve mir selbst), aber nicht der schwar­ze Stoff. Ein rie­si­ger Kleb­stoff­fleck prang­te zu­dem di­rekt ne­ben dem Loch. Ich ka­pi­tu­lier­te und sah ein, dass der Plan miss­glückt ist. Das T-Shirt lan­de­te schwe­ren Her­zens im Müll und ich zog mir ein an­de­res an und fuhr los in die Re­dak­ti­on. Ich war recht spät dran und als ich gera­de saß und dach­te, dass jetzt al­les gut wird, sag­te mei­ne Kol­le­gin: „Na­di­ne, du hast da ein Loch im TShirt.“

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