„Faust“aus heu­ti­ger Sicht be­leuch­tet

16. thea­ter­päd­ago­gi­scher Aus­bil­dungs­kurs am Leh­rer­se­mi­nar spielt Goe­thes Dra­ma

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Meckenbeuren/Immenstaad - Von Hel­mut Voith

- Mit der Ins­ze­nie­rung von Goe­thes „Faust I“, dem Na­tio­nal­dra­ma der Deut­schen, die am Frei­tag­abend im Kul­tur­schup­pen am Gleis 1 in Me­cken­beu­ren Pre­mie­re hat­te, hat Jür­gen Mack sehr viel ge­wagt, und er hat ge­won­nen. Es ist ein wür­di­ger Ab­schluss sei­nes 16. und letz­ten Thea­ter­päd­ago­gi­schen Aus­bil­dungs­kur­ses am Se­mi­nar für Di­dak­tik und Lehr­er­bil­dung Me­cken­beu­ren. Das Stück ist bis Sams­tag, 8. Ju­li, je­den Abend um 20 Uhr im Kul­tur­schup­pen.

Die „Ei­gen­pro­duk­ti­on nach Jo­hann Wolf­gang von Goe­the“greift zwar stark in den Ori­gi­nal­text ein, aber so, dass der be­kann­te „Faust“nicht ver­schütt geht, son­dern vie­les in neu­em Licht er­scheint, wirk­lich in un­se­re Zeit passt. Wäh­rend in der Schluss­sze­ne Faust recht schnell hö­ren muss: „Hein­rich, mir graut vor dir“, darf er hier noch ein­mal deut­lich sei­ne Mei­nung aus­spre­chen: Er ha­be den Tod der Mut­ter nicht ge­wollt, er sei ein Mensch und ha­be Feh­ler be­gan­gen, die ihm leid tun. Er ist ein heu­ti­ger Mensch, der zu sei­nen Feh­lern steht, auch wenn nichts mehr zu än­dern ist.

Ge­spielt wird fast oh­ne Re­qui­si­ten auf ei­ner ein­fa­chen brei­ten Büh­ne, an­fangs noch ganz weiß aus­ge­schla­gen, gut pas­send zu den vie­len weiß ge­klei­de­ten Men­schen, die sich auf den Faust ein­las­sen wol­len. Im Se­mi­nar­kurs gilt es je­des Mal, al­le Spie­ler ad­äquat ein­zu­set­zen. Bei drei Män­nern und drei­ßig Frau­en kei­ne ein­fa­che Sa­che, doch hier hat es sich an­ge­bo­ten, die Haupt­rol­len mehr­fach zu be­set­zen: drei Mal Faust, vier Gretchen, fünf Me­phis­tos, par­don „Me­phis­tas“. Sie spre­chen al­lein, ge­ben den Text wei­ter, spre­chen im Chor – und im­mer text­ver­ständ­lich, was selbst bei Pro­fis kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit mehr ist. Die Fi­gu­ren wer­den hin­ter­fragt, ih­re Viel­schich­tig­keit und Zer­ris­sen­heit wird sicht­bar, ih­re un­ter­schied­li­chen Fa­cet­ten kom­men durch die Ver­viel­fäl­ti­gung noch viel ein­drucks­vol­ler zum Tra­gen. So zeigt der ge­lehr­te Faust zu Be­ginn die Ab­grün­de in sei­nem In­ne­ren, der Teu­fel sei­ne Un­fä­hig­keit, ei­nem Men­schen wie Faust Pa­ro­li zu bie­ten. Herr­lich, wie gif­tig und ge­häs­sig so ei­ne Me­phis­ta sein kann. Auch an­de­re Fi­gu­ren kom­men in ih­rer Mehr­schich­tig­keit auf die Büh­ne.

Reich aus­ge­stal­tet

Dass ein Kurs im Lau­fe des Aus­bil­dungs­jah­res mit den Kurs­lei­tern Jür­gen Mack und Jo­chen Stup­pi und mit Re­fe­ren­ten wie Pia An­dré un­ter­schied­lichs­te For­men des Thea­ters er­kun­det, fließt in die Auf­füh­rung ein. Reich aus­ge­stal­tet ist die Cho­reo­gra­phie der bei­den Bocks­berg­sze­nen mit lüs­ter­nen He­xen in Grün, ein ganz be­son­de­res Völk­chen, auch oh­ne Be­sen. Eben­so dür­fen ein­dring­li­che Mu­sik oder Stock­kampf­sze­nen nicht feh­len, sei es, wenn Faust und Me­phis­to Gret­chens Bru­der Va­len­tin er­le­di­gen oder be­droh­lich stamp­fen­de Ge­stal­ten Gret­chens Ker­ker dar­stel­len. Zwi­schen­durch wird auch kom­men­tiert und iro­ni­siert: „Al­ter Wis­sen­schaft­ler schwän­gert 14-jäh­ri­ges Mäd­chen. Ist das die deut­sche Hoch­kul­tur?“

FO­TO: HEL­MUT VOITH

Mit Blut wird Fausts Pakt mit Me­phis­to – im Bild mit fünf Me­phis­tas – be­sie­gelt. Zu ver­fol­gen im Kul­tur­schup­pen in der In­ter­pre­ta­ti­on des 16. Thea­ter­päd­ago­gi­schen Aus­bil­dungs­kur­ses.

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