Neue Vor­wür­fe ge­gen Win­ter­korn

Ex-VW-Chef war laut Er­mitt­lern frü­her als bis­her be­kannt über Die­selskan­dal in­for­miert

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Wirtschaft - Von Be­ne­dikt von Im­hoff und Tho­mas Strün­keln­berg

(dpa) - Es ist ein Trau­er­spiel in zahl­rei­chen Ak­ten: Ent­hül­lung des Die­sel­be­trugs, mil­li­ar­den­schwe­re Ei­ni­gung in den USA, Kla­ge­wel­le, dann lang­sa­mes Ab­flau­en der VW-Kri­se. Und nun neue Vor­wür­fe. Im Mit­tel­punkt: Mal wie­der Ex-Kon­zern­chef Mar­tin Win­ter­korn. Von Kron­zeu­gen und US-Er­mitt­lungs­ak­ten wird der 70-Jäh­ri­ge schwer be­las­tet.

Win­ter­korn ha­be min­des­tens zwei Mo­na­te vor Be­kannt­wer­den des Skan­dals von den Ma­ni­pu­la­tio­nen er­fah­ren, schrieb die „Bild am Sonn­tag“. Ein VW-Ab­gas­spe­zia­list ha­be dem da­ma­li­gen VW-Chef so­wie VW-Mar­ken­chef Her­bert Diess bei ei­nem Tref­fen am 27. Ju­li 2015 aus­führ­lich die Be­trugs­soft­ware er­klärt, mit der welt­weit et­wa elf Mil­lio­nen Fahr­zeu­ge ma­ni­pu­liert wur­den.

VW hüllt sich in Schwei­gen

„Ich hat­te nicht das Ge­fühl, dass Win­ter­korn zum ers­ten Mal da­von ge­hört hat“, zi­tiert die Zei­tung den heu­ti­gen Kron­zeu­gen und be­ruft sich auf Hun­der­te Zeu­gen­be­fra­gun­gen, FBI-Be­rich­te, in­ter­ne E-Mails und ge­hei­me Prä­sen­ta­tio­nen. Volks­wa­gen er­klär­te da­zu auf Nach­fra­ge: „Vor dem Hin­ter­grund lau­fen­der Er­mitt­lun­gen äu­ßern wir uns zu den ge­nann­ten Sach­ver­hal­ten in­halt­lich nicht.“Win­ter­korn war zu­nächst nicht für ei­ne Stel­lung­nah­me zu er­rei­chen.

Nach Kon­zern­an­ga­ben hat die VW-Füh­rungs­spit­ze um den da­ma­li­gen Kon­zern­chef Win­ter­korn nur we­ni­ge Ta­ge vor Be­kannt­wer­den des Skan­dals in den USA de­tail­liert von den Ma­ni­pu­la­tio­nen er­fah­ren. Ge­gen Win­ter­korn, Diess, den heu­ti­gen VWVor­stands­vor­sit­zen­den Mat­thi­as Mül­ler so­wie den VW-Auf­sichts­rats­chef und ehe­ma­li­gen Fi­nanz­vor­stand Hans Die­ter Pötsch lau­fen in Deutsch­land be­reits Er­mitt­lun­gen we­gen des Ver­dachts der Markt­ma­ni­pu­la­ti­on. Sie sol­len den Ka­pi­tal­markt ent­ge­gen der Vor­schrif­ten nicht recht­zei­tig über die Pro­ble­me in­for­miert ha­ben. Au­ßer­dem er­mit­telt die Staats­an­walt­schaft Braun­schweig ge­gen fast 40 Be­schul­dig­te we­gen Be­trugs­ver­dachts, auch ge­gen Win­ter­korn. Das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um woll­te den Be­richt nicht kom­men­tie­ren.

Die Sit­zung vom 27. Ju­li hat­te nach In­for­ma­tio­nen der Deut­schen Pres­seA­gen­tur deut­lich mehr als ein Dut­zend Teil­neh­mer, da­zu ka­men wei­te­re Zu­hö­rer wie Bü­ro­lei­ter oder Re­fe­ren­ten. Die US-Kanz­lei Jo­nes Day, die im VW-Auf­trag den Die­selskan­dal un­ter­sucht, ha­be in die­sem Zu­sam­men­hang mehr als 50 „In­ter­views“ge­führt. Al­ler­dings sei­en die Aus­sa­gen der Teil­neh­mer wi­der­sprüch­lich. Nicht al­le Be­tei­lig­ten be­fan­den sich durch­ge­hend im Raum; zu­dem sei das Pro­to­koll der Sit­zung nicht von al­len un­ter­schrie­ben wor­den.

Die ka­li­for­ni­sche Um­welt­be­hör­de CARB war dem Me­dien­be­richt zu­fol­ge seit Fe­bru­ar 2015 von ei­nem „De­feat De­vice“aus­ge­gan­gen und hat­te sich mehr­fach mit VW-Ver­tre­tern ge­trof­fen. „Jetzt ha­ben wir Är­ger. Sie ha­ben uns er­wischt“, ha­be ein VW-Ma­na­ger nach ei­nem Tref­fen mit der Be­hör­de am 8. Ju­li 2015 kom­men­tiert, be­rich­tet das Blatt un­ter Be­ru­fung auf US-Ak­ten. „Win­ter­korn hat nie­man­den an­ge­wie­sen, die Exis­tenz der Soft­ware preis­zu­ge­ben. Und nur Win­ter­korn konn­te die­se Ent­schei­dung tref­fen“, zi­tiert das Blatt den Kron­zeu­gen. Viel­mehr ha­be der da­ma­li­ge VW-Chef nur ge­neh­migt, das Pro­blem bei Ge­sprä­chen mit den US-Be­hör­den „teil­wei­se“of­fen­zu­le­gen. Der Kron­zeu­ge ha­be schließ­lich selbst in ei­nem Tref­fen mit CARB-Ver­tre­tern am 19. Au­gust 2015 den Be­trug er­klärt. Win­ter­korn, Diess und dem da­ma­li­gen Ent­wick­lungs­chef Heinz-Ja­kob Neu­ßer sei in ei­ner Sit­zung am 25. Au­gust 2015 vor­ge­rech­net wor­den, dass der Skan­dal den Au­to­bau­er al­lein in den USA bis zu 18,5 Mil­li­ar­den Dol­lar kos­ten kön­ne.

2015 hat­ten Be­hör­den in den USA auf­ge­deckt, dass VW die Stick­oxi­dWer­te von Die­sel­fahr­zeu­gen ma­ni­pu­lier­te. Welt­weit wa­ren elf Mil­lio­nen Au­tos be­trof­fen, dar­un­ter knapp 2,4 Mil­lio­nen in Deutsch­land. Un­mit­tel­bar nach dem Be­kannt­wer­den brach der Bör­sen­kurs der VW-Ak­tie ein. Win­ter­korn trat bald da­nach zu­rück.

Mitt­ler­wei­le hat der Kon­zern in den USA Ver­glei­che in Hö­he von mehr als 22 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­schlos­sen. Ein VW-Ma­na­ger sitzt in den USA in Haft, ein lang­jäh­ri­ger In­ge­nieur hat sich in ei­nem US-Ver­fah­ren schul­dig be­kannt, fünf wei­te­re Mit­ar­bei­ter sind dort an­ge­klagt, dar­un­ter Ex-VW-Ent­wick­lungs­chef Neu­ßer.

Kürz­lich wur­de im Zu­ge der Er­mitt­lun­gen ge­gen VW-Toch­ter Au­di we­gen ge­schön­ter Die­sel-Ab­gas­wer­te in Deutsch­land ein Be­schul­dig­ter ver­haf­tet. Ihm wer­de Be­trug und un­lau­te­re Wer­bung vor­ge­wor­fen. Da­ne­ben gibt es in Eu­ro­pa vie­le Kla­gen von Ak­tio­nä­ren und Au­to­be­sit­zern.

FO­TO: DPA

Der da­ma­li­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de der Volks­wa­gen AG, Mar­tin Win­ter­korn, bei ei­ner frü­he­ren Jah­res­pres­se­kon­fe­renz von VW in Wolfs­burg.

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