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Schlech­tes Wet­ter, schlech­te Ern­te und dreis­ter Dieb­stahl – Obst­bau­ern är­gern sich

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Friedrichshafen - Von An­ja Rei­chert

- Obst­bau­ern in der Re­gi­on sind ent­täuscht, em­pört und ver­är­gert – über je­ne, die ein­fach Obst aus der Plan­ta­ge oder vom Stand mit­neh­men – oh­ne da­für zu be­zah­len. Ein al­tes The­ma. Doch nach ei­ner schwie­ri­gen Wet­ter­la­ge und der Sor­ge um schwin­den­de Er­trä­ge ist das The­ma für die Land­wir­te ak­tu­el­ler denn je.

Fil­da und Rein­hold Rist, Jo­sef Mül­ler und Mat­thi­as Günt­hör ste­hen vor Rists Obst­stand an der Tett­nan­ger Stra­ße. Sie sind Nach­barn, Land­wir­te in Ober­dorf. Jo­han­nis­bee­ren und Kir­schen wer­den in Scha­len zum Ver­kauf an­ge­bo­ten, ei­ne Kas­se ist an dem Stand an­ge­bracht, auf ei­ner Ta­fel ste­hen die Prei­se. Ein gu­ter Stand­ort für den Ver­kauf. Ei­gent­lich. Doch im­mer öf­ters be­ob­ach­ten die Bau­ern, wie das Obst ein­fach ge­nom­men wird. Fil­da Rist er­in­nert sich an ei­ne Frau, die ihr Au­to we­ni­ge Me­ter ent­fernt ge­parkt ha­be, zum Obst­stand ge­gan­gen sei, zwei Scha­len aus­such­te und ge­hen woll­te oh­ne zu zah­len – „wie selbst­ver­ständ­lich“. Doch eben je­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit man­cher stößt den Land­wir­ten be­son­ders auf. „Na­tür­lich wur­de frü­her auch ge­klaut“, sagt Rein­hold Rist. „Aber die Men­schen sind un­ver­schäm­ter ge­wor­den. Die lü­gen dich ins Ge­sicht an, be­haup­ten ge­zahlt zu ha­ben. Öff­nest du die Kas­se, liegt dann ein Cent drin.“

Die Land­wir­te ge­ben zu, dass auch die Si­tua­ti­on in die­sem Jahr ih­ren Är­ger ver­stärkt, denn der Ern­te­er­trag ist ge­ring: Ein­zeln su­che er in die­sem Jahr die Kir­schen zu­sam­men, sagt Rist. „Es ste­cken schon so vie­le Kos­ten in der Pfle­ge, in Pacht und Pflan­zen­schutz. Wenn du dann eh nur ein biss­chen Ern­te hast, möch­test du auch ein biss­chen was ver­die­nen.“Die Land­wir­te sei­en „kit­ze­li­ger“. „Na­tür­lich ist er är­ger­lich, dass in ei­nem Frost­jahr, wenn ro­te Zah­len be­vor­ste­hen, noch was ge­klaut wird“, er­gänzt Mat­thi­as Günt­hör. Doch es scheint den Land­wir­ten nicht al­lein um das Fi­nan­zi­el­le zu ge­hen. Sie stört die­se „Selbst­ver­ständ­lich­keit“, mit der ge­klaut wird. Aber die Bäu­me, Plan­ta­gen, Früch­te sei­en eben nicht selbst­ver­ständ­lich: „Es ist un­ser Grund­stück, es ist un­se­re Ar­beit, es ist un­ser Le­ben. Da­von le­ben wir“, be­teu­ert Günt­hör. Der Dieb­stahl von Obst ist für die Bau­ern All­tag in den Plan­ta­gen und an den Obst­stän­den. In der Sa­che bleibt ih­nen we­nig Grund zum La­chen, und wenn, dann ist es die Dreis­tig­kei,t mit der die Obst­die­be ih­nen be­geg­nen. „Ich ha­be mal ei­nen Mann auf fri­scher Tat in der Plan­ta­ge er­tappt“, er­in­nert sich Jo­sef Mül­ler. „Der hat zu mir ge­sagt, dass die Bäu­me doch der Herr­gott wach­sen las­se.“Noch im­mer scheint Mül­ler über die Be­geg­nung fas­sungs­los: „Aber der Herr­gott war nicht da­bei, als ich die Bäu­me ge­pflanzt ha­be, als ich sie ge­schnit­ten, als ich sie ge­pflegt ha­be.“Die Bau­ern ken­nen zahl­rei­che sol­cher Ge­schich­ten und Aus­re­den. Sei es die, dass es mit dem Bau­er ab­ge­spro­chen sei oder dass die Kat­ze ab­ge­hau­en sei und sie nun ge­sucht wer­de.

Längst ist das Pro­blem auch bei Die­ter Main­ber­ger, Kreis­vor­sit­zen­der des Bau­ern­ver­bands Tett­nang, an­ge­langt. Die Ein­bu­ßen reich­ten vom Pflü­cken ein­zel­ner Früch­te bis zum Steh­len gan­zer Tü­ten und Kis­ten. Es sei ein Pro­blem, das ge­ra­de an stark fre­quen­tier­ten We­gen auf­tre­te, sagt er. „Wenn Hun­dert Per­so­nen am Tag vor­bei­lau­fen und zwei Kir­schen mit­neh­men ist das was an­de­res, als wenn ir­gend­wo nur zehn Leu­te vor­bei­lau­fen.“Main­ber­ger glaubt zwar, dass vie­le un­be­wusst nach der Frucht grei­fen, spricht aber trotz­dem von ei­ner „Miss­ach­tung der Leis­tun­gen der Land­wirt­schaft“.

Ei­ne Straf­tat am Obst­stand

Doch es ist nicht nur Miss­ach­tung: „Es ist schlicht­weg ei­ne Straf­tat“, er­klärt Mar­tin Hus­sels, Rich­ter am Amts­ge­richt Tett­nang. Egal ob ein Ap­fel oder Au­to ge­klaut wird, es ist im­mer Dieb­stahl. Mög­li­cher­wei­se sei es, so Hus­sels, ein „Dieb­stahl ge­ring­wer­ti­ger Sa­chen“. Die­ser wer­de von der Staats­an­walt­schaft nur dann ver­folgt, wenn sie ein öf­fent­li­ches In­ter­es­se an der Straf­ver­fol­gung be­jaht – was sie sel­ten tue – oder wenn die Land­wir­te ei­nen Straf­an­trag stell­ten.

Vor Ge­richt lan­det sel­ten ein Fall: Kein ein­zi­ger wur­de im ver­gan­ge­nen Jahr im Amts­ge­richt Tett­nang ver­han­delt. „Das heißt aber nicht, dass nichts an­ge­zeigt wird“, so Hus­sels. Aber oft sei der Tä­ter un­be­kannt, das Ver­fah­ren wer­de ein­ge­stellt. Und, auch wenn es ei­nen Tä­ter ge­be, sei es wahr­schein­lich, dass das Ver­fah­ren – mit oder oh­ne Auf­la­ge – ein­ge­stellt wer­de.

Zu­kunft der re­gio­na­len Pro­duk­te

Au­ßer Si­tua­tio­nen zu be­ob­ach­ten und Straf­an­trä­ge zu stel­len, bleibt den Bau­ern nicht viel: Zäu­ne sind teu­er, be­dür­fen re­gel­mä­ßi­ger Pfle­ge, be­hin­dern die Land­wir­te bei ih­rer Ar­beit. Per­so­nal an den Obst­stän­den wür­de sich für vie­le der Bau­ern kaum loh­nen und ei­nen Au­to­ma­ten mit ge­schlos­se­nen Fä­chern, die sich erst nach dem Geld­ein­wurf öff­nen, kön­nen sich mit Kos­ten im fünf­stel­li­gen Be­reich nur we­ni­ge leis­ten. Main­ber­ger: „Es ist doch ei­gent­lich so, dass der Ver­brau­cher re­gio­na­le Pro­duk­ti­on will. Aber wenn er die­se hal­ten will, muss man auch für die Leis­tung be­zah­len. Das müs­sen die Leu­te ver­ste­hen.“

FO­TO: DPA

Ein schnel­ler Griff zur Frucht: Für den ei­nen ist es ein Pau­sens­nack in der Obst­plan­ta­ge, für den Land­wirt ist es ein Är­ger­nis und für den Ju­ris­ten ein­fach ei­ne Straf­tat.

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