Lie­be kennt kei­ne Li­ga

Fans und Spie­ler des TSV 1860 Mün­chen neh­men die Re­gio­nal­li­ga Bay­ern schnell an

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Sport - Von Fil­ip­po Ca­tal­do

- Spä­tes­tens als Sa­scha Möl­ders, ei­ner je­ner Spie­ler, für die die Be­zeich­nung „Sturm­tank“einst er­fun­den wur­de, we­ni­ge Au­gen­bli­cke nach dem An­pfiff im geg­ne­ri­schen Straf­raum ei­nen der rot­ge­wan­de­ten Ki­cker um­rem­pelt und die hin­ter dem an­de­ren Tor ver­sam­mel­ten Fans an­fan­gen zu klat­schen und zu sin­gen, ist völ­lig egal, in wel­cher Li­ga die­ses Spiel statt­fin­det. „Auf geht’s, Lö­wen, kämp­fen und sie­gen!“, brül­len al­so die auf­fäl­lig gut ge­laun­ten An­hän­ger des TSV 1860 Mün­chen, dann „Sech­zig Mün­chen, ein Le­ben lang“und schließ­lich: „Hur­ra! Hur­ra! Der Lö­we, der ist ist da!“.

Da ist Mem­min­gen. Da ist das wirk­lich schmu­cke, wenn­gleich et­was eu­phe­mis­tisch „Are­na“be­nann­te Sta­di­on des lo­ka­len FC, der die deut­li­che Min­der­heit der 5 000 Fans stellt. In der Mehr­zahl, so wie wahr­schein­lich auch in den fol­gen­den Spiel­ta­gen die­ser ge­ra­de be­gon­nen Sai­son: Die An­hän­ger des TSV 1860 Mün­chen. Rund 3500 der 5000 An­we­sen­den dürf­ten es mit den Blau­en hal­ten, ver­kau­fen kön­nen hät­ten sie in Mem­min­gen min­des­tens 10 000 Kar­ten, auf eBay wur­den zu­letzt Ti­ckets für mehr als 300 Eu­ro für das Spiel an­ge­bo­ten. Lie­be kennt eben kei­ne Li­ga.

Nach un­zähl­ba­ren Ir­run­gen und Wir­run­gen, noch mehr Auf- und Ab­brü­chen und pro­kla­mier­ten Neu­an­fän­gen, ist die­ser Club, bei dem vie­le noch im­mer bei je­der Ge­le­gen­heit von der Deut­schen Meis­ter­schaft von 1966 schwär­men und die sich als na­tür­li­ches Mit­glied min­des­tens der Bun­des­li­ga füh­len, nun end­lich in der Re­gio­nal­li­ga Bay­ern ge­lan­det.

End­lich, weil selbst das noch vor zwei Ta­gen nicht end­gül­tig klar war. Erst in der Nacht zum Mitt­woch hat­te Ge­schäfts­füh­rer Mar­kus Fau­ser die In­sol­venz ab­wen­den kön­nen, erst da hat­te sich In­ves­tor Ha­san Is­ma­ik be­reit er­klärt, die Fäl­lig­keit ei­nes Dar­le­hen, das er erst im Ja­nu­ar sei­nem ei­ge­nen Club auf­ge­drängt hat­te, um ein Jahr zu st­un­den.

Is­ma­ik ist nicht nach Mem­min­gen ge­kom­men, aber der schwer­rei­che Un­ter­neh­mer aus Abu Dha­bi war ja auch nicht bei sei­nen Lö­wen, als die vor sechs Wo­chen in den Re­le­ga­ti­ons­spie­len ge­gen Jahn Re­gens­burg um den Ver­bleib in der Zwei­ten Bun­des­li­ga kämpf­ten.

Is­ma­ik ist nicht da, aber sonst sind sie na­tür­lich al­le, so­fern sie ei­ne Kar­te er­gat­tert ha­ben, ge­kom­men zur ers­ten Sta­ti­on ih­rer baye­ri­schen Land­par­tie. Franz Hell, Ro­man Wöll und Fritz Fehling mit sei­nem Rau­sche­bart, Freud- und Leid­ge­nos­sen, die drei so­ge­nann­ten „Al­les­fah­rer“, die seit 1966 prak­tisch kein Spiel ih­res Ver­eins ver­passt ha­ben; die La­dies aus dem Lö­wen­stü­berl, der Ver­eins­knei­pe am Trai­nings­ge­län­de; Svend Fri­de­ri­ci, der es seit der Zeit, als sein So­la­ri­um­steint noch als ge­sund galt, in je­dem Sta­di­on ge­schafft hat, im­mer in der Nä­he des je­wei­li­gen Prä­si­den­ten zu sit­zen, kommt auch hier mit an­ge­mes­sen we­hen­dem Ad­a­bei-Haar aus dem VIP-Be­reich, „gri­aß-di-ser­vus-ha­be-die-eh­re“; und na­tür­lich all die noch viel wich­ti­ge­ren, ganz nor­ma­len, laut sin­gen­den An­hän­ger. Und die noch viel wich­ti­ge­ren Lö­wen in den hell­blau­en Tri­kots, die frap­pie­rend an die Lei­berl der 1966-Hel­den er­in­nern, aber eben nur sehr hübsch ge­ra­te­ne Re­gio­nal­li­ga­hem­den sind. Ne­ben Möl­ders ist nur Ver­tei­di­ger Jan Mau­ers­ber­ger üb­rig ge­blie­ben von der letz­ten Zweit­li­ga­mann­schaft; der ge­bür­ti­ge Mem­min­ger und bei den Lö­wen aus­ge­bil­de­te Ti­mo Geb­hart, der ähn­lich vie­le Ir­run­gen und Wir­run­gen wie sein Lieb­lings­club hin­ter sich hat, wur­de aus Ros­tock zu­rück­ge­holt, ihm ge­lingt schließ­lich beim stan­des­ge­mä­ßen 4:1 (1:0) der Lö­wen das Tor zum zwi­schen­zeit­li­chen 3:1. Der Rest: Jun­ge Spie­ler, die wirk­lich den Ein­druck ma­chen, die­ses Tri­kot ger­ne zu tra­gen und die die neue Li­ga eben­so schnell an­neh­men wie die Fans. Nach ei­nem ner­vö­sen Start ge­lingt Chris­ti­an Köp­pel aus 35 Me­tern ein Traum­tor per Bo­gen­lam­pe. Der Rest der Halb­zeit ver­läuft zwar recht zäh, doch kurz nach Wie­der­an­pfiff macht Ni­co Kar­ger mit dem 2:0 al­les klar. Nach Geb­harts 3:0 ge­lingt Mem­min­gens Fa­bi­an Krog­ler noch Er­geb­nis­kos­me­tik, ehe Ni­cho­las Helm­brecht in der Nach­spiel­zeit al­les klar macht.

FO­TO:I MAGO

Freu­de pur: Die 1860-Spie­ler um den ge­bür­ti­gen Mem­min­ger Ti­mo Geb­hart (2 v. re.) be­ju­beln den Sieg.

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