„Le­bens­welt der Fa­mi­li­en hat sich ver­än­dert“

Ju­gend­amts­lei­te­rin spricht über Her­aus­for­de­run­gen und Sen­si­bi­li­sie­rung beim Kin­der­schutz

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Markdorf -

- Fa­mi­lie, Haus­halt und Be­ruf un­ter ei­nen Hut zu be­kom­men, ist ei­ne Her­aus­for­de­rung für vie­le Men­schen. Wie das die Ar­beit des Ju­gend­am­tes ver­än­dert, hat SZRe­dak­teu­rin Ju­lia Frey­da Si­mo­ne Schil­ling, Lei­te­rin des Ju­gend­am­tes im Land­rats­amt Bo­den­see­kreis, ge­fragt.

Zu früh, zu spät, un­tä­tig oder über­las­tet: Ju­gend­äm­ter ste­hen oft in der Kri­tik. Sind Sie über­haupt will­kom­men, wenn Sie sich bei Fa­mi­li­en mel­den?

Das kommt auf den Kon­text an. Ei­ne Al­lein­er­zie­hen­de, der wir durch Un­ter­halts­vor­schuss hel­fen, fin­det das si­cher gut. Der­je­ni­ge, der zah­len soll, sieht das si­cher an­ders. Wenn bei uns ei­ne mög­li­che Kin­des­wohl­ge­fähr­dung ge­mel­det wird, sind wir ver­pflich­tet, dem nach­zu­ge­hen und un­ter an­de­rem das Kind in Au­gen­schein zu neh­men. Die Fa­mi­li­en sind dann oft über­rascht und be­stürzt. Aber un­se­re Fach­kräf­te sind so ge­schult, dass sie die Ge­sprä­che gut füh­ren. In den meis­ten Fäl­len kann das Pro­blem ge­klärt wer­den und die El­tern sind be­reit, Hil­fe an­zu­neh­men.

Wie oft kom­men mög­li­che Kin­des­wohl­ge­fähr­dun­gen vor?

Im Bo­den­see­kreis hat­ten wir im ver­gan­ge­nen Jahr 94 Fäl­le, in de­nen wir ein­schät­zen muss­ten, ob das Wohl von Kin­dern oder Ju­gend­li­chen ge­fähr­det ist. Bei neun Pro­zent da­von be­stand tat­säch­lich ei­ne aku­te Ge­fahr, bei 46 Pro­zent war sie la­tent, bei 22 Pro­zent reich­te ei­ne Hil­fe in der Er­zie­hung aus und bei 23 Pro­zent la­gen we­der Ge­fähr­dung noch Hil­fe­be­darf vor. Grund­sätz­lich ist es aber so, dass der Kin­der­schutz fünf Pro­zent un­se­rer Ar­beit aus­macht. 95 Pro­zent sind Be­ra­tung, Prä­ven­ti­on und Un­ter­stüt­zung.

Akut, la­tent – was steckt da da­hin­ter?

Bei ei­ner aku­ten Ge­fähr­dung müs­sen wir so­fort han­deln und das Kind schüt­zen, et­wa weil es ver­nach­läs­sigt wird. Bei la­ten­ter Ge­fähr­dung müs­sen wir, wenn die El­tern kei­ne Hil­fe wol­len, die La­ge be­ob­ach­ten und mit den El­tern und wei­te­ren Ko­ope­ra­ti­ons­part­nern wie Kin­der­gar­ten und Schu­le ein Schutz­kon­zept er­stel­len.

Stimmt das Kli­schee, dass es vor al­lem so­zi­al be­nach­tei­lig­te Fa­mi­li­en sind, in de­nen die Kin­der ge­fähr­det sind?

Zur Ge­fähr­dung von Kin­dern kommt es auf­grund von be­ste­hen­den Be­las­tungs­fak­to­ren in Fa­mi­li­en, die da­zu füh­ren, dass El­tern nicht mehr aus- rei­chend in der La­ge sind, für ein si­che­res Auf­wach­sen der Kin­der zu sor­gen. Die Be­las­tungs­fak­to­ren kön­nen zum Bei­spiel Er­kran­kun­gen sein – bei den El­tern­tei­len oder bei den Kin­dern –, fi­nan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten, Über­las­tungs­si­tua­tio­nen bei al­lein­sor­gen­den El­tern­tei­len oh­ne aus­rei­chen­des un­ter­stüt­zen­des so­zia­les Netz­werk, be­las­ten­de Wohn­si­tua­ti­on, mas­si­ve Paar­kon­flik­te Ge­walt­er­fah­run­gen und Ähn­li­ches.

Ist der Ein­druck rich­tig, dass die Zahl der Miss­brauchs­fäl­le von Kin­dern steigt?

Das 2012 in Kraft ge­tre­te­ne Bun­des­kin­der­schutz­ge­setz hat im Bo­den­see­kreis zu ei­ner Sen­si­bi­li­sie­rung der Ge­sell­schaft zum The­ma Kin­der­schutz/Ge­fähr­dung von Kin­dern und ei­ner er­höh­ten Wach­sam­keit der Be­völ­ke­rung ge­führt. Die Ge­fähr­dungs­mel­dun­gen sind von 2012 auf 2016 um 42 Pro­zent ge­stie­gen und lie­gen mitt­ler­wei­le bei rund 90 Fäl­len pro Jahr re­la­tiv kon­stant.

Muss­ten Sie al­so auch Kin­der häu­fi­ger in Ob­hut neh­men?

Im Jahr 2012 lag die Zahl bei 31, mitt­ler­wei­le sind es pro Jahr rund 40. Die Zahl ist al­so ge­stie­gen, aber mit 29 Pro­zent nicht so sehr wie die der Ge­fähr­dungs­mel­dun­gen. Wenn wir ein Kind ge­gen den Wil­len der El­tern InOb­hut-neh­men müs­sen, dann müs­sen wir aber auch un­mit­tel­bar ei­nen Be­richt an das Fa­mi­li­en­ge­richt ma­chen. Dort ent­schei­det dann ein Rich­ter, ob es ver­hält­nis­mä­ßig war und wie es wei­ter­geht. Wenn die El­tern be­reit sind, Hil­fe an­zu­neh­men, dann wird ge­mein­sam dar­an ge­ar­bei­tet, dass die Kin­der wie­der in die Fa­mi­lie zu­rück­keh­ren kön­nen, und es si­cher­ge­stellt ist, dass sie dort nicht mehr ge­fähr­det sind.

Sind die Pro­ble­me in Fa­mi­li­en grö­ßer ge­wor­den oder wer­den die Pro­ble­me grö­ßer ge­macht?

Die Le­bens­welt der Fa­mi­li­en hat sich enorm ver­än­dert. Die An­for­de­run­gen in der Ar­beits­welt sind hö­her. Fa­mi­lie, Er­zie­hung, Be­ruf und Haus­halt un­ter ei­nen Hut zu be­kom­men, emp­fin­den vie­le als an­stren­gend. Von den El­tern wird ein ho­hes Kön­nen ver­langt. Es hat sich aber auch die Er­zie­hung ge­wan­delt. Frü­her wa­ren Ge­hor­sam und Pflicht­be­wusst­sein im Fo­kus, heu­te ist es die in­di­vi­du­el­le Ent­wick­lung.

Wie wir­ken sich die ver­än­der­ten Er­zie­hungs­sti­le auf die Ar­beit des Ju­gend­am­tes aus?

Wir mer­ken es an ei­ner sehr ho­hen Nach­fra­ge un­se­rer An­ge­bo­te. Un­se­re 21 Fa­mi­li­en­treffs im Bo­den­see­kreis sind teil­wei­se so stark be­sucht, dass es räum­lich eng wird. Dass wir den Be­darf der Fa­mi­li­en so ge­nau tref­fen, freut uns na­tür­lich.

Gibt es auch noch Be­darfs­lü­cken im An­ge­bot des Ju­gend­am­tes?

Wir sind mitt­ler­wei­le sehr gut auf­ge­stellt. Bis vor Kur­zem hat im Bo­den­see­kreis noch ei­ne Be­ra­tungs­stel­le ge­gen se­xu­el­len Miss­brauch ge­fehlt. Die­se ha­ben wir nun in Fried­richs­ha­fen und Über­lin­gen.

FO­TO: PR

Si­mo­ne Schil­ling ist Lei­te­rin des Ju­gend­am­tes.

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