Angst­voll singt der ge­bra­te­ne Schwan im Schlauch­boot

„Car­mi­na Bura­na“: Mu­sik­freun­de und Stadt­ka­pel­le be­geis­tern mit Ge­sang und Mu­sik

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Markdorf - Von Chris­tel Voith

- Be­geis­tert ge­fei­ert wur­den am Sams­tag­abend in der Al­ten Sport­hal­le des Bil­dungs­zen­trums Carl Orffs be­rühm­te „Car­mi­na Bura­na“, das Ge­mein­schafts­pro­jekt der Mu­sik­freun­de und der Stadt­ka­pel­le Mark­dorf. Die Be­geis­te­rung galt ganz ge­wiss den Chor­sän­gern, So­lis­ten, Mu­si­kern und Tän­ze­rin­nen, aber nicht un­be­dingt der Ins­ze­nie­rung.

Sinn­lich-le­bens­prall sind Carl Orffs „Car­mi­na Bura­na“, die­se mo­der­ne Mu­sik in mit­tel­al­ter­li­chem Ge­wand nach Tex­ten aus der Be­ne­dikt­beu­rer Lie­der­hand­schrift. Mit pul­sie­ren­der Vi­ta­li­tät ver­bin­den sich Ko­mik und Ernst, un­bän­di­ge Le­bens­lust, fei­ne Ero­tik und or­gi­as­ti­scher Lie­bes­tau­mel. Um­rahmt vom Hul­di­gungs­chor an die Glücks­göt­tin Fortu­na, ma­len die drei Tei­le Hö­hen und Tie­fen des ir­di­schen Le­bens aus.

Mu­sik in ver­müll­ter Na­tur

Hier fand Isa­bell Mar­quardt den An­satz für ih­re Re­gie-Idee, die Fortu­nas Glücks­rad ins Heu­te trug. Je­der Be­tei­lig­te soll­te ein Re­prä­sen­tant un­se­rer Ge­sell­schaft sein: Als Schi­cki-Mi­cki-Da­men und Ma­na­ger, als Pen­ner und Pro­sti­tu­ier­te, als Klos­ter­schwes­ter und Bau­ar­bei­ter, als Sport­ler und Braut­paar zo­gen sie ein, hin­gen plap­pernd am Han­dy, hin­ter­lie­ßen in der Mit­te ei­nen Plas­tik­müll­berg, der die Freu­de am Früh­ling ver­darb. Der Mu­sik, die mit mäch­ti­gen Blä­ser­chö­ren und drei­fa­chem Vo­gel­ruf den Früh­ling ein­lei­tet, stand die ver­müll­te Na­tur ent­ge­gen. Auf dem An­ger, wo die Mäd­chen tan­zen und sich nach Lie­be seh­nen, wur­de beim Tanz mit Plas­tik­tü­ten und Plas­tik­bän­dern ge­we­delt. Und wo in der Ta­ver­ne in köst­li­cher Par­odie der Schwan brät, briet er hier mit lo­dern­der Angst in den Au­gen im Flücht­lings-Schlauch­boot. Zum Sauf­fest schäl­ten sich Fi­gu­ren aus dem Plas­tik­müll, tau­mel­ten mit knis­tern­den Plas­tik­fla­schen um­her. Bil­der, die auf­ge­propft er­schie­nen und letzt­lich als Re­gie­thea­ter von den Ge­sän­gen, von der Mu­sik ab­lenk­ten. Da hat die far­ben­fro­he Auf­füh­rung des Mu­sik­thea­ters Fried­richs­ha­fen im März weit mehr über­zeugt.

Ge­sang und Mu­sik konn­ten sich auch in Mark­dorf mit Ge­nuss hö­ren las­sen. Der von Uli Voll­mer gut vor­be­rei­te­te Chor folg­te der ge­bo­te­nen Dy­na­mik, brach­te Le­bens­lust, Ernst und Spott her­über. Ver­gnügt fei­er­ten die Män­ner­stim­men die buf­fo­nes­ken Fress- und Sauf­or­gi­en in der Ta­ver­ne, für die der Chor, der sonst fron­tal im Hin­ter­grund stand, auf die lin­ke Sei­te wech­sel­te, nä­her ans Orches­ter rück­te. Ei­ne wah­re Freu­de wa­ren die So­lo­ge­sän­ge: Bes­tens schaff­te Kon­stan­ti­nos Lat­sos den Spa­gat zwi­schen dem Fal­sett des ge­bra­te­nen Schwans und der Ba­ri­ton­la­ge, klar und an­rüh­rend sang Isa­bell Mar­quardt die So­pran­so­li, in de­nen sich mäd­chen­haf­te Scheu und auf­bre­chen­des Ver­lan­gen misch­ten. An­rüh­rend war die scheue An­nä­he­rung des Paa­res in der Cour d’amours, die die un­wirt­li­che Um­ge­bung ver­ges­sen ließ. Mit schwar­zer Krei­de be­ob­ach­te­te und be­glei­te­te der Ma­ler An­to­nio Zec­ca die Sze­nen. Sei­ne drei spon­tan ent­stan­de­nen Bil­der von Be­gier und Sich-Fin­den stan­den zu­letzt als Tri­pty­chon hin­ter dem Schick­sals­rad am Bo­den, auf dem die Tanz­grup­pe um Bi­an­ca Kum­mer im­mer wie­der neue Bil­der schuf. Frisch misch­ten die Kin­der des von Mar­git Koch-Schmidt ein­stu­dier­ten Kin­der­chors als Amors Bo­ten mit. Har­mo­nisch füg­ten sich die Mu­si­ker un­ter der Lei­tung von Rei­ner Ho­be ins Gan­ze. In far­bi­ger In­stru­men­tie­rung tru­gen sie die Stim­mun­gen mit, oh­ne den Chor zu­zu­de­cken.

Stadt­ka­pel­le glänzt

In drei sym­pho­ni­schen Stü­cken durf­te die Stadt­ka­pel­le vor der Pau­se glän­zen. In viel­far­bi­ger Leucht­kraft zog als Hom­mage ans Stadt­ju­bi­lä­um Jan van der Roosts Fes­tou­ver­tü­re „Olym­pi­ca“vor­über. Wie ein Wir­bel­wind fuhr die Mu­sik durch die Re­gis­ter, eben­so ge­lun­gen war die Na­tu­ridyl­le vor dem gro­ßen Fi­na­le. Mit run­dem, war­mem Klang be­ein­druck­te So­list Alex­an­der Jauch am Eu­pho­ni­um in Phi­lip Spar­kes stim­mungs­vol­lem „Har­le­kin“. Und mit feu­ri­gem spa­ni­schem Ko­lo­rit setz­te das Stadt­or­ches­ter Al­f­red Reeds „Ca­mi­no Re­al“um, bot schö­ne So­li im ru­hi­gen Mit­tel­teil. Nach halb­stün­di­ger Pau­se konn­ten dann die „Car­mi­na Bura­na“mit dem leuch­ten­den Er­öff­nungs­chor „O Fortu­na“be­gin­nen.

FO­TO: HEL­MUT VOITH

Der ge­bra­te­ne Schwan (So­list Kon­stan­ti­nos Lat­sos) im Flücht­lings­boot.

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