Angst vorm Ab­wür­gen

Laut ei­ner Ifo-Stu­die be­droht ein Ver­bot von Ver­bren­nungs­mo­to­ren bis zu 620 000 Jobs

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Wirtschaft - Von Wolf­gang Mul­ke

- In Deutsch­land hän­gen et­wa 620 000 In­dus­trie-Ar­beits­plät­ze di­rekt oder in­di­rekt an der Her­stel­lung von Ben­zin- und Die­sel­fahr­zeu­gen. Das ist das Er­geb­nis ei­ner Stu­die des Münch­ner Ifo-In­sti­tu­tes im Auf­trag des Ver­bands der Au­to­mo­bil­in­dus­trie (VDA). „Da­mit hängt je­der zwei­te Ar­beits­platz in der Au­to­mo­bil­in­dus­trie mit dem Ver­bren­nungs­mo­tor zu­sam­men“, sagt Ifo-Chef Cle­mens Fu­est. Das un­ter an­de­rem von den Grü­nen ge­for­der­te Ver­bot von Ver­bren­nungs­mo­to­ren ge­fähr­de bei den Her­stel­lern 436 000 Stel­len, bei den Zu­lie­fe­rern wei­te­re 130 000 – für den Fall, dass in Deutsch­land von 2030 an über­haupt kei­ne Au­tos mit Ben­zin- und Die­sel­mo­to­ren mehr ge­baut wer­den. Wirt­schaft­lich pro­gnos­ti­ziert die Stu­die er­heb­li­che Ein­bu­ßen. 48 Mil­li­ar­den Eu­ro Brut­to­wert­schöp­fung gin­gen bei ei­nem Ver­bot wo­mög­lich ver­lo­ren. Das ent­spricht 13 Pro­zent der ge­sam­ten Leis­tung der deut­schen In­dus­trie.

Die Aus­sa­ge­kraft der Stu­die hin­sicht­lich der zu er­war­ten­den Be­schäf­ti­gungs­ent­wick­lung ist je­doch be­schränkt, wie Fu­est auch selbst ein­räumt. Un­ter­sucht wur­de nur der Sta­tus quo, al­so der mo­men­ta­ne An­teil der Ver­bren­nungs­mo­to­ren am Ar­beits­auf­kom­men und der Wert­schöp­fung. Even­tu­el­le Ge­win­ne aus dem Auf­bau von Fer­ti­gungs­li­ni­en für Elek­tro­mo­bi­le hat das In­sti­tut zum Bei­spiel nicht ge­gen­ge­rech­net. Auch blie­be der Ex­port von Ben­zi­nern oder Die­sel in an­de­re Län­der bei ei­nem Zu­las­sungs­ver­bot in Deutsch­land. Die Ex­port­quo­te der Bran­che liegt im­mer­hin bei 70 Pro­zent. Selbst VDA-Chef Mat­thi­as Wiss­mann sieht kei­ne in­ter­na­tio­na­le Wel­le ge­gen die­sen An­trieb her­bei­rol­len. „Ich ken­ne kein Land der Welt, in dem ge­plant wird, den Ver­bren­ner zu ver­bie­ten“, sagt der Chef-Lob­by­ist der Au­to­bran­che.

Emis­si­ons­han­del aus­wei­ten

„Deutsch­land als Hei­mat der Au­to­mo­bil­in­dus­trie soll­te kei­ne An­triebs­art ge­gen die an­de­re in Stel­lung brin­gen“, for­dert Wiss­mann. Die Po­li­tik müs­se Kli­ma­zie­le for­mu­lie­ren, dür­fe je­doch kei­ne Tech­no­lo­gie vor­schrei­ben. Als Al­ter­na­ti­ve im Sin­ne des Kli­ma­schut­zes spricht sich Öko­nom Fu­est da­für aus, die Au­to­in­dus­trie in den Emis­si­ons­han­del ein­zu­be­zie­hen. Da­mit wür­de der CO2-Aus­stoß mit ei­nem Preis ver­se­hen oder an­ders ge­sagt, der Ver­brauch von Sprit und even­tu­ell auch die Pro­duk­ti­on der Fahr­zeu­ge ver­teu­ert.

Für das Kli­ma wä­re ein Ver­bot zu­nächst gut, wie die Stu­die auch her­aus­fand. Die CO2-Emis­sio­nen durch Au­tos wür­den ge­gen­über den bis­he­ri­gen Pro­gno­sen um fast ein Drit­tel zu­rück­ge­hen. Das In­sti­tut sieht dar­in al­ler­dings auch Pro­ble­me. Denn zum Aus­gleich müss­ten die Zu­las­sungs­zah­len von Elek­tro­au­tos von bis­her an­ge­nom­me­nen 250 000 jähr­lich auf rund 3,3 Mil­lio­nen an­stei­gen. Die Strom­pro­duk­ti­on müss­te zu­nächst um gut ein Pro­zent, bis Mit­te des Jahr­zehnts um 7,6 Pro­zent stei­gen. Die Kli­ma­zie­le könn­ten nur er­reicht wer­den, wenn die­se zu­sätz­li­chen Men­gen CO2-neu­tral pro­du­ziert wer­den, warnt das Ifo-In­sti­tut.

Zu­dem wi­der­spricht die Stu­die dem Vor­wurf an die Au­to­in­dus­trie, sie ha­be die Ent­wick­lung der Elek­tro­mo­bi­li­tät ver­schla­fen. „Ein Ver­bot ist nicht durch man­geln­de In­no­va­ti­ons­be­mü­hun­gen der deut­schen Au­to­mo­bil­in­dus­trie zu be­grün­den“, heißt es dar­in. Bei den Pa­tent­an­mel­dun­gen für Elek­tro­fahr­zeu­ge und Hy­bri­de liegt das Land dem­nach in der Spit­zen­grup­pe. Rund ein Drit­tel der weit­weit er­teil­ten Schutz­rech­te hal­ten deut­sche Fir­men. Beim Ver­bren­nungs­mo­tor sind es 40 Pro­zent, wo­von zwei Drit­tel auf ver­brauchs­min­dern­de Lö­sun­gen ent­fal­len.

Zahl der E-Mo­del­le steigt schnell

Auch Wiss­mann weist die Un­ter­stel­lung zu­rück, es feh­le der In­dus­trie am Wil­len zum Um­stieg auf al­ter­na­ti­ve An­trie­be. „Es ist ein­deu­tig un­ser stra­te­gi­sches Ziel, künf­tig noch stär­ker auf al­ter­na­ti­ve An­trie­be zu set­zen“, sagt der frü­he­re Ver­kehrs­mi­nis­ter. Bis zum En­de des Jahr­zehnts in­ves­tie­re die Au­to­in­dus­trie 40 Mil­li­ar­den Eu­ro in die Ent­wick­lung der E-Mo­bi­le. Die An­zahl der ver­füg­ba­ren Mo­del­le wer­de schnell von heu­te 30 auf 100 an­stei­gen.

FO­TO: DPA

Ein VW-Mit­ar­bei­ter bei der Mo­to­ren­fer­ti­gung im Chem­nit­zer Werk. Sein Ar­beits­platz ist laut ei­ner Stu­die ei­ner von 620 000, die bei ei­nem Ver­bot von Ver­bren­nungs­mo­to­ren ge­fähr­det sind.

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