Der Er­neue­rer

Der Di­ri­gent Micha­el Gie­len wird 90 Jah­re alt

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Kultur - Von Wil­helm Roth

(epd) - Der Di­ri­gent Micha­el Gie­len hat im Mu­sik­be­trieb neue Maß­stä­be ge­setzt. Er hat die Ar­beit des in­zwi­schen auf­ge­lös­ten SWR-Sin­fo­nie­or­ches­ters maß­geb­lich ge­prägt. Heu­te fei­ert er sei­nen 90. Ge­burts­tag.

Die spek­ta­ku­lärs­te künst­le­ri­sche Leis­tung des Di­ri­gen­ten Micha­el Gie­len war die Urauf­füh­rung der Oper „Die Sol­da­ten“. Das Werk galt als un­auf­führ­bar, der Kom­po­nist Bernd Alois Zim­mer­mann ver­lang­te drei Di­ri­gen­ten. Gie­len wag­te 1965 in Köln das Al­lein­di­ri­gat. Die Urauf­füh­rung war ein Er­folg.

Micha­el Gie­len hat meh­re­re Jah­re im Exil in Ar­gen­ti­ni­en ge­lebt, wo­hin die Fa­mi­lie 1940 von Ös­ter­reich aus ge­flo­hen war – sei­ne Mut­ter war Jü­din. Ge­bo­ren wur­de er am 20. Ju­li 1927 in Dres­den. Sein Va­ter war der Schau­spie­ler und Re­gis­seur Jo­sef Gie­len, der vor und nach dem Exil am Wie­ner Burg­thea­ter en­ga­giert war und 1948 dort Di­rek­tor wur­de.

Schu­bert liebt er be­son­ders

Micha­el Gie­len ist mit Mu­sik auf­ge­wach­sen und fing schon 1946 an zu kom­po­nie­ren. Zu­rück in Eu­ro­pa hat er sich in­ten­siv mit klas­si­scher und zeit­ge­nös­si­scher Mu­sik be­schäf­tigt, be­gann zu di­ri­gie­ren. Er hat sich das Kon­zert- und Opern-Re­per­toire er­ar­bei­tet. „Schu­bert trifft mich an ei­nem Punkt wie kaum ei­ne an­de­re Mu­sik“, so sein Be­kennt­nis zu ei­nem Lieb­lings­kom­po­nis­ten.

Er war un­ter an­de­rem an der Wie­ner Staats­oper, der Kö­nig­li­chen Oper in Stock­holm, dem Bel­gi­schen Na­tio­nal­or­ches­ter in Brüs­sel so­wie an der Nie­der­län­di­schen Oper in Ams­ter­dam. Sein Di­ri­gat war sehr di­rekt, oft auch schnel­ler als ge­wohnt. Als er 1977 Di­rek­tor der Oper Frank­furt wur­de, war sein Stil vie­len zu mo­dern. Das galt auch für die von ihm ver­pflich­te­ten Re­gis­seu­re Ruth Berg­haus, Al­f­red Kirch­ner und Hans Neu­en­fels. Sei­ne In­ten­danz en­de­te tri­um­phal: 72 Mi­nu­ten lang dau­er­te der Schluss­ap­plaus nach sei­ner letz­ten Auf­füh­rung dort.

Von 1978 bis 1996 lei­te­te er das SWR Sin­fo­nie­or­ches­ter Ba­den-Ba­den, blieb bis 2014 Gast­di­ri­gent. Im Jahr 2014 lei­te­te Gie­len sein letz­tes Kon­zert. Er lebt heu­te am Mond­see im Salz­kam­mer­gut in Ös­ter­reich. Ob­wohl er nie die Po­pu­la­ri­tät von Furt­wäng­ler oder Ka­ra­jan er­reich­te, ge­hört er zu den gro­ßen Mu­si­ker­ge­stal­ten der letz­ten 50 Jah­re. Micha­el Gie­len hat dem Mu­sik­be­trieb neue Wer­ke er­schlos­sen und er hat neue Maß­stä­be ge­setzt.

FO­TO: DPA

Micha­el Gie­len

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