Schorn­dorf ar­bei­tet Ge­walt­nacht auf

Streit im Land­tag nach Über­grif­fen beim Volks­fest – Bür­ger­meis­ter kri­ti­siert In­nen­mi­nis­ter

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Wir Im Süden - Von Kat­ja Korf

STUTT­GART - Das Volks­fest in Schorn­dorf (Rems-Murr-Kreis) hat am Don­ners­tag den Land­tag in Stutt­gart be­schäf­tigt. Pünkt­lich da­zu lie­fer­te die Po­li­zei vier Ta­ge nach den Zwi­schen­fäl­len in der Nacht zum Sonn­tag neue Zah­len – und führ­te da­mit den von der AfD ge­wähl­ten Ti­tel der De­bat­te ad ab­sur­dum. Un­ter­des­sen knirscht es zwi­schen Schorn­dorfs Ober­bür­ger­meis­ter Mat­thi­as Klop­fer (SPD) und In­nen­mi­nis­ter Tho­mas Strobl (CDU). Klop­fer fühlt sich al­lein ge­las­sen, Strobl weist Klop­fers Kri­tik an der Po­li­zei zu­rück.

Die AfD-Frak­ti­on hat­te die Aus­spra­che im Par­la­ment be­an­tragt und sie un­ter das Mot­to ge­stellt: „Schorn­dor­fer Stadt­fest: Die Köl­ner Sil­ves­ter­nacht ist in der schwä­bi­schen Pro­vinz an­ge­kom­men“. In Köln kam es 2015 zu zahl­rei­chen Über­grif­fen vor al­lem von Mi­gran­ten auf jun­ge Frau­en. Da­mals gab es laut Bun­des­kri­mi­nal­amt 650 Frau­en, die Op­fer von se­xu­el­len Über­grif­fen wur­den.

In Schorn­dorf er­mit­telt die Po­li­zei in sechs Fäl­len von se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung, in zwei da­von kennt sie die Tat­ver­däch­ti­gen. Es sind ein 20-jäh­ri­ger Flücht­ling aus dem Irak und drei Asyl­be­wer­ber aus Af­gha­nis­tan. Sie sol­len Frau­en be­grapscht ha­ben.

2016 rund 3820 Ver­däch­ti­ge

Na­tür­lich ha­be Schorn­dorf nicht sol­che Di­men­sio­nen wie Köln, recht­fer­tig­te AfD-Frak­ti­ons­chef Jörg Meu­then die Par­al­le­len, die die AfD mit dem Ti­tel der De­bat­te zog. „Wir wuss­ten ja am Mon­tag nicht mehr“, so Meu­then. Ein „ge­walt­tä­ti­ger Mob“sei mit Flücht­lin­gen ins Land ge­kom­men, der „un­se­re jun­gen Frau­en zu ver­füg­ba­ren Schlam­pen“ma­che.

In Ba­den-Würt­tem­berg zähl­te das In­nen­mi­nis­te­ri­um 2016 rund 3820 Ver­däch­ti­ge, die Straf­ta­ten von Be­läs­ti­gung bis Ver­ge­wal­ti­gung be­gan­gen ha­ben sol­len. Da­von hat­ten 1313 kei­nen deut­schen Pass – mehr als je­der Drit­te. 2015 gab es 1070 aus­län­di­sche Tat­ver­däch­ti­ge bei sol­chen De­lik­ten. Die Zahl der Flücht­lin­ge und Asyl­be­wer­ber un­ter den Ver­däch­ti­gen blieb mit rund 830 kon­stant. Der An­teil jun­ger Män­ner un­ter den Flücht­lin­gen ist hö­her als in der Ge­samt­be­völ­ke­rung.

Die Red­ner der üb­ri­gen Par­tei­en ver­ur­teil­ten Meu­thens For­mu­lie­run­gen. „Sie miss­brau­chen die­ses The­ma für Ih­re bil­li­ge Po­le­mik“, so Pe­tra Häff­ner (Grü­ne) .„Ihr Ge­schäft sind Vor­ver­ur­tei­lun­gen und Het­ze“, kri­ti­sier­te Sa­scha Bin­der (SPD). FDPRed­ner Hans-Ul­rich Goll for­der­te ei­ne bes­se­re In­te­gra­ti­ons- und Asyl­po­li­tik. „Die Wur­zel zahl­rei­cher ge­walt­sa­mer Vor­komm­nis­se liegt da­rin, dass vie­le jun­ge Flücht­lin­ge oh­ne Per­spek­ti­ve bei uns le­ben.“

Die Po­li­zei stell­te am Don­ners­tag ih­ren Ab­schluss­be­richt zum Schorn­dor­fer Volks­fest vor. In der Nacht zum Sonn­tag hat­ten sich dem­nach tau­send jun­ge Leu­te im Schloss­park ver­sam­melt, ein gu­tes Stück ent­fernt vom Fest­ge­län­de in der Alt­stadt. Die bis­her be­kann­ten se­xu­el­len Über­grif­fe er­eig­ne­ten sich eben­falls nicht im Park. Aus der Men­ge her­aus war­fen Ju­gend­li­che Fla­schen ge­gen das Schloss. Da­bei traf ein jun­ger Deut­schen ei­nen Sy­rer. Spä­ter woll­te die Po­li­zei ei­nen 20-jäh­ri­gen Deut­schen fest­neh­men, weil die­ser an­de­re Be­su­cher at­ta­ckiert hat­te. Da­nach es­ka­lier­te die Si­tua­ti­on. Rund hun­dert Ju­gend­li­che „über­wie­gend mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund“, at­ta­ckier­ten die Po­li­zei, war­fen Fla­schen. Die Ge­samt­bi­lanz: Die Po­li­zei zählt für al­le Ta­ge des Fes­tes 53 An­zei­gen, dop­pelt so vie­le wie im Vor­jahr. 23 De­lik­te sol­len sich in der Nacht auf Sonn­tag er­eig­net ha­ben, dar­un­ter 17 Kör­per­ver­let­zun­gen.

Bür­ger­meis­ter übt Selbst­kri­tik

Schorn­dorfs Ober­bür­ger­meis­ter Mat­thi­as Klop­fer (SPD) hör­te sich die De­bat­te im Land­tag an. Zu­vor hat­te er Selbst­kri­tik ge­übt: Stadt und Po­li­zei hät­ten am Sams­tag frü­her ein­grei­fen müs­sen. Aber, so Klop­fer: „Es liegt na­tür­lich in der Ver­ant­wor­tung der Po­li­zei, sich ein La­ge­bild zu ma­chen und es an­zu­pas­sen, wenn sich die Si­tua­ti­on ver­än­dert“, sag­te er.

Ähn­li­che Aus­sa­gen hat­te In­nen­mi­nis­ter Tho­mas Strobl (CDU) mit hef­ti­gen Wor­ten be­dacht. Die­ser „klop­fe nicht ganz rich­tig“. Der so kri­ti­sier­te Klop­fer fühlt sich im Stich ge­las­sen. „We­der Herr Strobl noch ei­ner sei­ner Staats­e­kre­tä­re ha­ben sich bis­her bei mir ge­mel­det.“Da­zu se­he er auch wei­ter kei­nen An­lass, kon­ter­te Strobl. Er sei für den Ober­bür­ger­meis­ter aber stets er­reich­bar. „Wenn Herr Klop­fer weiß, wie man ei­nen Ein­satz lei­tet, soll er sich bei der Po­li­zei be­wer­ben“, so Strobl, obers­ter Di­enst­herr der Po­li­zei im Land.

FO­TO: DPA

Am Ran­de des Volks­fests in Schorn­dorf grif­fen rund hun­dert Ju­gend­li­che die Po­li­zei an. Zu­dem er­mit­telt die Po­li­zei in sechs Fäl­len von se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung.

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