Ver­set­zung des Jah­res: Schü­ler Mar­cel Tkac­zyk be­kommt den Preis

Von Ra­dom in Po­len nach Fried­richs­ha­fen - Mar­cels Fa­mi­lie lebt erst seit drei Jah­ren in Deutsch­land

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Friedrichshafen - Von Chris­toph Dier­king

- Der ers­te Schul­tag war schwie­rig. „Ja“und „nein“wa­ren die ein­zi­gen Wör­ter, die Mar­cel Tkac­zyk auf Deutsch sa­gen konn­te. Doch in­zwi­schen be­herrscht der 15-Jäh­ri­ge die Spra­che und be­sucht das Karl-May­bachGym­na­si­um. Ge­mein­sam mit sei­nem Va­ter, Mut­ter und sei­ner klei­nen Schwes­ter ist er vor drei Jah­ren von Po­len nach Fried­richs­ha­fen ge­zo­gen. Die Fa­mi­lie kommt aus Ra­dom, ei­ner Groß­stadt, die zwi­schen War­schau und Kra­kau liegt. Am Mon­tag er­hält Mar­cel den Preis für die „Ver­set­zung des Jah­res“.

Chris­toph Fel­der, Schul­lei­ter des Karl-May­bach-Gym­na­si­ums, er­in­nert sich noch ge­nau: Vor ziem­lich ge­nau ei­nem Jahr ha­be Mar­cel an sei­ner Tür ge­klopft und ihm mit­ge­teilt, dass er auf das Gym­na­si­um ge­hen wol­le. Zu dem Zeit­punkt be­such­te er noch die Lud­wig-Dür­rSchu­le in Fried­richs­ha­fen, ei­ne Werk­re­al­schu­le. Leh­re­rin­nen und Leh­rer hät­ten mit Mar­cel Ge­sprä­che ge­führt, um her­aus­zu­fin­den, ob er dem Un­ter­richt auf dem Gym­na­si­um fol­gen kön­ne. „Wir woll­ten Mar­cel auf kei­nen Fall über­for­dern“, be­tont Fel­der. „Aber es war schnell klar, dass er den nö­ti­gen Biss und Ehr­geiz mit­bringt.“

Die Lud­wig-Dürr-Schu­le hat im Zu­ge der Flücht­lings­kri­se so­ge­nann­te Vor­be­rei­tungs­klas­sen ein­ge­rich­tet, lässt Fel­der wis­sen. Das Ziel: Flücht­lings­kin­dern die deut­sche Spra­che bei­brin­gen. Auch Mar­cel hat die Vor­be­rei­tungs­klas­se für ein Jahr be­sucht. „Vie­le Mit­schü­ler konn­ten nur ara­bisch“, er­in­nert er sich. Es folg­te der Wech­sel in die Re­gel­schu­le. Hier war Mar­cel sechs Mo­na­te. Mit der Zeit ha­be er sich un­ter­for­dert ge­fühlt, weil er die Lern­in­hal­te schon aus Po­len kann­te. Lan­ge­wei­le sei auf­ge­kom­men. Aber we­gen sei­ner feh­len­den Deutsch­kennt­nis­se konn­te er noch nicht auf das Gym­na­si­um ge­hen.

Das ist heu­te an­ders: Mar­cel spricht flie­ßend Deutsch. Er geht in die sieb­te Klas­se, nimmt ak­tiv am Un­ter­richts­ge­sche­hen teil und ist ger­ne in der Schu­le. Zu Hau­se in­ves­tiert er viel Zeit, um den Lern­stoff auf­zu­ar­bei­ten. „Des­halb hat er den Preis ver­dient“, sagt Fel­der. „Und in­di­rekt dan­ken wir da­mit auch den Lehr­kräf­ten der Lud­wig-Dürr-Schu­le, die Mar­cel auf sei­nem Weg un­ter­stützt ha­ben.“Der Preis für die Ver­set­zung des Jah­res wird in die­sem Jahr erst­ma­lig ver­ge­ben und im Rah­men der May­bach­preis­ver­lei­hung am kom­men­den Mon­tag über­reicht.

Fa­mi­lie Tkac­zyk wohnt seit drei Jah­ren in Fried­richs­ha­fen. „In Po­len ha­ben nicht al­le Men­schen die sel­ben Mög­lich­kei­ten“, er­zählt Mar­cel. Nur die Kin­der von wohl­ha­ben­den El­tern könn­ten stu­die­ren. An­de­re nicht. In Deutsch­land sieht die Fa­mi­lie für sich ei­ne bes­se­re Zu­kunft. Mar­cel möch­te un­be­dingt stu­die­ren, wenn er mit der Schu­le fer­tig ist. „Viel­leicht Ju­ra oder Me­di­zin“, sagt er. „Aber si­cher bin ich mir da noch nicht.“Grund­sätz­lich ge­fal­len ihm Na­tur­wis­sen­schaf­ten am bes­ten: Ma­the und Phy­sik sind sei­ne Lieb­lings­fä­cher.

Ra­fa­el Tkac­zyk, Mar­cels Va­ter, ar­bei­tet in ei­nem Mö­bel­haus. Ein Be­kann­ter, der auf ei­ner Ap­fel­plan­ta­ge in der Re­gi­on tä­tig war, hat den Job ver­mit­telt. Tkac­zyk ist schon seit vier Jah­ren am Bo­den­see. Frau, Sohn und Toch­ter sind vor drei Jah­ren nach­ge­kom­men. Po­len ver­mis­sen sie nicht – da­für aber Freun­de und Ver­wand­te, die dort le­ben. Ein- bis zwei­mal im Jahr fährt die Fa­mi­lie in die al­te Hei­mat, um al­len ei­nen Be­such ab­zu­stat­ten.

Mar­cel nimmt re­gel­mä­ßig an ei­nem be­son­de­ren Lern­an­ge­bot des Karl-May­bach-Gym­na­si­ums teil, der Lern­zeit: „Die Re­de ist von ei­nem of­fe­nen Lern­kon­zept, das im Nach­mit­tags­be­reich an­ge­sie­delt ist“, er­klärt Fel­der. Das Prin­zip: Schü­le­rin­nen und Schü­ler be­rei­ten sich auf Klas­sen­ar­bei­ten vor und wie­der­ho­len Lern­stoff, den sie ver­passt oder nicht ver­stan­den ha­ben. Ei­ni­ge nut­zen die Ge­le­gen­heit, Prä­sen­ta­tio­nen zu ver­schie­de­nen The­men vor­zu­be­rei­ten. Die­se kön­nen – im Rah­men der „Gleich­wer­ti­gen Fest­stel­lung von Schü­ler­leis­tun­gen (GFS) – als Äqui­va­lent zu Klas­sen­ar­bei­ten an­ge­rech­net wer­den. „Wir le­gen gro­ßen Wert dar­auf, dass die Ju­gend­li­chen selbst­stän­dig ar­bei­ten und sich ge­gen­sei­tig un­ter­stüt­zen“, fügt Fel­der hin­zu. „Aber na­tür­lich gibt es auch Un­ter­stüt­zung von den Lehr­kräf­ten, wenn es er­for­der­lich ist.“

FO­TO: CDI

Schul­lei­ter Chris­toph Fel­der (links) mit Fa­mi­lie Tkac­zyk: Ka­ro­li­na, Mar­cel, Nel und Ra­fa­el (von rechts).

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