Ins Sto­cken ge­ra­ten

SZ-Re­dak­teur Mar­vin We­ber tes­tet die phil­ip­pi­ni­sche Kampf­kunst Es­kri­ma

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Markdorf - Von Mar­vin We­ber

- Es­kri­ma, ei­ne in Deutsch­land re­la­tiv un­be­kann­te Kampf­kunst von den Phil­ip­pi­nen, steht an die­sem Mitt­woch­abend auf der Ta­ges­ord­nung. Mei­ne Er­fah­run­gen in Kampf­sport­ar­ten ge­hen gen null. In Rück­schlags­port­ar­ten mit Ball, wie Ten­nis, Bad­min­ton oder Tisch­ten­nis, ha­be ich seit der Ju­gend vie­le Er­fah­run­gen ge­sam­melt. Aber im Kampf­sport? Bis­her nicht. Um­so mehr bin ich auf die kom­men­den ein­ein­halb St­un­den in der Sport­hal­le am Bil­dungs­zen­trum in Mark­dorf ge­spannt.

Zur Be­grü­ßung be­kom­me ich zwei 75 Zen­ti­me­ter lan­ge und zwei Zen­ti­me­ter di­cke Rat­t­an­stö­cke in die Hand ge­drückt. Mein Werk­zeug für die nächs­ten 90 Mi­nu­ten. Mir kom­men al­te Bru­ce Lee Fil­me ins Ge­dächt­nis, bei dem die Stö­cke so schnell ge­schwun­gen wer­den, dass ei­nem be­reits beim Zu­se­hen schwin­de­lig wird. Das kur­ze Ge­dan­ken­spiel blen­de ich aus. Nach ei­ner Ver­beu­gung be­gin­nen wir mit den Auf­wärm­übun­gen. Trai­ner Cle­mens Mi­lich macht es vor. Ich soll die bei­den Stö­cke läs­sig aus dem Hand­ge­lenk krei­sen las­sen. Funk­tio­niert bei mir nicht an­satz­wei­se so, wie es Mi­lich de­mons­triert hat. Ich ver­su­che, lo­cke­rer in den Hand­ge­len­ken zu wer­den. Funk­tio­niert aber ir­gend­wie im­mer noch nicht. Ein Blick auf mei­ne Ne­ben­frau bringt auch kei­ne Er­kennt­nis­se, was ich falsch ma­che. Be­reits nach fünf Mi­nu­ten kom­me ich mir et­was ver­lo­ren vor und den­ke: „Wenn ich be­reits an der ers­ten Auf­wärm­übung schei­te­re, könn­ten das ganz schön an­stren­gen­de und auch et­was pein­li­che 90 Mi­nu­ten wer­den.“Die nächs­ten Übun­gen klap­pen et­was bes­ser. Ich soll die zwei Stö­cke wie ei­nen Au­to­schei­ben­wi­scher vor mei­nem Kör­per hin und her be­we­gen.

Nach ei­ner gu­ten Vier­tel­stun­de geht es an die ers­ten kom­bi­nier­ten Schlag­ab­läu­fe. Sechs Schlä­ge hin­ter­ein­an­der: Kopf, Kopf, Rip­pe, Rip­pe, Hüf­te, Hüf­te. Auch hier kom­me ich mir noch et­was un­be­hol­fen vor. Bei mir sind die Ab­läu­fe nicht an­satz­wei­se so flüs­sig, wie bei den an­de­ren der Grup­pe. Jetzt sol­len die ein­ge­üb­ten Schlä­ge am Part­ner an­ge­wen­det wer­den. Marc Weiss be­fasst sich mit dem Neu­ling in der Grup­pe. Ich bin froh, er hat sehr viel Nach­se­hen mit mir. Auch wenn ich nach ei­ni­gen Ver­su­chen die Ab­läu­fe im­mer noch nicht rich­tig ma­che, bleibt Weiss ru­hig und er­klärt mir das Gan­ze noch­mals. Nach ei­ni­gen Mi­nu­ten funk­tio­niert es dann bes­ser. Das Kla­ckern der Rat­t­an­stö­cke hört sich mitt­ler­wei­le bei­na­he so ko­or­di­niert und kon­trol­liert an wie bei den Spar­rings­part­nern ne­ben uns. Ich bin zum ers­ten Mal stolz auf mich und den­ke, dass ich mich doch nicht so dumm an­stel­le. Doch ge­nau die­se kur­ze Pau­se der Kon­zen­tra­ti­on wird so­fort be­straft. Ich kom­me aus dem Rhyth­mus. Es­kri­ma er­for­dert die vol­le Auf­merk­sam­keit. Marc Weiss gibt mir den Tipp, dass ich mir die Schlag­ab­fol­ge im Kopf vor­sa­gen soll. Es funk­tio­niert. Jetzt er­hö­hen wir den Schwie­rig­keits­grad. Nach je­der Schlag­ab­fol­ge dre­hen wir uns um ei­nen Seit­wärts­schritt. Erst nur ge­gen den Uhr­zei­ger­sinn, dann auch mal in die an­de­re Rich­tung. Nach un­zäh­li­gen Durch­läu­fen trop­fen die ers­ten Schweiß­trop­fen von der Stirn. Nach Kom­bi­na­tio­nen von An­griff und Ab­wehr le­gen wir die Stö­cke bei­sei­te.

„Es­kri­ma ist ei­ne all­um­fas­sen­de Kampf­kunst“, er­klärt Mi­lich. Ob mit dem Stock, dem Mes­ser, dem Schwert, dem Dolch oder ganz oh­ne Waf­fen nur mit den Fäus­ten: Es gibt zahl­rei­che Stil­ar­ten. Das lie­ge dar­an, dass die Phil­ip­pi­nen aus mehr als 7000 In­seln be­ste­hen und bei­na­he je­de der In­seln sei­nen ei­ge­nen Stil ha­be, so Mi­lich. Zu mei­ner Be­ru­hi­gung kämp­fen wir aber oh­ne Waf­fen. Kurz vor der Un­ter­richts­stun­de hat­te ich mir noch Vi­de­os im In­ter­net an­ge­guckt, in de­nen so schnell mit Mes­sern durch die Luft, um den Kopf her­um­ge­fuch­telt wur­de, dass ich et­was ängst­lich wur­de. Wir wie­der­ho­len die Be­we­gungs­ab­läu­fe, die wir zu­vor mit den Stö­cken ein­stu­diert hat­ten. Auch er­for­dert das erst ein­mal wie­der ei­ne kur­ze Ein­ge­wöh­nungs­pha­se. Weiss ist wei­ter­hin sehr ge­dul­dig mit mir. Es folgt ei­ne Kom­bi­na­ti­on, bei der ich am En­de mit Ein­dre­hen des Arms und et­was Druck den Part­ner auf den Mat­ten­bo­den zwin­ge. Nicht al­le Es­kri­maVer­bän­de be­nut­zen die­se Art des Kamp­fes. Ca­coy Do­ce Pa­res heißt der Ver­band, dem Mi­lich an­ge­hört und des­sen Tech­ni­ken er auch in Mark­dorf ver­mit­telt. „Bei uns ist der Kampf mit dem Ein­zel­stock die Pa­ra­de­dis­zi­plin. In an­de­ren Ver­bän­den dies der Kampf mit lan­ger und kur­zer Waf­fe, wie mit ei­nem Schwert und ei­nem Mes­ser“, er­klärt mir Mi­lich nach den ein­ein­halb St­un­den. Ich muss erst ein­mal durch­schnau­fen. Trotz re­gel­mä­ßi­ger Fit­ness­stu­dio-Be­su­che bin ich ganz schön aus der Pus­te. Für mich hat die Schnup­per­stun­de neue und in­ter­es­san­te Tü­ren des Sports ge­öff­net. Es muss nicht im­mer ein Ball im Spiel sein, um Spaß zu ha­ben, den­ke ich mir. Am nächs­ten Tag bleibt ein leich­ter Mus­kel­ka­ter in den Hän­den. Viel­leicht ha­be ich doch noch et­was zu ver­krampft die Stö­cke ge­hal­ten. Beim nächs­ten Mal dann ent­spann­ter.

FO­TOS: MAR­CUS FEY

Auf­wärm­übun­gen zu Be­ginn: Bei Es­kri­ma sind be­son­ders Ko­or­di­na­ti­on und Kon­trol­le ge­fragt.

An­griff und Ver­tei­di­gung fol­gen di­rekt auf­ein­an­der.

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