Bei An­ruf An­kla­ge

Pro­zess­be­ginn in Istan­bul ge­gen re­gie­rungs­kri­ti­sche Jour­na­lis­ten – Un­ter­su­chungs­haft ge­gen zwei wei­te­re Men­schen­recht­ler

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Su­san­ne Güs­ten

ISTAN­BUL - Wenn es nach der tür­ki­schen Staats­an­walt­schaft geht, kann man schon zum Ter­ro­ris­ten wer­den, in­dem man den fal­schen Par­kett­le­ger be­schäf­tigt. Oder in­dem man ei­nen An­ruf von ei­nem mut­maß­li­chen Bö­se­wicht er­hält. We­gen Vor­wür­fen die­ser Art müs­sen sich ab heu­te mehr als ein Dut­zend Mit­ar­bei­ter der Istan­bu­ler Op­po­si­ti­ons­zei­tung „Cumhu­riy­et“ver­ant­wor­ten. Ih­nen dro­hen lan­ge Haft­stra­fen we­gen an­geb­li­cher Un­ter­stüt­zung ei­ner ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung. Jour­na­lis­ten­ver­bän­de wer­ten das Ver­fah­ren als be­son­ders kras­ses Bei­spiel für den Druck auf die Me­di­en in der Tür­kei: Nach ih­rer An­sicht steht in dem Pro­zess der au­to­kra­ti­sche Kurs der Re­gie­rung in An­ka­ra am Pran­ger.

Wie ab­surd die Vor­wür­fe der An­kla­ge sind, hat der an­ge­klag­te „Cumhu­riy­et“-Ko­lum­nist Ka­dri Gür­sel in ei­ner in der Un­ter­su­chungs­haft ge­schrie­be­nen Ana­ly­se her­aus­ge­ar­bei­tet. Gür­sel, ei­ner der pro­mi­nen­tes­ten Jour­na­lis­ten des Lan­des, war per SMS und An­ru­fen von mut­maß­li­chen An­hän­gern des Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len kon­tak­tiert wor­den. Ob­wohl Gür­sel die al­ler­meis­ten Bot­schaf­ten und An­ru­fe nicht be­ant­wor­te­te, hält ihm die An­kla­ge vor, mit Gü­le­nis­ten kon­spi­riert zu ha­ben. We­ni­ge Ta­ge vor dem Putsch­ver­such des ver­gan­ge­nen Jah­res, der laut An­ka­ra von Gü­len or­ga­ni­siert wur­de, nutz­te Gür­sel sei­ne Ko­lum­ne für schar­fe Kri­tik an Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan – die Staats­an­walt­schaft wer­tet dies als Straf­tat. Gür­sel soll nach dem Wil­len der An­kla­ge 15 Jah­re ins Ge­fäng­nis.

Bei an­de­ren An­ge­klag­ten sieht es nicht bes­ser aus. „Cumhu­riy­et“-Ge­schäfts­füh­rer Akin Atalay sitzt in Haft, weil er sei­nen Fuß­bo­den von ei­nem Un­ter­neh­men er­neu­ern ließ, das auch ei­nen Gü­le­nis­ten als Kun­den hat­te. Gür­sels Kol­le­ge, der 76jäh­ri­ge Ve­te­ran Ay­din En­gin, soll als Ter­ro­rist ver­ur­teilt wer­den, weil er bei ei­nem Rei­se­bü­ro buch­te, bei dem auch ein Gü­len-An­hän­ger ein Ti­cket kauf­te. Der eben­falls an­ge­klag­te Jour­na­list Ah­met Sik saß vor ei­ni­gen Jah­ren, als Gü­lens Be­we­gung noch mit Er­do­gans Re­gie­rungs­par­tei AKP ver­bün­det war, schon ein­mal in Haft, weil er kri­ti­sches Buch über die Gü­le­nis­ten ge­schrie­ben hat­te. Dies­mal steht er we­gen an­geb­li­cher Zu­sam­men­ar­beit mit Gü­lens Leu­ten vor dem Rich­ter. Mit ähn­li­chen Ar­gu­men­ten wa­ren zu­letzt der deut­sche Men­schen­recht­ler Pe­ter Steudt­ner und an­de­re Ak­ti­vis­ten in Un­ter­su­chungs­haft ge­nom­men wor­den. Ein Istan­bu­ler Ge­richt hat nun Un­ter­su­chungs­haft ge­gen zwei wei­te­re tür­ki­sche Men­schen­recht­ler ver­hängt. Ih­nen wer­de „Un­ter­stüt­zung ei­ner ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung“vor­ge­wor­fen, mel­de­te die staat­li­che Nach­rich­ten­agen­tur Ana­do­lu am Sonn­tag. Nach Na­lan Er­kem und Il­k­nur Üstün wird nach An­ga­ben von Ana­do­lu ge­fahn­det.

Seit neun Mo­na­ten im Ge­fäng­nis

Zwölf der 19 An­ge­klag­ten im „Cumhu­riy­et“-Pro­zess be­fin­den sich in Un­ter­su­chungs­haft – ei­ni­ge von ih­nen sit­zen seit fast neun Mo­na­ten hin­ter Git­tern. Auf die­se Wei­se wer­de die Un­ter­su­chungs­haft zur Ge­fäng­nis­stra­fe oh­ne Ur­teil, schrieb Gür­sel. Druck auf die Me­di­en spü­ren vie­le Jour­na­lis­ten in der Tür­kei, doch „Cumhu­riy­et“wird von der Re­gie­rung mit ganz be­son­de­rem Ei­fer ver­folgt. Un­ter den An­ge­klag­ten des Pro­zes­ses ist auch Mu­sa Kart, der Ka­ri­ka­tu­rist von „Cumhu­riy­et“, der sich in sei­nen Zeich­nun­gen mehr­mals über Er­do­gan lus­tig ge­macht hat. Der nach Deutsch­land ge­flo­he­ne ehe­ma­li­ge Chef­re­dak­teur des Blat­tes, Can Dündar, zählt eben­falls zu den Be­schul­dig­ten. Dündar war von Er­do­gan zum Lan­des­ver­rä­ter aus­ge­ru­fen wor­den.

Jour­na­lis­ten­ver­bän­de in der Tür­kei und im Aus­land wol­len De­le­ga­tio­nen zum Pro­zess­auf­takt im Jus­tiz­pa­last in Istan­bul schi­cken, um die An­ge­klag­ten zu un­ter­stüt­zen und auf die Ein­schrän­kun­gen der Pres­se­frei­heit in der Tür­kei auf­merk­sam ma­chen. Auch ei­ni­ge Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te wol­len das Ver­fah­ren in Istan­bul ver­fol­gen. Ins­ge­samt wird mit meh­re­ren tau­send De­mons­tran­ten ge­rech­net.

FO­TO: DPA

Can Dündar

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