„Ver­eins­ar­beit und G8 sind schwer ver­ein­bar“

Der schei­den­de Schul­lei­ter Til­mann Sie­bert spricht über sei­ne Zeit am BZM

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Markdorf -

- Fast zehn Jah­re hat Til­mann Sie­bert das Gym­na­si­um am Bil­dungs­zen­trum ge­lei­tet. Nun wech­selt er nach Ra­vens­burg. Wie er selbst als Schü­ler war, was er von der Zen­tra­li­sie­rung des Bil­dungs­sys­tems und G8 hält, ver­riet er SZ-Re­dak­teu­rin Ju­lia Frey­da im In­ter­view.

Herr Sie­bert, wie wa­ren Sie ei­gent­lich als Schü­ler?

Ich glau­be, dass ich als Schü­ler mei­nen Leh­rern kei­ne Nö­te be­rei­tet ha­be – auch wenn ich nicht be­son­ders flei­ßig war. Ich ha­be mich lie­ber mit Ju­gend­ar­beit be­schäf­tigt und erst im Stu­di­um rich­tig an­ge­fan­gen zu ar­bei­ten. Ich war aber gut in Deutsch. Zu­min­dest mit der ei­ge­nen Spra­che ha­be ich im­mer ger­ne zu tun ge­habt.

Und wie kam dann der Wunsch Leh­rer zu wer­den?

Ur­sprüng­lich woll­te ich Deutsch und Kunst­ge­schich­te stu­die­ren, aber hät­te da­mit Ein­schrän­kun­gen auf dem Ar­beits­markt hin­neh­men müs­sen. Um mir mehr Op­tio­nen of­fen zu hal­ten, ha­be ich dann Ge­schich­te ge­wählt und im Lau­fe des Stu­di­ums kam das Lehr­amt im­mer mehr für mich in­fra­ge. Si­cher auch, weil ich schon Er­fah­run­gen in der Ju­gend­ar­beit hat­te.

Neun Jah­re wa­ren Sie nun Di­rek­tor in Mark­dorf. Hat es ei­nen Hö­he­punkt ge­ge­ben?

Den ei­nen Hö­he­punkt gab es nicht. Es war ins­ge­samt ei­ne sehr be­weg­te Zeit. Mit 39 Jah­ren war ich da­mals recht jung als Schul­lei­ter und traf auf ei­ne kom­ple­xe Schul­land­schaft. Ei­ner­seits mit drei Schul­for­men in ei­nem Bil­dungs­zen­trum, an­de­rer­seits mit zwei Schul­trä­gern. Das war ei­ne Her­aus­for­de­rung, aber die­se Mul­ti­di­men­sio­na­li­tät ha­be ich auch als at­trak­tiv er­lebt.

Was ist dar­an at­trak­tiv?

Weil ich da­durch mit vie­len Men­schen im Ge­spräch war. Als Schul­lei­ter ist es ei­ne mei­ner Haupt­auf­ga­ben, Ge­sprä­che jeg­li­cher Art zu füh­ren und zu ver­mit­teln zwi­schen El­tern, Schü­lern, Leh­rern, Stadt und Kreis.

Hat es ei­nen Tief­punkt ge­ge­ben?

An­stren­gend war si­cher die Pha­se, in der wir uns der Fra­ge ge­stellt ha­ben, wie die zu­künf­ti­ge Struk­tur am Bil­dungs­zen­trum aus­se­hen soll. Da­mals gab es zu­nächst ei­ne Spur­grup­pe, in der wir Ide­en ent­wi­ckeln woll­ten. Wir ha­ben viel Ar­beit dar­in in­Schu­le ves­tiert, aber sind letzt­end­lich ge­schei­tert oder ka­men zu­min­dest zu kei­nem di­rek­ten Er­geb­nis.

Wie hat es denn dann doch noch mit dem Schul­frie­den am BZM ge­klappt?

In ers­ter Li­nie, weil wir trotz­dem mit­ein­an­der im Ge­spräch ge­blie­ben sind und Schu­len so­wie Schul­trä­ger nicht den Kon­flikt­weg ge­hen woll­ten. Statt­des­sen stand im Fo­kus, die In­ter­es­sen der Schu­len und der po­li­ti­schen Gre­mi­en zu­sam­men­zu­füh­ren.

G8 oder G9 war am Gym­na­si­um in Mark­dorf auch im­mer wie­der The­ma. Wie ist jetzt im Rück­blick Ihr Stand­punkt da­zu?

Als ich vier Jah­re an der Deut­schen Schu­le in Bu­da­pest war, ha­be ich das Abitur nach acht Jah­ren schät­zen ge­lernt. Dort er­schien es mir durch­aus gut, wenn man nicht zu lan­ge in der ist. Hier im Bo­den­see­kreis gibt es aber ein star­kes au­ßer­schu­li­sches An­ge­bot. Die deut­sche Ge­sell­schaft lebt von Ver­ei­nen und eh­ren­amt­li­cher Ar­beit. Wenn wir jun­gen Men­schen Raum da­für ge­ben wol­len, dann ist das mit G8 oft schwe­rer ver­ein­bar.

Schon zum zwei­ten Mal kommt am Gym­na­si­um kein G8-Zug zu­stan­de. Ist das Mo­dell für Sie ge­schei­tert?

Nein, wenn El­tern be­zie­hungs­wei­se Schü­ler es möch­ten, kann es wie­der ei­ne G8-Klas­se ge­ben. Ich bin nach wie vor der Mei­nung, dass es Schü­ler gibt, die gut das Gym­na­si­um in acht Jah­ren be­wäl­ti­gen kön­nen. Aber das ist ei­ne Grup­pe von viel­leicht rund 20 Pro­zent.

Sind Sie stolz auf et­was, das Sie in Mark­dorf hin­ter­las­sen?

Ich bin kein Freund des Stol­zes. Aber ich bin froh über al­le Mo­men­te, in de­nen ich se­hen konn­te, dass Schü­ler zu­frie­den und ger­ne zu uns kom­men und sie bei uns gleich­zei­tig re­gel­mä­ßig gu­te so­wie sehr gu­te Leis­tun­gen er­zielt ha­ben.Wir sind nach wie vor ei­ne an­spruchs­vol­le Schu­le, die sich im Re­gie­rungs­be­zirk und auch lan­des­weit mit an­de­ren mes­sen kann.

Es wird im­mer wie­der ei­ne Zen­tra­li­sie­rung des Bil­dungs­sys­tems dis­ku­tiert. Kön­nen Sie sich da­mit an­freun­den?

Ich wün­sche mir, dass Ru­he ins Bil­dungs­sys­tem kommt. Na­tür­lich muss ei­ne Schu­le dem Wan­del der Zeit be­geg­nen, aber stän­di­ge Struk­tur­re­for­men sind be­las­tend. Ei­ne ge­wis­se Zen­tra­li­sie­rung der schul­po­li­ti­schen Struk­tu­ren könn­ten da hel­fen.

Be­fürch­ten Sie nicht, dass die Bil­dungs­qua­li­tät lei­den könn­te?

Wenn ei­ne Zen­tra­li­sie­rung da­zu führt, dass in Prü­fun­gen wie dem Abitur die An­sprü­che re­du­ziert wer­den, um al­le mit­zu­neh­men, dann wä­re das na­tür­lich schlecht. Ei­ne Zen­tra­li­sie­rung soll­te nicht zur Ni­vel­lie­rung füh­ren.

Hin­ter­las­sen Sie Ih­rem Nach­fol­ger ei­ne Bau­stel­le am Gym­na­si­um?

Es gibt na­tür­lich das gro­ße Sa­nie­rungs­pa­ket am Bil­dungs­zen­trum und ich hof­fe, dass zu­min­dest die na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Be­rei­che bald sa­niert wer­den. In­halt­lich wird bis En­de des Jah­res die Fra­ge zu klä­ren sein, ob Mark­dorf wei­ter­hin Mo­dell­schu­le für G8/G9 sein möch­te. Die­se Ent­schei­dung über­las­se ich dem Kol­le­gi­um ge­mein­sam mit der neu­en Schul­lei­tung.

Klingt doch nach span­nen­den Auf­ga­ben. War­um dann der Wech­sel nach Ra­vens­burg?

Mei­ne Mo­ti­va­ti­on ist ei­ner­seits, dass ich da­durch nä­her an mei­nem Wohn­ort Wein­gar­ten bin. An­de­rer­seits tut es nach fast zehn Jah­ren so­wohl ei­ner Schu­le als auch ei­nem Schul­lei­ter gut, wenn ein Wech­sel er­folgt.

FO­TO: FREY­DA

Für Til­mann Sie­bert steht nun auch Un­ter­la­gen durch­ge­hen und Auf­räu­men auf dem St­un­den­plan.

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