Ein Vil­la-Wahn­fried-Traum

Um­ju­bel­ter Fest­spiel­auf­takt in Bay­reuth: Bar­rie Ko­s­ky in­sze­niert Wa­g­ners „Die Meis­ter­sin­ger“

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Kultur - Von Bar­ba­ra Mil­ler

- Das gibt’s nicht oft, dass das Festspielhaus schon nach dem ers­ten Auf­zug vor Bei­fall bebt. Doch Re­gis­seur Bar­rie Ko­s­ky ge­lingt es mit dem ers­ten Bild, das Pu­bli­kum für sich ein­zu­neh­men. Wir sind bei den Wa­g­ners da­heim, im Sa­lon der Vil­la Wahn­fried spie­len Haus­herr und Gäs­te „Die Meis­ter­sin­ger“nach. Das Gan­ze ein Wahn­fried-Traum. Auch am En­de herrscht wie­der gren­zen­lo­ser Ju­bel. Ge­fei­ert wer­den Micha­el Vol­le als Sachs, Da­ni­el Beh­le als Da­vid, Klaus Flo­ri­an Vogt als Stolzing und Jo­han­nes Mar­tin Kränz­le als Beck­mes­ser. Rie­si­ger Bei­fall für Phil­ip­pe Jor­dan am Pult und die Ins­ze­nie­rung von Bar­rie Ko­s­ky.

Bar­rie Ko­s­ky (50) lei­tet die Ko­mi­sche Oper Ber­lin. Er ist ein aus­tra­li­scher Re­gis­seur, und er ist Ju­de. In ei­nem In­ter­view mit der „Süd­deut­schen Zei­tung“hat er er­zählt, dass er Wa­g­ners Mu­sik schon als Kind durch die un­ga­risch-stäm­mi­ge Groß­mut­ter ken­nen- und lie­ben ge­lernt ha­be. Als er an­fing, sich mit den his­to­ri­schen Hin­ter­grün­den zu be­fas­sen, be­gan­nen die Schwie­rig­kei­ten. Auch mit dem Ort Bay­reuth. Lan­ge ha­be er mit sich ge­run­gen, ob er ge­ra­de „Die Meis­ter­sin­ger“hier in­sze­nie­ren wol­le.

Denn die­ses Werk, von Hit­ler per­sön­lich zum „Fest­spiel der Reichs­par­tei­ta­ge für al­le Zei­ten“er­ko­ren, ist kon­ta­mi­niert wie kein zwei­tes Werk Wa­g­ners. 1888 zum ers­ten Mal in Bay­reuth auf­ge­führt, zieht sich ei­ne dunk­le Spur des Na­tio­na­lis­mus durch die Re­zep­ti­ons­ge­schich­te. 1924, nach dem Ers­ten Welt­krieg, er­hob sich das Pu­bli­kum beim Schluss­chor und stimm­te sei­ner­seits das Deutsch­land­lied an. Auf aus­drück­li­chen Wunsch Hit­lers fan­den auch noch 1943 und 1944 Fest­spie­le statt. Ein­zi­ger Pro­gramm­punkt die­ser so­ge­nann­ten Kriegs­fest­spie­le: „Die Meis­ter­sin­ger“.

Doch Ko­s­ky hat sei­nen Weg ge­fun­den zu die­sem Werk und zu Bay­reuth. In dem In­ter­view sagt er: „Au­schwitz ist Hor­ror. Bay­reuth ist Come­dy, aber ei­ne tief­schwar­ze Ko­mö­die.“Und „Die Meis­ter­sin­ger“? An­geb­lich ei­ne mu­si­ka­li­sche Ko­mö­die. Aber wor­über wird da ge­lacht? Über Six­tus Beck­mes­ser, für Ko­s­ky und sei­nen Dra­ma­tur­gen Ul­rich Lenz die üb­le Ka­ri­ka­tur des Ju­den. In der Fi­gur des Six­tus Beck­mes­ser sei der gan­ze Wa­gner­sche An­ti­se­mi­tis­mus ge­bün­delt, schrei­ben sie im Pro­gramm­heft: „Sei­ne See­le und sein Cha­rak­ter sind ma­ri­niert in je­dem nur denk­ba­ren an­ti­se­mi­ti­schen Vor­ur­teil, das aus den im mit­tel­al­ter­li­chen Eu­ro­pa kur­sie­ren­den Blut­an­kla­gen ge­gen die Ju­den her­vor­ge­gan­gen ist: Er ist ein Dieb, er ist gie­rig, er ist un­fä­hig zu lie­ben, un­fä­hig wah­re Kunst zu ver­ste­hen, er raubt deut­sche Frau­en, er stiehlt deut­sche Kul­tur, er stiehlt deut­sche Mu­sik.“Auf der Büh­ne wird man spä­ter ei­nen rie­si­gen Luft­bal­lon mit der Ka­ri­ka­tur ei­nes Ju­den se­hen, un­ter der sich Beck­mes­ser ver­birgt.

Der dop­pel­te Wa­gner

Richard Wa­gner war da­für be­kannt, der Fa­mi­lie und Gäs­ten st­un­den­lang sei­ne Wer­ke vor­zu­füh­ren und vor­zu­spie­len. Dar­aus ent­wi­ckelt Ko­s­ky sei­ne Grund­idee, die aber die Ins­ze­nie­rung reich­lich kom­pli­ziert macht: „Die Meis­ter­sin­ger“als Spiel im Hau­se Wahn­fried. Richard Wa­gner gibt es gleich zwei­mal. Micha­el Vol­le tritt als Wa­gner auf und wird zu Hans Sachs. Und auch Klaus Flo­ri­an Vogt kommt als Wa­gner auf die Büh­ne, wird dann aber zu Walt­her von Stolzing. Wa­g­ners Frau Co­si­ma steht für Eva Po­gner (An­ne Schwa­ne­wilms). Je­der der tra­gen­den Rol­len der „Meis­ter­sin­ger“wird ei­ne Per­son aus dem Um­feld des Kom­po­nis­ten zu­ge­ord­net. So sieht Veit Po­gner (Gün­ther Groiss­böck) aus wie Franz Liszt. Und in Six­tus Beck­mes­ser (Jo­han­nes Mar­tin Kränz­le) sol­len wir Her­mann Le­vi er­ken­nen, den jü­di­schen Di­ri­gen­ten des „Par­si­fal“, der bit­te­re De­mü­ti­gun­gen im Hau­se Wahn­fried er­fah­ren hat.

Schon zum Orches­ter­vor­spiel wer­den die Tü­ren zum Sa­lon auf­ge­sto­ßen. Auf­tritt Richard Wa­gner mit Mol­ly und Mar­ke, zwei präch­ti­gen Neu­fund­län­dern, die sich völ­lig un­be­ein­druckt zei­gen von dem Klang­zau­ber, den drun­ten im Gr­a­ben das Fest­spiel­or­ches­ter un­ter Phil­ip­pe Jor­dan ent­facht. Wenn der Chor den Cho­ral „Da zu dir der Hei­land kam“an­stimmt, fal­len al­le, bis auf Le­vi, auf die Knie. Un­s­anft wird er von Wa­gner her­un­ter­ge­drückt.

Das ge­schichts­träch­ti­ge Nürn­berg

Das Nürn­berg der „Meis­ter­sin­ger“ist ei­ne Er­fin­dung des 19. Jahr­hun­derts. Die Ins­ze­nie­rung macht sich dar­über lus­tig: Volk und Meis­ter­sin­ger, al­le­samt in er­le­se­ne mit­tel­al­ter­li­che Ko­s­tü­me ge­klei­det (Klaus Bruns), müs­sen sich ges­tisch der­art gro­tesk be­we­gen, dass klar ist: Das sind Leb­ku­chen-fres­sen­de Dep­pen. Auch Eva Po­gner hat kei­ne Chan­ce, sie ist ei­ne dum­me Gans.

Nürn­berg ist der Ort, an dem die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die Ras­se­ge­set­ze er­lie­ßen und die Al­li­ier­ten über die NS-Füh­rungs­rie­ge Ge­richt hiel­ten. Dies nimmt die Ins­ze­nie­rung auf. Büh­nen­bild­ne­rin Re­bec­ca Ringst hat für den zwei­ten und drit­ten Akt den Saal des Nürn­ber­ger Pro­zes­ses nach­ge­baut. Hier be­fin­det sich die Schus­ter­werk­statt des Hans Sachs. Hier wird Beck­mes­ser ver­prü­gelt und ver­lacht. Die Sze­ne wird zum Tri­bu­nal. Die­ser Sän­ger­wett­streit ist nicht ko­misch. Wir wer­den Zeu­gen ei­ner bru­ta­len Aus­gren­zung.

Und der schreck­li­che Schluss der Oper, wenn Hans Sachs und der Chor das Ho­he­lied auf „die heil’ge deut­sche Kunst“an­stim­men? An die­ser Stel­le ver­he­ben sich die Ins­ze­nie­run­gen. Kat­ha­ri­na Wa­gner stell­te bei ih­rer „Meis­ter­sin­ger“-Deu­tung 2009 ei­nen Gar­ten­zwerg mit Hit­ler-Gruß auf, der mit ei­nem Fuß­tritt von der Ram­pe flog. Bei Ko­s­ky steht nun Micha­el Vol­le al­lein auf der Büh­ne. Er hat sich von Hans Sachs wie­der in Richard Wa­gner zu­rück­ver­wan­delt. Vom Ka­the­der her­ab stimmt er sein Cre­do an: „Ehrt Eu­re deut­schen Meis­ter! Dann bannt ihr gu­te Geis­ter.“Er wen­det sich um und wird zum Di­ri­gen­ten ei­nes Sym­pho­nie­or­ches­ters, das auf ei­nem Po­dest auf die Vor­der­büh­ne fährt. Ein Schluss­bild, das rät­sel­haft bleibt.

FO­TO: BAY­REU­THER FEST­SPIE­LE /EN­RI­CO NA­WRATH

Im ers­ten Auf­zug füh­ren Wa­gner und sei­ne Gäs­te im Sa­lon der Vil­la Wahn­fried die „Meis­ter­sin­ger“auf: Der Gold­schmied Veit Po­gner (Gün­ther Groiss­böck, sit­zend) und die Meis­ter­sin­ger, die um die Gunst sei­ner Toch­ter wer­ben.

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