Ben­te­le sieht Nach­hol­be­darf bei In­klu­si­on

Be­hin­der­ten-Be­auf­trag­te und SPD-Bun­des­tags­kan­di­dat dis­ku­tie­ren an der Cam­phill-Pfle­ge­fach­schu­le

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Frickingen/Salem/Deggehausertal - Von Le­na Rei­ner

- Die Be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für die Be­lan­ge von Men­schen mit Be­hin­de­rung, Ve­re­na Ben­te­le, und der SPD-Bun­des­tags­kan­di­dat des Bo­den­see­krei­ses, Le­on Hahn, hat­ten am Di­ens­tag­nach­mit­tag auf dem Ge­län­de der Cam­phill-Pfle­ge­fach­schu­le in Fri­ckin­gen zu ei­nem Fach­ge­spräch rund um das The­ma Pfle­ge und In­klu­si­on ein­ge­la­den.

Im Vor­der­grund stan­den das im De­zem­ber 2016 ver­ab­schie­de­te Bun­des­teil­ha­be­ge­setz (BTHG), die Pfle­ge­stär­kungs­ge­set­ze und die Re­form der Pfle­ge­be­rufs­aus­bil­dun­gen. Im zu­nächst klei­nen Kreis mit der Ge­schäfts­füh­rung der Schu­le und spä­ter in grö­ße­rer Run­de mit in­ter­es­sier­ten Gäs­ten aus dem Be­reich der Pfle­ge nah­men die bei­den Gäs­te An­re­gun­gen auf, die sie auf die po­li­ti­sche Ebe­ne mit­neh­men könn­ten. Für Hahn stand im Vor­der­grund, tie­fer in die Ma­te­rie ein­zu­drin­gen, denn „das ist ein The­ma, über das man re­den muss“.

Wäh­rend schul­in­tern die Sor­ge be­stand, dass sich durch die neu­en ge­ne­ra­lis­ti­schen An­sät­ze in der Aus­bil­dung noch we­ni­ger Aus­bil­dungs­plät­ze fin­den lie­sen, denn die Be­trie­be, die Aus­zu­bil­den­de auf­neh­men wür­den, sei­en jetzt schon zu rar, be­ton­te Ge­schäfts­füh­re­rin Inge Schnell, dass grund­sätz­lich ei­ne Än­de­rung der Aus­bil­dung ziel­füh­rend sein kön­ne. Wäh­rend an­ge­hen­de Hei­l­er­zie­hungs­pfle­ger durch das ver­pflich­ten­de Vor­prak­ti­kum bes­tens wüss­ten, was auf sie zu­kom­me, sei das in der Al­ten­pfle­ge an­ders. Das füh­re da­zu, dass vie­le die Aus­bil­dung ab­brä­chen. Schnell und Ben­te­le wa­ren sich ei­nig: „Wir brau­chen krea­ti­ve jun­ge Leu­te in die­sem Be­reich, die die Pfle­ge durch ei­ge­ne Ide­en mit­ge­stal­ten.“

Im gro­ßen Ge­sprächs­kreis dreh­ten sich die Ge­sprä­che um die Im­ple­men­tie­rung des Bun­des­teil­ha­be­ge­set­zes, das Ben­te­le groß­teils po­si­tiv be­wer­te­te. Aber sie se­he in man­chen Be­rei­chen Nach­hol­be­darf – et­wa wenn es um schwam­mi­ge For­mu­lie­run­gen ge­he, die von ei­ner „An­ge­mes­sen­heit“und „Zu­mut­bar­keit“sprä­chen. „Ich glau­be ja, dass wenn mal je­mand in der So­zi­al­po­li­tik rich­tig mu­tig wä­re und aus­rech­nen wür­de, man viel durch die Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung im Rah­men ei­ner in­di­vi­du­el­len Be­treu­ung ein­spa­ren könn­te. Dann wür­de man se­hen, dass in­di­vi­du­el­le Be­treu­ung gar nicht teu­rer wä­re.“

Al­brecht Rö­mer vom Le­hen­hof warn­te der­weil, dass man in der Art der Be­treu­ung von Men­schen mit Be­hin­de­rung oder psy­chi­scher Er­kran­kung auch nicht kom­plett ei­ne Wen­de hin zu al­lei­ni­gen An­ge­bo­ten au­ßer­halb von Ein­rich­tun­gen voll­zie­hen dür­fe: „Es gibt auch Men­schen, die brau­chen die­se Rück­zugs­or­te, die wir ih­nen, et­wa auf dem Le­hen­hof, bie­ten kön­nen.“Ei­ne Mut­ter ei­nes au­tis­ti­schen Soh­nes, der durch ei­ne fehl­ge­rich­te­te Be­treu­ung kri­mi­na­li­siert wor­den sei, spricht sich der­weil er­neut für in­di­vi­du­el­le An­sät­ze aus, denn „je­der Mensch ist fried­fer­tig und es gibt kei­ne zwangs­läu­fi­ge Fol­ge von ir­gend­ei­nem Krank­heits­bild“.

Ei­nig wa­ren sich die An­we­sen­den der­weil bei ei­ner Sa­che: Die neu­en Re­ge­lun­gen dürf­ten nicht noch mehr Bü­ro­kra­tie mit sich brin­gen. „Ich fing vor 25 Jah­ren mit drei Mit­ar­bei­tern in der Ver­wal­tung an, heu­te sind es zehn“, schil­der­te Rein­hard Küs­tLev­feb­re von der Le­bens- und Ar­beits­ge­mein­schaft Lau­ten­bach. Da­her lau­te­te auch Ben­te­les Schluss­ap­pell: „Blei­ben Sie wach­sam, dass das BTHG nicht zu ei­nem Spar­ge­setz ver­kommt!“

FO­TO: LE­NA REI­NER

Ve­re­na Ben­te­le (rechts) bringt vie­le In­fos über die neu­en Ge­set­ze mit, mag aber auch An­re­gun­gen mit­neh­men, die sie als Be­hin­der­ten­be­auf­trag­te ein­brin­gen kön­ne. Le­ohn Hahn (links) möch­te vor al­lem tie­fer in die Ma­te­rie ein­drin­gen.

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