Ei­nen stei­ni­gen Weg ge­mein­sam ge­hen

Frau­en­selbst­hil­fe nach Krebs be­steht seit zehn Jah­ren – Frau­en hel­fen und un­ter­stüt­zen sich ge­gen­sei­tig

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Meersburg/uhldingen-mühlhofen - Von Na­di­ne Sapot­nik

- Es sind Ängs­te, die die drei Frau­en ken­nen: Bin ich beim rich­ti­gen Arzt? Was pas­siert mit mir wäh­rend der Che­mo-The­ra­pie? Und über­le­be ich? Chris­ta Ha­sen­brink, Ro­si Mun­dig und Ger­trud Gaus sind al­le vor ei­ni­gen Jah­ren an Krebs er­krankt. Mitt­ler­wei­le sind sie nicht mehr in ei­ner aku­ten Pha­se der Krank­heit, doch noch im­mer en­ga­gie­ren sie sich im Vor­stand der Grup­pe Frau­en­selbst­hil­fe nach Krebs Meers­burg. In die­sem Jahr gibt es die Grup­pe seit zehn Jah­ren.

Chris­ta Ha­sen­brink ist seit dem drit­ten Tref­fen der Grup­pe im Jahr 2007 da­bei. Da­mals lei­te­ten die Grup­pe noch In­ge­borg Rom­ei­ke und Mar­ga­re­te Kra­mer. Ein klei­ner Schubs, so sagt Ha­sen­brink selbst, war bei ihr da­mals nö­tig, da­mit sie sich ei­ner Selbst­hil­fe­grup­pe an­schließt. „Als ich die Dia­gno­se Krebs be­kom­men ha­be, ha­be ich zu­nächst mit ei­nem Freund te­le­fo­niert, der als Ra­dio­lo­ge ar­bei­tet“, sagt sie. Er ha­be ihr den Tipp ge­ge­ben sich ei­ner Selbst­hil­fe­grup­pe an­zu­schlie­ßen. Als sie dann zur Be­hand­lung im Kran­ken­haus ge­we­sen sei, ist sie auf die Grup­pe auf­merk­sam ge­wor­den. Für sie sei es ei­ne gro­ße Hil­fe ge­we­sen, sich mit an­de­ren Be­trof­fe­nen aus­zu­tau­schen. „Du bist nicht al­lein mit der Er­kran­kung. Du kannst den Weg ge­mein­sam mit an­de­ren ge­hen“, sagt sie.

Aus­tausch, Vor­trä­ge und Aus­flü­ge ste­hen auf dem Pro­gramm

Für vie­le Be­trof­fe­ne ist das ei­ne gro­ße Be­rei­che­rung. Zwei­mal im Mo­nat tref­fen sich die Frau­en in Meers­burg zum Aus­tausch. Doch nicht nur Meers­bur­ge­rin­nen sol­len an­ge­spro­chen wer­den, son­dern al­le Er­krank­ten im west­li­chen Bo­den­see­kreis. Bei den Tref­fen wird auch oft ein Pro­gramm­punkt an­ge­bo­ten, wie Vor­trä­ge von un­ter­schied­li­chen Ex­per­ten zum The­ma Krebs. Die Grup­pe ist nicht ge­schlos­sen und nimmt stän­dig neue Mit­glie­der auf, die sich al­ler­dings vor­her an­mel­den soll­ten. Ne­ben den fes­ten Ter­mi­nen or­ga­ni­siert die Frau­en­selbst­hil­fe auch im­mer wie­der Aus­flü­ge wie Wan­de­run­gen oder ähn­li­ches. Rund zwei Jah­re blei­ben die Frau­en, die in die Grup­pe kom­men, da­bei. Da­nach zie­hen sich vie­le wie­der zu­rück. Auch weil sie nicht stän­dig wie­der mit dem The­ma „Krebs“kon­fron­tiert wer­den möch­ten.

Der Groß­teil der Frau­en ist an Brust­krebs er­krankt, ei­ni­ge lei­den aber auch an an­de­ren Krebs­ar­ten. Die meis­ten von ih­nen neh­men Kon­takt zur Grup­pe auf, wenn sie die Dia­gno­se von ih­rem Arzt be­kom­men ha­ben. „Je­der der da­zu kommt, darf sei­nen ei­ge­nen Weg mit der Krank­heit fin­den“, sagt Ha­sen­brink. „Wir ver­ur­tei­len nie­man­den.“Hin und wie­der gä­be es Fäl­le, bei de­nen sich Frau­en ge­gen ei­ne Che­mo-The­ra­pie ent­schei­den. Auch die­se Ent­schei­dun­gen wer­den von den Mit­glie­der un­ter­stützt. „Es geht bei uns dar­um, sei­nen in­di­vi­du­el­len, selbst­be­stimm­ten Weg zu fin­den“, sagt Ger­trud Gaus. Mit vie­len Ängs­ten kom­men die er­krank­ten Frau­en in die Grup­pe. „Vie­le stel­len sich auch die Fra­ge, wie sie mit ih­rer Fa­mi­lie und ih­ren Kin­dern über das The­ma spre­chen sol­len“, sagt Ro­si Mun­dig. Schließ­lich sei die Krank­heit nicht nur für die Be­trof­fe­nen ei­ne Her­aus­for­de­rung, auch bei der Fa­mi­lie und en­gen Freun­den löst die Krank­heit Ängs­te und Ve­r­un­si­che­rung aus – und vie­le Fra­gen an die Zu­kunft. Ein schma­ler Grat. Zum ei­nen wünscht sich die Er­krank­te Rück­halt, zum an­de­ren möch­te sie ih­re Fa­mi­lie nicht zu sehr be­las­ten. Auch für die­se Fäl­le sei­en die Grup­pen­tref­fen ei­ne gro­ße Un­ter­stüt­zung. „Es ent­las­tet auch die Fa­mi­li­en“, sagt Mun­dig. Au­ßer­dem sei es für sie ein gro­ßer Rück­halt ge­we­sen, sich mit Men­schen aus­zu­tau­schen, die ge­nau wis­sen, wie es sich an­fühlt, an Krebs er­krankt zu sein.

Auch wenn die Grup­pe zu­sam­men­hält und sich ge­gen­sei­tig un­ter­stützt, gibt es schmerz­haf­te Zei­ten. „Es ist im­mer sehr schlimm, wenn je­mand aus der Grup­pe stirbt“, sagt Ha­sen­brink. Die Frau­en wür­den sich ge­gen­sei­tig stär­ken, auch auf dem Ster­be­weg. „Wir ge­hen mit­ein­an­der in Freud und Leid“, sagt Gaus. Die Mit­glie­der der Frau­en­selbst­hil­fe wol­len auf­fan­gen, in­for­mie­ren und be­glei­ten. Das sind die Schlag­wor­te, die sie auch auf ih­ren Fly­ern dru­cken, die in Arzt­pra­xen oder Kran­ken­häu­sern aus­lie­gen.

Ha­sen­brink, Mun­dig und Gaus ist es wich­tig, an­de­re er­krank­te Frau­en auf­zu­fan­gen und ih­nen Mut zu ma­chen. „Bei un­se­ren Tref­fen dreht es sich um die Ge­sund­heit, nicht um die Krank­heit“, sagt Ha­sen­brink. „Wir wol­len nach vor­ne bli­cken.“

FO­TO: SAPOT­NIK

Ro­si Mun­dig (von links), Chris­ta Ha­sen­brink und Ger­trud Gaus en­ga­gie­ren sich seit vie­len Jah­ren bei der Frau­en­selbst­hil­fe nach Krebs.

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