Hel­ges Traum­ku­lis­se: See plus Schloss mit Di­xi-, aber oh­ne Kat­ze­klo

„New York, Rio, Tett­nang“- Hel­ge Schnei­ders ho­he Un­ter­hal­tungs­kunst beim Open Air im Schloss­park am Sams­tag

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Bodenseekreis - Von Olaf E. Jahn­ke

– Mehr als 700 Zu­schau­er ha­ben sich am Sams­tag zum Re­gio­nal­werk Bo­den­see Schloss­gar­ten Open Air im Schloss­park ein­ge­fun­den. Mit fünf Be­gleit­mu­si­kern und ei­nem Tee­koch lag der Schwer­punkt des Abends bei Hel­ge Schnei­ders be­son­de­ren Schla­gern. Al­le sie­ben auf der Büh­ne tru­gen An­zü­ge, wohl dem Ju­bi­lä­ums­an­lass „240 Ye­ars of sin­gen­de Her­ren­tor­te“ge­schul­det.

Hel­ge Schnei­der ist be­kannt für sei­ne va­ria­blen Pro­gram­me, sei­nen Mul­ti­in­stru­men­ta­lis­mus, ei­ne schar­fe Zun­ge und da­für, dass er sei­ne Ko­mik in über­aus bunt und span­nend ge­strick­te Lie­der packt. So be­singt er All­tags­ge­schich­ten mit Kon­tras­ten und über­ra­schen­der Sa­ti­re. In den Zwi­schen­an­sa­gen ge­hö­ren Wort­spie­le wie der „Klap­per­strauß“und State­ments mit ak­tu­el­lem Be­zug („Ich lie­be Die­sel­ge­stank“) da­zu. Auch bei die­ser Tour über­höht Schnei­der als „Run­ning Gag“ge­nüss­lich sei­ne Rol­le als Band­lea­der. So wird Fak­to­tum und Tee­koch Bo­do Oes­te­ring ein ums an­de­re Mal ge­schu­ri­gelt und muss ser­vie­ren.

Für an­ge­neh­me Mu­sik­be­glei­tung auf Jazz-Ba­sis sor­gen zwei be­währ­te äl­te­re Her­ren, am Bass Ru­di Ol­brich und am Schlag­zeug Pe­ter Thoms. Ak­zen­te setzt an der Jazz­gi­tar­re mit Gi­psy-Sound und flin­ken Läu­fen im­mer wie­der San­dro Giam­pie­tro. Und mit ei­ner be­son­de­ren Tanz­dar­bie­tung und me­xi­ka­ni­schem Hoch­zeits­bass zeigt sich Ser­gej Gleith­mann. Ne­ben ihm ver­blüfft an Sa­xo­phon, Quer- und Block­flö­te („passt ja auch bes­ser zum Ge­sicht“) Kar­los Boes.

Der Ma­e­s­tro selbst zeigt sich am Sams­tag­abend in Tett­nang pro­fes­sio­nell, büh­nen­prä­sent, stimm­stark und vir­tu­os bei Ge­sang, am Flü­gel oder mit Kurz­ein­la­gen an Sa­xo­phon oder Gi­tar­re. Da­bei steht er stets au­gen­zwin­kernd in Kon­takt mit dem Pu­bli­kum und nimmt im­mer wie­der Be­zug auf Ort und Re­gi­on: „New York, Rio, Tett­nang.“

Au­ßer dem See und dem schön be­mal­ten Schloss sind zwi­schen den Ti­teln die kon­tras­tie­ren­den blau­en Di­xi-Klos wie­der­holt The­ma - nur nicht sein Me­ga-Hit „Kat­ze­klo“. Da­für trägt der Wort- und San­geskünst­ler mit ähn­lich phi­lo­so­phi­scher All­tags­tie­fe halt „Kä­se­brot“oder das Lied „Wurst­fach­ver­käu­fe­rin“vor. Mit „Es gibt Reis, Ba­by“er­zählt Schnei­der über die Be­mü­hun­gen, ei­ne Da­me in sei­ne auf­ge­räum­te und von Po­peln be­frei­te Woh­nung zum Es­sen zu lo­cken. „Ich ha­be so­gar den Tep­pich ra­siert – schüt­tel dein Haar...“. Im­mer wie­der über­ra­schend, er­freu­lich wit­zig bis er­schre­ckend sind die Ge­schich­ten, die er in sei­nen Lie­dern über All­tags­the­men er­zählt, ge­schmückt mit im­pro­vi­sier­ten Ele­men­ten.

Schö­ner See, schö­ner Pott

Be­son­ders ge­lun­gen beim Som­mer Open Air: „Der Mei­sen­mann“ein­schließ­lich Ang­ler- und Hun­de­psy­cho­lo­gie, Flug über den Bo­den­see mit Ku­ckucks­frau­en-Tod und höchst un­ter­halt­sa­mer Tanz­dar­bie­tung von Ser­gej Gleith­mann, dem lang­jäh­ri­gen Mit­strei­ter – auch bei Schnei­ders Fil­men. Tref­fend in Sa­chen Ge­sell­schafts­kri­tik trägt Schnei­der auch das „Schick­sals­lied“vor. Ego, Ehe und Cha­rak­ter wer­den mit dem ver­meint­li­chen Lot­to­ge­win­ner und Kloß­ge­nie­ßer-Ehe­mann gleich­sam auf die Schip­pe ge­nom­men. Da­bei legt er im­mer noch ein­mal ein Quänt­chen Un­er­träg­lich­keit nach. Stets im Vor­der­grund: das Zwi­schen­mensch­li­che. In ei­ner An­mach-Sze­ne an der Am­pel be­schreibt er das in der Schlei­fe. Im­mer wie­der mit „Mäd­chen, schäm’ dich nicht, wenn dich ein Mann an­spricht“und bringt schließ­lich das Pu­bli­kum zum Mit­sin­gen: La-di-la-di-ho.“

„Ja, der Bo­den­see ist schön und groß“, im­pro­vi­siert Schnei­der in der kur­zen Zu­ga­be, um gleich nach­zu­ha­ken: „Doch grö­ßer noch ist die Sehn­sucht, hier weg­zu­zie­hen...“Schnei­der sin­niert am Schluss, sich selbst be­ge­lei­tend: „Oder ihr kommt mal zu mir ins Ruhr­ge­biet“, um fort­zu­fah­ren: „Da ist ja auch schön, in­zwi­schen.“Wenn es da auch so ei­ne über­aus er­fri­schen­de Un­ter­hal­tung mit Be­zug zu Lo­ka­lem gibt, lohnt sich das si­cher.

FOTOS: OEJ

„240 Ye­ars of sin­gen­de Her­ren­tor­te“zie­hen durch­aus: Die Zu­hö­rer­schar kann sich se­hen las­sen.

Gu­te Lau­ne beim Haupt­dar­stel­ler: Hel­ge Schnei­der ge­fällt’s.

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