So krea­tiv ist die Ju­gend am Kul­turu­fer

Schau­spiel, Akro­ba­tik, Mu­sik und Hand­werk: Jun­ge Men­schen prä­sen­tie­ren ih­re Kunst

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Kulturufer - Von Chris­toph Dierking

- Sie tre­ten als Akro­ba­ten auf, sie ma­chen Mu­sik, und sie prä­sen­tie­ren ihr Kunst­hand­werk: Beim Kul­turu­fer wer­den jun­ge Men­schen zu Künst­lern und Händ­lern. Und aus jun­gen Künst­lern wer­den ge­nau­so ganz nor­ma­le Fest­be­su­cher: Sie mi­schen sich un­ter das Pu­bli­kum, schau­en sich Dar­bie­tun­gen ih­rer Kol­le­gen an und nut­zen die Ge­le­gen­heit, neue Leu­te ken­nen­zu­ler­nen. Ei­ni­ge ha­ben ei­nen wei­ten Weg zu­rück­ge­legt, um an der Ufer­pro­me­na­de auf­zu­tre­ten.

„Als Kind ha­be ich mit gro­ßen Au­gen das An­ge­bot am Stand an­ge­schaut“, sagt Noah und schmun­zelt. Heu­te ist er selbst Händ­ler und ver­kauft die St­ei­ne aus Bra­si­li­en, Me­xi­ko und Ma­rok­ko, die er frü­her be­staunt hat. Sie wer­den mit ei­ner Dia­man­ten­sä­ge ge­öff­net, da­mit die Berg­kris­tal­le zum Vor­schein kom­men. „Schwe­re St­ei­ne ha­ben ei­nen klei­nen Hohl­raum, leich­te ei­nen gro­ßen“, er­klärt der 16-Jäh­ri­ge. Die Kun­den kön­nen sich selbst ein Ex­em­plar aus­su­chen. Noah ge­nießt die Ar­beit am Kul­turu­fer. Als Ver­stär­kung hat er gleich sei­ne Freun­din Frau­ke mit­ge­bracht.

Ein paar Stän­de wei­ter prä­sen­tiert ei­ne an­de­re Frau­ke ih­re Kunst. Es duf­tet nach Räu­cher­stäb­chen. „Das ist Wild­ro­se“, sagt die 25-Jäh­ri­ge. Sie ver­kauft Rin­ge, die sie selbst ent­wirft und ge­stal­tet. Den Platz ne­ben den Schau­käs­ten ziert ein gro­ßes Stück Treib­holz, das ein Kun­de mit­ge­bracht hat. Frau­kes Lieb­lings­stück ist ein sil­ber­ner Ring, in dem ein blau­grü­ner St­ein ein­ge­ar­bei­tet ist. „Die Far­be heißt Aqua­ma­rin“, er­klärt sie. Der St­ein schim­mert im Son­nen­licht.

Kunst auf der Haut

Ka­tha lässt ih­rer Krea­ti­vi­tät im Be­reich des Ju­gend­zen­trums Mol­ke frei­en Lauf. Sie ar­bei­tet mit Hen­na, ei­nem Farb­stoff, der ur­sprüng­lich aus In­di­en kommt. Ei­gent­lich heißt sie Kat­ha­ri­na. „Aber so nennt mich kei­ner“, sagt sie. Die Hän­de der Ju­gend­li­chen, die zu ihr kom­men, be­malt sie mit gro­ßer Sorg­falt. Im­mer an den Li­ni­en ent­lang, die sie vor­ge­zo­gen hat. Das Er­geb­nis: kunst­voll ver­zier­te Mus­ter und For­men, die bis zu vier Wo­chen auf der Haut blei­ben.

Das Ju­gend­zen­trum Mol­ke ko­or­di­niert auch Band­auf­trit­te, die auf der gro­ßen Büh­ne statt­fin­den. Ju­ri, Ma­this und Pier­re ha­ben ge­ra­de ge­spielt und pa­cken ih­re Gi­tar­ren ein. Die Köl­ner ma­chen schon seit ein­ein­halb Jah­ren ge­mein­sam Mu­sik. Der Band­na­me: Ju­ri. Die Jungs ha­ben schon im ver­gan­ge­nen Jahr am Kul­turu­fer ge­spielt. „Hier ha­ben wir den schöns­ten Aus­blick“, sa­gen sie. Von der Büh­ne aus kön­nen sie di­rekt auf den Bo­den­see schau­en. Wenn sich die Mög­lich­keit er­gibt, wol­len sie noch ein zwei­tes Kon­zert ge­ben.

Mit dem Ein­rad auf dem Draht­seil

Juan ist Hoch­seil­ar­tist und das ers­te Mal am Kul­turu­fer. Er kommt aus Spa­ni­en und ge­neh­migt sich ein Fei­er­abend­bier mit sei­nen Kol­le­gen. Am nächs­ten Tag wird er mit dem Ein­rad auf dem Draht­seil fah­ren. „Das ha­be ich schon in zwölf Me­tern Hö­he ge­macht“, er­zählt er. Am Kul­turu­fer will er es bei zwei Me­tern be­las­sen. Mit sei­nen Kol­le­gen schlen­dert er die Pro­me­na­de hin­un­ter. Und schließ­lich fin­den sie sich in ei­ner Men­schen­grup­pe wie­der, die sich um ei­ne Frau ver­sam­melt hat. Die­se liegt re­gungs­los am Bo­den. Doch es ist nichts Schlim­mes pas­siert.

Die Frau heißt Su­san­na, ist 24 Jah­re alt und trägt ei­ne ro­te Clowns­na­se. Ge­mein­sam mit Jor­ge ist sie – wie auch Juan – aus Spa­ni­en nach Fried­richs­ha­fen ge­kom­men. Bei­de he­gen ei­ne Lei­den­schaft für das Ab­sur­de: In ih­rer Dar­bie­tung füh­ren sie ei­nen Wett­streit, in dem es of­fen­bar dar­um geht, sich um­zu­brin­gen. Su­san­na steckt den Kopf in ei­ne Mi­kro­wel­le und be­kommt ei­nen Strom­schlag. Jor­ge rammt sich ein Mes­ser in die Brust. Al­les nur zum Schein. Die Clowns wa­chen wie­der auf. „Man­che Kin­der ver­ste­hen nicht, dass es nur ein Spiel ist“, sagt Jor­ge. Die Kunst sei, auf das Pu­bli­kum zu ach­ten und es trotz der ab­sur­den Si­tua­ti­on zum La­chen zu brin­gen. Das ge­lingt in die­sem Fall.

Nach Mit­ter­nacht kehrt an der Ufer­pro­me­na­de Ru­he ein. Aber am nächs­ten Mor­gen wird das Le­ben zu­rück­keh­ren: Noah, Frau­ke und die an­de­re Frau­ke wer­den wie­der in den Stän­den ste­hen. Juan wird mit dem Ein­rad auf dem Draht­seil un­ter­wegs sein. Und die Jungs von Ju­ri wer­den wo­mög­lich ein zwei­tes Kon­zert ge­ben.

zu se­hen un­ter

Ge­se­hen von Fe­lix Käst­le

Vom Kul­turu­fer aus al­les im Blick: das Ufer­fest-Feu­er­werk, ei­nen Sturm in den Ber­gen und den Zep­pe­lin.

FO­TOS: CDI

Die Jungs von Ju­ri: Ma­this (links), Ju­ri und Pier­re (vor­ne).

Die­ses Jahr ist es ge­lun­gen: Noah woll­te schon im­mer am Kul­turu­fer ar­bei­ten. Sei­ne Freun­din Frau­ke un­ter­stützt ihn.

Wenn er nicht ge­ra­de mit Kol­le­gen un­ter­wegs ist, ba­lan­ciert Juan (rechts) auf ei­nem Draht­seil.

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