VOM KRAUTERHEILER ZUM HIGH­TECH-ARTZ

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - MARKDORF - Von Sa­rah Scha­ba­ber­le

MARK­DORF - Die Me­di­zin hat sich in den ver­gan­ge­nen 1200 Jah­ren, seit der ers­ten ur­kund­li­chen Er­wäh­nung Mark­dorfs, sehr ver­än­dert. Hät­te Dr. med. Die­ter Wal­li­ser da­mals ge­lebt, hät­te er sich als Hei­ler oder Mönchs­arzt wohl mit Dis­kus­sio­nen aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, ob die Me­di­zin als sol­che nicht ge­gen das Werk Got­tes ver­sto­ße. Gleich­zei­tig wur­de die Kran­ken­pfle­ge aber auch als Di­enst an Je­sus be­trach­tet. Das me­di­zi­ni­sche Wis­sen, das im Mit­tel­al­ter vor al­lem aus Kräu­ter­heil­kun­de be­stand, ver­sam­mel­te sich häu­fig in Klös­tern.

Nach ei­ner Ver­ord­nung von Karl dem Gro­ßen, muss­ten Klös­ter Nut­zund Heil­pflan­zen an­bau­en. So ent­stand bei­spiels­wei­se im Klos­ter Rei­chen­au im 9. Jahr­hun­dert der Klos­ter­plan und das Lehr­ge­dicht Li­ber de cul­tu­ra hort­o­rum des Ab­tes Wa­lah­frid Strabo. Das wohl wich­tigs­te Werk der Klos­ter­me­di­zin war das Lehr­ge­dicht Ma­cer flo­ri­dus. Odo Magd­u­nen­sis be­schrieb in dem Ge­dicht in Form von Hex­a­me­tern 77 Arz­nei­pflan­zen. Ne­ben an­ti­kem Wis­sen floss in die Me­di­zin auch im­mer wie­der Volks­heil­kun­de mit ein.

Dr. Wal­li­ser konn­te in sei­nem Stu­di­um da­ge­gen auf ei­nen rei­chen Fun­dus me­di­zi­ni­scher Stu­di­en zu­grei­fen. Als er 1955 auf der Schwä­bi­schen Alb ge­bo­ren wur­de, ge­nos­sen Ärz­te ein ho­hes An­se­hen und ein ent­spre­chen­des Ein­kom­men. In sei­nem Hei­mat­dorf hät­ten zwei Haus­ärz­te al­les ab­ge­deckt, was an me­di­zi­ni­schen Pro­ble­men so auf­kam, er­zählt er. Spe­zia­li­sie­run­gen ha­be es kaum ge- ge­ben. Nach de­mA­bitur ent­schied er sich des­halb, Me­di­zin zu stu­die­ren. Auf­grund sei­nes Abi­zeug­nis­ses muss­te er aber fünf Jah­re auf ei­nen Stu­di­en­platz war­ten, ging zu­nächst als Sa­ni­tä­ter zur Bun­des­wehr und schloss ei­ne Aus­bil­dung zum Ein­zel­han­dels­kauf­mann, Fach­rich­tung Ori­ent­tep­pi­che, an. „Das hat mir viel ge­bracht“, sagt Dr. Wal­li­ser, „so­wohl im Um­gang mit Pa­ti­en­ten, als auch kauf­män­nisch.

Mit 25 schlug er aber den­noch das An­ge­bot aus, ei­nen An­ti­qui­tä­ten­la­den zu über­neh­men, und be­gann in Ulm sein Me­di­zin­stu­di­um. Ein Ober­arzt über­zeug­te den jun­gen Me­di­zi­ner schließ­lich, nicht Haus­arzt, son­dern Hals-Na­sen-Oh­ren-Arzt zu wer­den und so kam er nach sei­ner Fach­arzt­aus­bil­dung 1991 nach Mark­dorf. „Ich füh­le mich hier sehr wohl. Wir ha­ben hier ei­ne gu­te In­fra­struk­tur und die Leute sind nett“, sagt Dr. Wal­li­ser, der das Ge­sund­heits­zen­trum in der Haupt­stra­ße in­iti­iert hat.

Der me­di­zi­ni­sche Fort­schritt, al­lein seit er Arzt ist, sei groß, sagt der Mark­dor­fer. Hät­ten HNOs frü­her ein­fa­che Ein­grif­fe wie ei­nen Trom­mel­fell­schnitt in ih­rer Pra­xis ge­macht, wür­den Pa­ti­en­ten heu­te in Spe­zi­al­kli­ni­ken über­wie­sen. Die Fä­cher hät­ten sich wei­ter­ent­wi­ckelt. Die Qua­li­tät ge­he im­mer wei­ter nach oben, gleich­zei­tig stie­gen aber die bü­ro­kra­ti­schen An­for­de­run­gen an nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te. Durch bes­se­re und da­mit auch teu­re­re Me­di­ka­men­te wür­den die Men­schen im­mer äl­ter. Da­durch wür­den aber auch die Kos­ten für das Ge­sund­heits­sys­tem stei­gen. „Man hat heu­te al­le tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten – und muss sie auch nut­zen“, sagt Dr. Wal­li­ser. Das be­deu­te, dass Ärz­te ih­re Pa­ti­en­ten we­gen Klei­nig­kei­ten zum teu­ren MRT schick­ten, an­statt sie bei­spiels­wei­se gründ­lich ab­zu­tas­ten. Das Ri­si­ko et­was zu über­se­hen und da­für haft­bar ge­macht zu wer­den, sei zu groß. Statt wie frü­her für je­de Ein­zel­leis­tung be­zahlt zu wer­den, er­hiel­ten die Ärz­te heu­te Pau­scha­len im Rah­men ei­nes en­gen Arz­nei­mit­tel­bud­gets. „Ich muss bei je­dem Me­di­ka­ment über­le­gen, darf ich das auf­schrei­ben oder nicht“, er­klärt Dr. Wal­li­ser. „Sonst droht Re­gress.“Er wol­le sich über sein Ein­kom­men nicht be­kla­gen, stellt Dr. Wal­li­ser klar. Aber es sei schon so, dass die An­for­de­run­gen und Auf­la­gen im­mer wei­ter an­stie­gen, die Be­zah­lung je­doch nicht ad­äquat mit. Jun­ge Kol­le­gen sei­en nicht mehr be­reit, das al­les in Kauf zu neh­men. „Vie­le ge­hen eher in die In­dus­trie oder ins Aus­land.“

Ge­mein­schafts­pra­xen im Trend

In me­di­zi­ni­schen Zen­tren sei es mög­lich, ne­ben Rä­um­lich­kei­ten auch Abrech­nungs­auf­wand und Per­so­nal zu tei­len, sagt er auch mit Blick auf die Zu­kunft. Es wer­de und müs­se im­mer mehr Ge­mein­schafts­pra­xen ge­ben, die die Res­sour­cen op­ti­mal nutz­ten, und „in de­nen wir uns wirk­lich wie­der aufs Arzt­sein kon­zen­trie­ren kön­nen.“Hier sei es künf­tig auch mög­lich, als Arzt in Teil­zeit zu ar­bei­ten. Da­für müss­ten Pa­ti­en­ten mög­li­cher­wei­se wei­te­re We­ge in Kauf neh­men.

Der Me­di­zin der Zu­kunft sind rein tech­nisch kaum Gren­zen ge­setzt. Be­reits heu­ti­ge Stan­dards, wie künst­li­che High­tech-Glied­ma­ßen oder nach­ge­züch­te­te Or­ga­ne, er­schei­nen wie aus ei­nem Sci­ence Fic­tion-Film ent­sprun­gen. Un­vor­stell­bar, was in 1200 Jah­ren mög­lich sein könn­te. Wer das dann al­ler­dings in Zei­ten de­mo­gra­fi­scher Ent­wick­lung zah­len könn­te, steht in den Ster­nen.

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Die­ter Wal­li­ser

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