Vol­le Dröh­nung

Neu­er Ver­dacht auf Trick­se­rei­en – Fahr­zeu­ge im Test lei­ser als auf der Stra­ße

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - WIRTSCHAFT - Von Han­na Gers­mann

BERLIN - Schon früh mor­gens an der Am­pel lässt der Fah­rer ei­nes schwar­zen Au­tos den Mo­tor heu­len. Kurz dar­auf röhrt ein Mo­tor­rad. So geht das bis spät in die Nacht. In Um­fra­gen gibt über die Hälf­te der Be­völ­ke­rung an, dass sie der Sta­ßen­lärm stört. Das Herz kann ra­sen, der Blut­druck stei­gen, wenn es dau­er­haft lärmt. Aber wie kom­men so lau­te Fahr­zeu­ge auf die Stra­ße?

Die Ant­wort er­in­nert an den Ab­gas­skan­dal:. Die Wer­te der of­fi­zi­el­len Mess­ver­fah­ren wei­chen er­heb­lich von de­nen auf der Stra­ße ab. Die­ter Schä­fer von der Ver­kehrs­po­li­zei­di­rek­ti­on Mann­heim hat nun erst­mals ent­spre­chen­de Ver­stö­ße beim Kraft­fahrt-Bun­des­amt ge­mel­det, wie das ARD-Wirt­schafts­ma­ga­zin Plus­mi­nus als ers­tes be­rich­te­te.

Der Hin­ter­grund: Der Mess­kor­ri­dor bei der Ty­pen­zu­las­sung von Au­tos und Mo­tor­rä­dern ist sehr klein. In der Re­gel wird mit ei­nem Mi­kro­fon der Lärm bei der Be­schleu­ni­gung im zwei­ten und drit­ten Gang bei 50 bis 60 Ki­lo­me­ter pro St­un­de ge­mes­sen. Ist der Test be­stan­den, kon­trol­liert im Grun­de nie­mand mehr.

Fern der Rea­li­tät

Jan Geb­hardt ist Ex­per­te für Stra­ßen­lärm beim Um­welt­bun­des­amt. Er be­stä­tigt, dass „die Be­triebs­be­din­gun­gen bei der Typ­prü­fung re­la­tiv fern von der Rea­li­tät sind.“Das Um­welt­bun­des­amt hat dies vor we­ni­gen Ta­gen erst­mals öf­fent­lich ge­macht. In der po­li­ti­schen De­bat­te spiel­te der Lärm bis­lang aber kaum ei­ne Rol­le. Der be­kann­te Me­di­zi­ner Ro­bert Koch schrieb schon 1910: „Ei­nes Ta­ges wird der Mensch den Lärm eben­so un­er­bitt­lich be­kämp­fen müs­sen wie die Cho­le­ra und die Pest.“Im Jahr 2011 ver­kün­de­te die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO dann, dass Lärm nach Luft­ver­schmut­zung die zweit­größ­te Be­las­tung für die Ge­sund­heit ist.

Lärm­schutz­wän­de, Lärm­schutz­fens­ter – es gibt tech­ni­sche, meist kost­spie­li­ge Mög­lich­kei­ten. Doch al­lein in Deutsch­land, so schät­zen Ex­per­ten, sol­len 4000 Herz­in­fark­te im Jahr auf Ver­kehrs­lärm zu­rück­zu­füh-

ren sein. Die EU hat dann im Jahr 2016 ei­nen Stu­fen­plan für ei­ne leich­te Sen­kung der Grenz­wer­te be­schlos­sen. Die sind ab­hän­gig vom Leis­tungs­ge­wicht des Mo­dells. Will ein Her­stel­ler ei­ne Typ­zu­las­sung für ein Au­to er­hal­ten, sind ma­xi­mal 72 bis 75 De­zi­bel er­laubt.

Gro­ße recht­li­che Lü­cke

Die Au­tos wür­den den­noch nicht lei­ser, kri­ti­siert Hol­ger Sie­gel vom Um­welt­ver­band BUND. Denn: So­lan­ge

der Mess­kor­ri­dor so klein blei­be und un­er­heb­lich sei, was dar­un­ter und dar­über pas­siert, sei die recht­li­che Lü­cke groß. Und die­se wür­den Aus­puff- und Au­to­her­stel­ler nut­zen.

Sie­gel, selbst Mo­tor­rad­fah­rer, meint: „Man­che Mo­tor­steue­run­gen kön­nen er­ken­nen, dass sich das Fahr­zeug nicht mehr im Test­zy­klus be­fin­det, dann ge­ben sie zu­sätz­li­che De­zi­bel für den Aus­puff frei.“Das freue so man­chen Kun­den, der vom sat­ten Sound spricht und viel Geld für sei­ne leis­tungs­star­ke Ma­schi­ne ge­zahlt hat. Es rei­che ein Tas­ten­be­fehl, das kön­ne auch ab­hän­gig sein von Dreh­zahl und Tem­po – plötz­lich äh­nelt der Klang dem ei­nes For­mel-1-Wa­gen. Mög­lich macht das die Er­fin­dung des Klap­pen­aus­puffs. Ei­ne Klap­pe im Aus­puff lässt sich öff­nen und schlie­ßen. Mit of­fe­ner Klap­pe wird des Fahr­zeug zur dröh­nen­den Renn­ma­schi­ne, mit ge­schlos­se­ner Klap­pe ist das Ge­räusch eher harm­los. „Man­cher Sport­wa­gen­her­stel­ler baut auch ein­fach com­pu­ter­ge­steu­er­te Fehl­zün­dun­gen ein, da­mit das Au­to mar­tia­li­scher wirkt“, sagt Sie­gel. Da­bei wür­den De­zi­bel-Wer­te er­zeugt, die jen­seits der 100 lä­gen. Theo­re­tisch kön­ne die Po­li­zei der Sa­che ein En­de ma­chen. Macht sie auch, manch­mal.

Nach­prü­fung zu­ge­si­chert

Im letz­ten Jahr, so er­zählt Ver­kehrs­po­li­zist Schä­fer, sei er in Mann­heim ge­gen die „schon et­was pein­li­chen Po­ser vor­ge­gan­gen, die in ih­re Aus­puff­roh­re Drei- und Vie­r­ecke schnei­den, da­mit es dröhnt“. Er und sei­nen Leu­ten sei zum Bei­spiel ein Au­to auf­ge­fal­len, das 137 De­zi­bel er­reich­te. 137 De­zi­bel tun weh in den Oh­ren, das ist so laut wie ein star­ten­der Dü­sen­jet. Die Po­li­zei be­schlag­nahm­te das Au­to, ließ ein Lärm­gut­ach­ten er­stel­len, leg­te es dann still.

Die­se „Ama­teu­re“hät­ten sie heu­te im Griff, meint Schä­fer. Die Her­stel­ler, die se­ri­en­mä­ßig Klap­paus­puff­an­la­gen ein­bau­ten, aber nicht.

Ei­ne ge­richts­fes­te Mes­sung des Fahr­ge­räu­sches bei Kon­trol­len sei oft auch viel zu kom­pli­ziert und teu­er. Schä­fer är­gert vor al­lem eins,: „Es kann nicht sein, dass die Au­to­her­stel­ler das Lärm­pro­blem und die -vor­ga­ben igno­rie­ren, um ih­re Wa­gen bes­ser zu ver­kau­fen.“Für ihn steht fest: „Es darf nicht am grü­nen Tisch se­ri­en­mä­ßig ge­neh­migt wer­den, was auf der Stra­ße über­mä­ßi­gen Lärm ver­ur­sacht, der krank macht“.

Dar­um ha­be er ei­nen „ex­em­pla­ri­schen Fall“ei­nes lär­men­den Se­ri­en­fahr­zeugs of­fi­zi­ell an das Kraft­fahrt­bun­des­amt her­an­ge­tra­gen. Die Flens­bur­ger Be­hör­de hat re­agiert, sie si­cher­te Schä­fer in ei­ner E-Mail zu, Nach­prü­fun­gen zu ver­an­las­sen.

FO­TO: DPA

Ein Mo­tor­rad fährt an ei­nem Lärm­dis­play vor­bei. Her­stel­ler von Au­tos und Mo­tor­rä­dern sol­len bei der Ge­räusch­ent­wick­lung ih­rer Fahr­zeu­ge mit Tricks ge­ar­bei­tet ha­ben.

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