Aus Brun­nen flie­ßen Was­ser und Wein

Urnau hat sich seit der Ge­mein­de­re­form im Jahr 1972 stark ge­wan­delt

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - ERSTE SEITE - Von Mar­vin Weber

Was sich in Urnau seit der Ein­ge­mein­dung al­les ver­än­dert hat.

DEGGENHAUSERTAL - Mitt­ler­wei­le gibt es in Urnau kei­ne ein­zi­ge Kuh mehr. In dem land­wirt­schaft­lich ge­präg­ten Teil­ort des Deg­gen­hau­ser­tals hat sich seit der ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Ge­mein­de­re­form vor 45 Jah­ren ei­ni­ges ver­än­dert, nicht nur die An­zahl der Milch­bau­ern, wie der ge­bür­ti­ge Urnau­er und Ge­mein­de­rat Ernst Me­cking er­zählt.

In Urnau kön­nen die Ein­woh­ner Was­ser zu Wein ma­chen. Zu­min­dest zu gro­ßen Fest­lich­kei­ten, wie den Fei­er­lich­kei­ten zum 900-jäh­ri­gen Be­ste­hen der Ort­schaft, an dem aus dem Hahn des Brun­nens auf dem Dorf­platz an­statt Trink­was­ser Wein floss. 2010 wur­de der Platz un­mit­tel­bar in der Nä­he der Orts­durch­fahrt ge­ne­ral­sa­niert. 215 000 Eu­ro hat die Ge­mein­de da­für in die Hand ge­nom­men. „Der Dorf­platz ist zum zen­tra­len Treff­punkt ge­wor­den. Hier be­geg­net man sich auch oh­ne fes­te Ter­mi­ne und hier fin­det das kul­tu­rel­le Le­ben statt“, sagt Me­cking. Aber auch die grö­ße­ren Fes­te, wie das Ni­ko­laus- oder das Os­ter­brun­nen­fest, wer­den in dem 450-See­len-Ort dort ge­fei­ert. Auch ein Kin­der­spiel­platz lockt seit­dem die jün­ge­ren Urnau­er in die Orts­mit­te.

Auch das Ge­bäu­de hin­ter dem Dorf­brun­nen hat ei­ne be­weg­te Ge­schich­te, wie der Ge­mein­de­rat er­zählt. Dien­te es im 19. Jahr­hun­dert noch als Rat­haus und Schul­haus, wur­de es im Jahr 1977 zum Dorf­ge­mein­schafts­haus um­funk­tio­niert. Seit­dem tref­fen sich hier Ver­ei­ne wie der Ka­ra­te­ver­ein, die Urnau­er Nar­ren, die Feu­er­wehr­ka­me­rad­schaft oder auch die Gym­nas­tik­grup­pe. Mu­si­ker sind be­reits seit vie­len Jah­ren in Ko­ope­ra­ti­on beim Mu­sik­ver­ein Rog­gen­beu­ren ak­tiv, der noch bis 1987 MV Urnau-Rog­gen­beu­ren hieß. „An­sons­ten gibt es in Urnau noch ei­ne Bä­cke­rei so­wie zwei Gast­stät­ten“, sagt Me­cking.

Dau­er­the­ma Orts­um­fah­rung

Mit den nicht ein­mal 500 Ein­woh­nern ist der Teil­ort im Süd­os­ten der Ge­mein­de­ge­mar­kung der zweit­kleins­te. „In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten hat sich Urnau stark ver­än­dert. Da­mals gab es noch ei­ni­ge klei­ne bis mit­tel­gro­ße land­wirt­schaft­li­che Be­trie­be“, er­zählt der 68-Jäh­ri­ge, des­sen Fa­mi­lie be­reits in drit­ter Ge­ne­ra­ti­on in Urnau hei­misch ist. Vor rund ei­nem hal­ben Jahr­zehnt ha­be dann auch der letz­te Land­wirt im Ort auf­ge­hört. „Es braucht ei­ne be­stimm­te Grö­ße, um über­le­ben zu kön­nen. Vie­le ha­ben im Um­land bei grö­ße­ren Be­trie­ben ein gu­ten Job ge­fun­den“, sagt Me­cking.

Für viel Auf­re­gung und Dis­kus­sio­nen sorg­te in Urnau be­son­ders das The­ma Orts­um­fah­rung. Die­se soll­te im Be­reich der ehe­ma­li­gen Kies­gru­be rea­li­siert wer­den. Auf­grund ei­ner feh­len­den Fi­nan­zie­rung – die Kos­ten für das Bau­vor­ha­ben wur­den da­mals auf rund 800 000 Eu­ro ge­schätzt – und der Aus­wei­sung der Kies­gru­be als FFH-Ge­biet (Flo­ra-Fau­na-Ha­bi­tat) wur­de nach jah­re­lan­ger Über­le­gung je­doch nichts aus dem Pro­jekt. „2005 und 2008 hat­te es so­gar De­mons­tra­tio­nen ge­ge­ben, um dem gan­zen Nach­druck zu ver­lei­hen“, er­in­nert sich Me­cking. Jetzt sei die Ver­kehrs­si­tua­ti­on in Urnau nach wie vor nicht ge­ra­de vor­teil­haft, so Me­cking. „Durch die kur­ven­rei­che und en­ge Orts­durch­fahrt schlän­geln sich wei­ter­hin die gro­ßen Lkw. Da wird es ab und zu schon mal sehr eng auf der Stra­ße“, sagt er. Wei­te­res Dau­er­the­ma in der Ver­gan­gen­heit ist der ge­plan­te Rad­weg ent­lang der Lan­des­stra­ße 204 zwi­schen Urnau und He­fig­kofen. Nach lang­jäh­ri­gem Kampf soll dort im Herbst, spä­tes­tens im Früh­jahr 2018 mit dem Bau be­gon­nen wer­den, so Me­cking.

Eben­falls für Auf­re­gung hat­te die In­ter­net­ver­sor­gung in Urnau ge­sorgt. Seit Mit­te No­vem­ber 2016 gibt es auch dort schnel­le­res In­ter­net. Nach­dem lan­ge Zeit we­der die Te­le­kom noch die Stadt­wer­ke am See da­zu be­reit wa­ren, in der Ort­schaft für ei­ne Breit­band­ver­bin­dung zu sor­gen, hat­te die Ge­mein­de Leer­roh­re ver­legt, um selbst für ei­ne schnel­le­re An­bin­dung zu sor­gen. 50 000 Eu­ro hat­te die Ge­mein­de da­für in­ves­tiert. Im No­vem­ber ver­kün­de­te an­schlie­ßend die Te­le­kom, dass sie die Be­woh­ner nun mit Glas­fa­ser­tech­nik ver­sor­gen kön­ne. In ei­ner Nacht­und-Ne­bel-Ak­ti­on hat­te das Un­ter­neh­men oh­ne Rück­spra­che mit der Ge­mein­de­ver­wal­tung für ei­ne schnel­le­re Ver­bin­dung ge­sorgt. Nach et­was Auf­re­gung und Ver­wir­rung macht sich das jetzt je­doch auch be­merk­bar: „Es ist schon ei­ne deut­li­che Ver­bes­se­rung“, sagt Ernst Me­cking. Die­se müs­se es sei­ner Mei­nung nach auch noch in Sa­chen öf­fent­li­cher Nah­ver­kehr ge­ben. Ei­ne wei­te­re und re­gel­mä­ßi­ge Ver­bin­dung Rich­tung He­fig­kofen sei ei­ne sinn­vol­le und gu­te Sa­che, so der Ge­mein­de­rat. Von dort aus wür­den die Urnau­er dann auch in die um­lie­gen­den Ge­mein­den und Städ­te kom­men.

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Ernst Me­cking am Dorf­brun­nen: Zu ganz be­son­de­ren An­läs­sen spru­delt hier auch Wein her­aus.

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Mit ei­ner Flä­che von 534 Hekt­ar ist Urnau der zweit­kleins­te Teil­ort im Deggenhausertal.

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