Los­las­sen

SZ-Re­dak­teur Mar­vin We­ber tes­tet die Han­gab-Tech­nik im Deg­gen­hau­ser­tal

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - DEGGENHAUSERTAL/SALEM - Von Mar­vin We­ber

DEG­GEN­HAU­SER­TAL - Lo­cker las­sen, ent­span­nen und ver­dräng­ten Emo­tio­nen frei­en Lauf las­sen: Dar­um geht es bei Han­gab. Die Teil­neh­mer hän­gen da­bei kopf­über an ei­nem Seil, wenn mög­lich in der frei­en Na­tur. Hart­mut und Pe­tra Bez aus Lell­wan­gen im Deg­gen­hau­ser­tal ha­ben die­se spe­zi­el­le Form der The­ra­pie er­fun­den und im­mer wie­der über­ar­bei­tet.

„Du hast heu­te die Chan­ce los­zu­las­sen“, sagt Har­mut Bez zu mir. Ich sit­ze vor ihm auf der Mat­te, hin­ter uns die Esche vor der das Seil, an dem ich we­nig spä­ter kopf­über hän­gen wer­de, her­un­ter­bau­melt. Los­las­sen, die­ses Wort be­nutzt Bez bei­na­he ge­bets­müh­len­ar­tig meh­re­re Ma­le in den kom­men­den zwei St­un­den. „Erst ein­mal geht es dar­um, auf kör­per­li­cher Ebe­ne los­zu­las­sen, aber na­tür­lich auch auf emo­tio­na­ler Ebe­ne“, sagt Bez. Selbst ge­stan­de­ne Män­ner hät­ten bei ihm nach ei­ner Sit­zung an­ge­fan­gen zu Wei­nen. „Wir wer­den er­zo­gen, Ge­füh­le und Pro­ble­me her­un­ter­zu­schlu­cken. Ich will die Leu­te da­zu er­mu­ti­gen, die­se frei aus­zu­drü­cken und her­aus­zu­las­sen“, sagt der 48-Jäh­ri­ge.

Mög­lich sein soll das, in­dem er die Welt der Teil­neh­mer auf den Kopf stellt. Nach ei­nem kur­zen Ein­füh­rungs­ge­spräch lie­ge ich nun auf der Mat­te. Hart­mut Bez fi­xiert die Man­schet­ten an mei­nen Fü­ßen, mit de­nen ich gleich über das Seil an dem Baum hän­gen soll. So rich­tig weiß ich noch nicht, was mich er­war­tet und vor al­lem, ob es wirk­lich ent­span­nend ist, für län­ge­re Zeit kopf­über her­um­zu­hän­gen. Je­der kennt wohl noch die­ses Druck­ge­fühl im Kopf, als man frü­her falsch her­um am Klet­ter­ge­rüst auf dem Spiel­platz hing. Da­mit die­ses Ge­fühl nicht auf­tritt, zieht Bez Stück für Stück an dem Seil. Ich mer­ke, wie mei­ne Fü­ße ganz lang­sam von der Mat­te ab­he­ben. Ei­ni­ge Mo­men­te spä­ter fol­gen Un­ter- und Ober­schen­kel. We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter lie­ge ich noch mit der Häl­fe des Rü­ckens und dem Kopf auf der Mat­te. Ein ers­ter Zwi­schen­stopp. Hart­mut Bez mas­siert und drückt an so­ge­nann­ten „Trig­gerPo­ints“. So­bald ich da­bei et­was spü­re, soll ich es wenn mög­lich in ei­nem Ton aus­drü­cken.

Jetzt geht es wei­ter: Bez zieht wie­der be­hut­sam an dem Seil. Über die Win­de wer­de ich wei­ter Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter vom Bo­den ge­löst. So lang­sam wer­den mei­ne Fü­ße taub, ganz nor­mal wie Bez mir vor­her er­klärt

hat­te. Jetzt be­rüh­re ich nur noch mit den Fin­ger­spit­zen die Mat­te. Ein letz­ter Zug am Seil und ich schwe­be in der Luft. Ich mer­ke, wie mich der Wind leicht hin- und her­schau­kelt. Aus der Fer­ne hö­re ich das Rau­schen der Blät­ter im Wald, ei­ni­ge Me­ter vor mir zirpt ei­ne Gril­le.

Nach ei­ni­ger Zeit stellt sich tat­säch­lich ein Ge­fühl der Ent­span­nung ein. Bez drückt wie­der an ei­ni­gen Stel­len des Kör­pers. Nun ist der un­te­re Rü­cken dran. Gera­de hier spü­re ich, wie ver­spannt ich bin. „Durch Han­gab be­fin­dest du dich in ei­ner Po­si­ti­on, die ganz an­de­re Mög­lich­kei­ten bie­tet. Man kommt viel bes­ser in das Ge­we­be rein“, er­klärt Bez. Die Tech­nik da­zu hat er vor mehr als 20 Jah­ren ent­wi­ckelt. Der ge­lern­te Baum­pfle­ger hat­te schon früh Pro­ble­me mit dem Rü­cken. Um den Schmerz zu lin­dern, hat er sich in den Knie­keh­len auf­ge­hängt. Ein rich­ti­ges Los­las­sen war so je­doch nicht mög­lich. We­nig spä­ter ent­wi­ckel­te Bez die Tech­nik mit der Seil­win­de, mit der er sich auch selbst in die Kopf­über-Po­si­ti­on ver­set­zen kann. So zeigt er es auch sei­nen Teil­neh­mern. Bis zu zwölf Men­schen kön­nen so un­ter sei­ner An­lei­tung kopf­über ent­span­nen. Auch ei­ne spe­zi­el­le Form des Yo­ga ist so mög­lich. Die­se prä­sen­tie­ren er und sei­ne Frau auf Fes­ti­vals. „Ob Schwe­den, Ha­waii, oder Ös­ter­reich, wir sind ei­gent­lich schon fast über­all ge­we­sen“; sagt Bez. Auch für Fir­men ha­ben sie die­se Tech­nik schon ver­mit­telt.

Um den Ef­fekt nach­zu­wei­sen ha­be er schon meh­re­ren The­ra­peu­ten und Me­di­zi­nern Han­gab vor­ge­stellt. „Auch die ha­ben mir die be­son­de­re Wirk­sam­keit der Tech­nik be­stä­tigt“, sagt Bez. Bei mir geht es nach ei­ner ge­wis­sen Zeit wie­der gen Bo­den. Das Zeit­ge­fühl ha­be ich mitt­ler­wei­le ver­lo­ren. Wir­bel für Wir­bel nä­he­re ich mich wie­der lang­sam der Ober­flä­che. Wie­der kom­plett lie­gend, be­gin­nen mei­ne Bei­ne und Fü­ße stark an zu krib­beln. Das Blut fließt wie­der in die Ze­hen. Ein we­nig tut das so­gar weh. Ich soll mich wei­ter ent­span­nen. Da­zu be­kom­me ich noch ein Tuch über die Au­gen. Für ei­ni­ge Mi­nu­ten lässt mich Bez nun noch al­lei­ne auf der Mat­te un­ter dem Baum.

Im ab­schlie­ßen­den Ge­spräch soll ich be­rich­ten, wie es für mich ge­we­sen ist. Bez er­klärt, dass ich be­son­ders in den Ar­men nicht ha­be los­las­sen kön­nen und die­se im­mer ein Stück weit mit­be­wegt ha­be. Ich kom­me lang­sam wie­der auf den Bo­den der Tat­sa­chen zu­rück, auch ge­dank­lich. Für mich war es tat­säch­lich ent­span­nend, ei­ne neue po­si­ti­ve Er­fah­rung – hän­gend an ei­nem Baum.

„Durch Han­gab be­fin­dest du dich in ei­ner Po­si­ti­on, die ganz an­de­re Mög­lich­kei­ten bie­tet. Man kommt viel bes­ser in das Ge­we­be rein“, sagt Hart­mut Bez, Er­fin­der der Tech­nik aus dem Deg­gen­hau­ser­tal.

FO­TOS: MAR­CUS FEY

Das Kopf­über­hän­gen soll Kör­per und Geist ent­span­nen.

Am En­de der Sit­zung ist Ent­span­nung an­ge­sagt.

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