Ei­ne Gi­raf­fe käm­men

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - MARKDORF - Von Ros­wi­tha Stumpp

Ich fin­de, dass Gi­raf­fen nicht ge­nü­gend ge­wür­digt wer­den. Man kann Be­rich­te le­sen über ge­fähr­li­che Ti­ger, ja­gen­de Lö­wen, über das gu­te Ge­dächt­nis von Ele­fan­ten und – wer kennt es nicht – das Ril­ke-Ge­dicht über den schwar­zen Pan­ther in Pa­ris. Hat da­ge­gen je­mals je­mand ein Ge­dicht über ei­ne Gi­raf­fe ge­schrie­ben? Die ers­te Gi­raf­fe kam 1827 aus Ägyp­ten nach Frank­reich als Ge­schenk für Kö­nig Karl X. Man hat­te da­mals für die Gi­raf­fe, sie kam mit dem Schiff, ex­tra ein Loch ins Deck ge­sägt. Um den Hals trug sie ein Amu­lett mit Kor­an­ver­sen. Und es war ei­ne rie­sen Sen­sa­ti­on in Pa­ris! Na­tür­lich hat­te die Gi­raf­fe ei­nen ei­ge­nen Pfle­ger, der sie vie­le Jah­re lang, vor al­lem am Hals, täg­lich lie­be­voll kämm­te und strei­chel­te. Wahr­schein­lich er­reich­te sie des­halb ein ge­seg­ne­tes Gi­raf­fen­al­ter von 21 Jah­ren. Ver­mut­lich aus der da­ma­li­gen Zeit stam­mend, gibt es heu­te noch im Fran­zö­si­schen den Aus­druck „peig­ner la gi­ra­fe“, was wört­lich über­setzt „ei­ne Gi­raf­fe käm­men“heißt und et­wa so viel be­deu­tet wie Däum­chen dre­hen. Gi­raf­fen sind die höchs­ten land­le­ben­den Säu­ge­tie­re, im­mer­hin wer­den die Männ­chen bis zu 6 m hoch. Aus die­ser Hö­he her­aus sieht man ja nicht so sehr, was un­ten am Bo­den vor sich geht, was für ei­ne Gi­raf­fe wahr­schein­lich auch gar nicht in­ter­es­sant und wich­tig ge­nug ist. Ver­folgt man der­zeit die Be­rich­te der Me­di­en, könn­te man durch­aus den Ein­druck ge­win­nen, dass sich man­che Mit­men­schen auch als Gi­raf­fen se­hen. Wo­bei – was das Gi­raf­fen­käm­men und -strei­cheln an­be­langt, al­so ich wür­de lie­ber die bei­den Hörn­chen strei­cheln.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.