Von der Pre­mie­re zum Ri­tu­al

Nicht nur ein lang­jäh­ri­ger Wäh­ler aus Mark­dorf sieht Wahl­recht auch als ei­ne Pflicht an

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - MARKDORF - Von Noah Lisch­ka

MARK­DORF - Ei­ne Pre­mie­re für 466 Mark­dor­fer: Bei der Bun­des­tags­wahl am 24. Sep­tem­ber dür­fen sie zum ers­ten Mal mit ab­stim­men. Ei­ner von ih­nen ist der 18-jäh­ri­ge Lu­ca Po­mi­no.

Der Erst­wäh­ler ist froh, dass die Wahl­be­rech­ti­gung in die­sem Fall erst mit der Voll­jäh­rig­keit gilt. „Denn Politik hat mich mit 16 Jah­ren noch nicht wirk­lich in­ter­es­siert. Das kam erst spä­ter“, sagt der Mark­dor­fer und schmun­zelt. Ne­ben Ge­sprä­chen mit Freun­den und Ver­wand­ten sam­melt Po­mi­no auch durch das Sur­fen in so­zia­len Netz­wer­ken In­for­ma­tio­nen zu den ein­zel­nen Par­tei­en und de­ren Pro­gramm. „Wenn ich auf Sei­ten wie Face­book oder YouTube un­ter­wegs bin, se­he ich zwar im­mer wie­der die Vi­de­os und Wer­be­ban­ner der Par­tei­en“, sagt Po­mi­no. An­ge­klickt ha­be er sie je­doch nur ein- oder zwei­mal.

Die Wer­bung in den so­zia­len Netz­wer­ken hät­ten bei ihm je­doch die Fra­ge ge­weckt, was genau für ihn in Deutsch­land wich­tig sei. „Ge­ra­de un­se­re welt­of­fe­ne Kul­tur steht für mich per­sön­lich im Vor­der­grund. Eben­falls müs­sen wir wei­ter­hin da­für sor­gen, dass wir Ex­port­pro­fis blei­ben. Da dies un­se­rer Wirt­schaft zu­gu­te­kommt“, ist Po­mi­no über­zeugt. Ob­wohl der 18-Jäh­ri­ge die­ses Jahr zum ers­ten Mal wäh­len darf, sieht er es als selbst­ver­ständ­lich an, sei­ne Stim­me ab­zu­ge­ben. „Die Wahl ist kei­ne Sa­che, aus der wir uns her­aus­hal­ten soll­ten“, sagt Po­mi­no, der ei­ne Aus­bil­dung zum Ret­tungs­hel­fer macht. Nach lan­gem Hin und Her hat er sei­nen Fa­vo­ri­ten ge­fun­den und wählt die­sen am 24. Sep­tem­ber mit bei­den Stim­men. „Ich muss­te viel über­le­gen, aber jetzt ist für mich klar, wel­che Par­tei ich wäh­le. Da sie genau das ver­tritt, was mir wich­tig ist.“

Vie­le Wäh­ler sind be­reits über 60 Jah­re alt

Mehr als ein Drit­tel der Wäh­ler aus Mark­dorf ist über 60 Jah­re alt. So auch Wolf Mar­tin. Für den 75-Jäh­ri­gen be­deu­tet das Wahl­recht gleich­zei­tig auch Wahl­pflicht. „Von An­fang bis En­de müs­sen wir die­ses Recht nutz­ten“, sagt der ehe­ma­li­ge Leh­rer der Re­al­schu­le Mark­dorf.

Als Mar­tin das ers­te Mal ge­wählt hat, war er über 18 Jah­re alt. Da­mals galt die Voll­jäh­rig­keit noch ab 21 Jah­ren. Erst 1974 be­schloss der Bun­des­tag, das Voll­jäh­rig­keits­al­ter auf 18 her­un­ter­zu­set­zen.

Ge­rin­ge Wahl­be­tei­li­gung bei vor­he­ri­ger Wahl

Bei der Bun­des­tags­wahl 2009 war die Wahl­be­tei­li­gung so nied­rig wie nie zu­vor. Nur 70,8 Pro­zent der Deut­schen gin­gen zur Wahl. Wolf kann sich das Des­in­ter­es­se an der Bun­des­tags­wahl nur durch zu ho­hen Wohl­stand er­klä­ren. „Die Deut­schen füh­len sich zu si­cher und se­hen des­halb nicht ein, et­was da­ge­gen zu tun“, sagt Mar­tin. Er selbst stel­le sich im­mer die Fra­ge, ob die Leu­te auf die Stra­ße ge­hen wür­den wenn sie nicht mehr wäh­len dürf­ten. Als Stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der Ta­fel Mark­dorf hat er oft mit Per­so­nen zu tun, die eben die­sen Wohl­stand nicht ha­ben.

Der per­sön­li­che Schritt zur Wahl­ur­ne ist für Mar­tin zu ei­nem Ri­tu­al ge­wor­den und für ihn ver­gleich­bar mit dem Gang in die Kir­che. „Brief­wahl wür­de ich nur ma­chen, wenn ich in den Ur­laub fah­re“, sagt der Mark­dor­fer. Auch wenn Mar­tin schon seit vie­len Jah­ren wählt, in­for­miert sich der 75-Jäh­ri­ge stets über das Wahl­pro­gramm der ein­zel­nen Par­tei­en. „Die Lo­kal­zei­tung und das Fern­se­hen hel­fen mir sehr gut bei mei­ner Mei­nungs­fin­dung“, sagt Mar­tin.

Auch nach vie­len Jah­ren als Wäh­ler be­steht für Mar­tin im­mer noch In­ter­es­se an der Politik und an dem Wohl­be­fin­den des ei­ge­nen Lan­des. „Für mich ist es wich­tig, dass in Deutsch­land der Ar­beits­frie­den ge­stärkt wird“, sagt Mar­tin. Als Bei­spiel da­für spricht er die Un­ge­wiss­heit am Ar­beits­platz an. „Je­man­dem, der nur ei­nen Jah­res­ver­trag hat, fehlt die Si­cher­heit, um ei­ne Fa­mi­lie zu grün­den“, sagt der Mark­dor­fer.

FO­TOS: MAR­VIN WE­BER

Lu­ca Po­mi­na (links) ist 18 Jah­re alt und wählt die­ses Jahr zum ers­ten Mal. Wolf Mar­tin (rechts) hat schon bei ei­ni­gen Bun­des­tags­wah­len sei­ne Stim­me ab­ge­ge­ben.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.