Be­sorgt über Un­gleich­heit

Al­lens­bach-Um­fra­ge: Der Ge­ne­ra­ti­on Mit­te geht es aber gut

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - ERSTE SEITE - Von Chris­ti­na Pe­ters

BER­LIN (dpa) - Ein Groß­teil der Deut­schen im mitt­le­ren Al­ter sorgt sich über die so­zia­le Un­gleich­heit. Auch der Um­gang mit Pfle­ge­be­dürf­ti­gen und dro­hen­de Al­ters­ar­mut be­schäf­tigt vie­le Men­schen zwi­schen 30 und 59 Jah­ren, wie ei­ne am Di­ens­tag in Ber­lin vor­ge­stell­te Um­fra­ge des In­sti­tuts für De­mo­sko­pie Al­lens­bach im Auf­trag der Ver­si­che­rungs­wirt­schaft er­gab.

Dem­nach be­schrie­ben zwar vier von fünf Leu­ten ih­re Le­bens­qua­li­tät als gut oder sehr gut – mehr als im ver­gan­ge­nen Jahr. Auch die Angst vor Ar­beits­lo­sig­keit hat in den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren deut­lich ab­ge­nom­men. Trotz­dem fürch­tet je­der Zwei­te zu we­nig Geld im Al­ter so­wie je­der Drit­te, dass sein Ein­kom­men schon in den nächs­ten Jah­ren nicht aus­rei­chen könn­te. Die Mei­nungs­for­scher be­frag­ten im Au­gust zum fünf­ten Jahr in Fol­ge ei­ne Stich­pro­be von rund 1000 Men­schen der „Ge­ne­ra­ti­on Mit­te“.

BER­LIN (dpa) - Es gibt 35 Mil­lio­nen von ih­nen in Deutsch­land. Sie ha­ben Kin­der oder Kar­rie­ren, oft bei­des. Sie zah­len Steu­ern, küm­mern sich um An­ge­hö­ri­ge, sor­gen sich um die Zu­kunft. Wer wis­sen will, wie es Deutsch­land geht, fragt die 30- bis 59-Jäh­ri­gen. De­ren Ant­wort klingt zu­nächst er­bau­lich: Vier von fünf Be­frag­ten be­schrei­ben ih­re Le­bens­qua­li­tät als gut oder sehr gut. Für über ein Drit­tel hat sich das Le­ben in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren ver­bes­sert. Angst vor Ar­beits­lo­sig­keit ha­ben we­ni­ger als je zu­vor. Die „Ge­ne­ra­ti­on Mit­te“, so nennt sie die Ver­si­che­rungs­wirt­schaft, fühlt sich wohl.

Doch zwi­schen den Ant­wor­ten, die das In­sti­tut für De­mo­sko­pie Al­lens­bach im Auf­trag der Ver­si­che­rer un­ter rund 1000 Men­schen er­hob, fin­den sich auch Sor­gen. So fürch­ten fünf­zig Pro­zent, im Al­ter den Gür­tel en­ger schnal­len zu müs­sen – zwar we­ni­ger als im ver­gan­ge­nen Jahr (60 Pro­zent), aber im­mer noch je­der Zwei­te. Je­der Drit­te hat Angst, dass sein Ein­kom­men so­gar schon bald nicht aus­rei­chen könn­te. Und trotz des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs und der nied­rigs­ten Ar­beits­lo­sen­quo­te seit dem Mau­er­fall ge­ben noch im­mer fast 20 Pro­zent an, schlech­ter da­zu­ste­hen als noch vor fünf Jah­ren.

Um für ei­ne ver­nünf­ti­ge Al­ters­vor­sor­ge zu­rück­zu­le­gen, blie­be bei ih­nen schlicht kein Geld üb­rig, heißt es von vie­len – auch schicht­über­grei­fend. Im­mer kür­zer wird der Pla­nungs­ho­ri­zont – die Zahl der Men­schen, die mei­nen, sie könn­ten ih­re fi­nan­zi­el­le Zu­kunft al­ler­höchs­tens fünf Jah­re im Vor­aus pla­nen, steigt seit Jah­ren ste­tig an.

Für Mecht­hild Schroo­ten von der Uni­ver­si­tät Bre­men sind die­se Sor­gen ein Sym­ptom jahr­zehn­te­lan­ger Null­run­den in der Lohn­ent­wick­lung. Erst lang­sam set­ze ei­ne Trend­wen­de ein. „Das Pro­blem ist, dass vie­le Men­schen zu­neh­mend das Ge­fühl ha­ben, dass sie der un­glei­chen Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ent­wick­lung aus­ge­lie­fert sind und dass sie je­der­zeit ab­ge­hängt wer­den kön­nen“, sagt die Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­rin. „Nicht al­le par­ti­zi­pie­ren an die­sem Auf­schwung in glei­chem Ma­ße. An­ders aus­ge­drückt: Wer viel hat, be­kommt viel da­zu.“

Schwe­len­de Ver­tei­lungs­de­bat­te

Als Schwä­che Deutsch­lands wa­ren sich die Meis­ten bei ei­ner Ant­wort ei­nig: Mit der Ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen sind 77 Pro­zent der Be­frag­ten un­zu­frie­den. Auch Lohn­ni­veau, so­zia­ler Aus­gleich, Chan­cen­gleich­heit und die Ab­si­che­rung ge­gen Ar­mut nann­te mehr als die Hälf­te als Schwä­chen des Lan­des. Die Un­ter­schie­de zwi­schen Arm und Reich zu be­kämp­fen lan­de­te als Haus­auf­ga­be für die neue Bun­des­re­gie­rung so­gar knapp vor der Be­kämp­fung von Terrorismus und Kri­mi­na­li­tät – nur ein zu­kunfts­si­che­res Ge­sund­heits­sys­tem be­kam ei­ni­ge Stim­men mehr.

Ju­dith Nie­hu­es vom ar­beit­ge­ber­na­hen Köl­ner In­sti­tut für Wirt­schaft sieht in die­sen Sor­gen eher den Aus­druck ei­ner pes­si­mis­ti­schen Grund­stim­mung. „Ge­ra­de mit Blick auf die Ver­tei­lung hal­te ich es für wich­tig, dass man an­er­kennt, dass die Ent­wick­lung nicht so schlecht ist, wie es häu­fig dar­ge­stellt wird“, gibt die Wirt­schafts­ex­per­tin zu be­den­ken. So ha­be die Un­gleich­heit zwar seit den 1990er-Jah­ren zu­ge­nom­men, sei dann aber seit 2005 in Deutsch­land sta­bil ge­blie­ben. „Al­le Um­fra­gen, die er­fas­sen, ob es mehr Leu­ten ma­te­ri­ell bes­ser geht, deu­ten dar­auf hin, dass es ei­ne po­si­ti­ve Ent­wick­lung gibt.“

Auch die Ge­schäfts­füh­re­rin der Al­lens­ba­cher Mei­nungs­for­scher, Re­na­te Kö­cher, sieht ei­ne po­si­ti­ve Ent­wick­lung. „Vor zehn, vor 15 Jah­ren gab es in Deutsch­land ganz an­de­re Er­geb­nis­se. Da glaub­te die Mehr­heit, Deutsch­land hät­te sei­nen Ze­nit über­schrit­ten.“

FO­TO: IMAGO

Sel­ten zu­vor ging es den 30- bis 59-Jäh­ri­gen so gut wie heu­te. Den­noch hält sich die Furcht vor so­zia­lem Ab­stieg hart­nä­ckig.

FO­TO: IMAGO

Re­na­te Kö­cher

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