Die Ge­set­ze des Bou­le­vard

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Dirk Gru­pe d. gru­pe@ schwa­ebi­sche. de

Die „Bild“-Zei­tung wur­de im Fall Ka­chel­mann zu ei­ner Re­kord­stra­fe ver­ur­teilt, das ist ein star­kes Zei­chen. Um Geld geht es aber nur vor­der­grün­dig, es geht um die Me­dien­land­schaft als sol­che.

Sie ge­nießt der­zeit ei­nen schlech­ten Ruf, an­ge­fan­gen von der in Na­zi­dik­ti­on vor­ge­tra­ge­nen Kri­tik an der „Lü­gen­pres­se“bis hin zu Pau­schal­ver­ur­tei­lun­gen ge­mäß „Die­se Me­di­en ...“. Die Be­richt­er­stat­tung der Me­di­en fußt al­ler­dings in gro­ßer Mehr­heit auf Ver­ant­wor­tung für De­mo­kra­tie, Men­schen­wür­de und Ver­nunft; wer sich mit die­sen Wer­ten nicht iden­ti­fi­zie­ren kann, fin­det in der Pres­se leicht ein Feind­bild.

Me­di­en ma­chen an­de­rer­seits aber auch Feh­ler. Der Fall Ka­chel­mann steht in ei­ner Rei­he et­wa mit dem Fall Wul­ff. Wenn die Pres­se Fo­tos ei­nes An­ge­klag­ten beim Hof­gang im Ge­fäng­nis ver­öf­fent­licht oder aus ei­nem ge­schenk­ten Bob­by-Car ei­ne Topsto­ry macht (Wul­ff), wer­den Gren­zen über­schrit­ten. Über den Fall Ka­chel­mann – es ging im­mer­hin um ei­nen Ver­ge­wal­ti­gungs­vor­wurf ge­gen­über ei­ner Per­son des öf­fent­li­chen Le­bens – durf­te und muss­te man aus­führ­lich be­rich­ten. Al­ler­dings ent­stand un­ter den Be­richt­er­stat­tern – und auch der Öf­fent­lich­keit – ein Fu­ror, der nicht mehr das Prä­di­kat „an­ge­mes­sen“ver­dient hat­te. Je­des Me­di­um darf sich im Nach­hin­ein hin­ter­fra­gen, ob es die be­sag­te Gren­ze über­schrit­ten hat, und sei es nur im Ein­zel­fall.

Dass nun aber die „Bild“-Zei­tung ver­ur­teilt wur­de, kommt auch nicht von un­ge­fähr. Der Bou­le­vard im All­ge­mei­nen und die „Bild“im Spe­zi­el­len ha­ben schon im­mer ein Ei­gen­le­ben in­ner­halb der Pres­se­land­schaft ge­führt. Das Sprin­ger-Blatt ver­steht sich nicht als ab­bil­dend, son­dern als mei­nungs­bil­dend und mei­nungs­füh­rend. Die­ses Selbst­ver­ständ­nis kann in Kam­pa­gnenjour­na­lis­mus gip­feln – sie­he Grie­chen­land, sie­he Flücht­lin­ge, sie­he Ka­chel­mann. Mal be­wegt sich die Zei­tung da­bei auf ju­ris­tisch sau­be­rem Grund, mal nicht. Vor al­lem aber be­rich­tet sie oft ent­hemmt und schmerz­frei. Dass die Ver­ur­tei­lung im Fall Ka­chel­mann den Bou­le­vard künf­tig ab­schre­cken wird, ist da­her eher un­wahr­schein­lich.

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