„Bild“muss an Ka­chel­mann zah­len

Ver­lags­haus Sprin­ger soll 635 000 Eu­ro an Wet­ter­mo­de­ra­tor Jörg Ka­chel­mann zah­len

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE -

KÖLN (epd) - Der Me­di­en­kon­zern Axel Sprin­ger muss 635 000 Eu­ro Schmer­zens­geld an den Wet­ter­ex­per­ten Jörg Ka­chel­mann zah­len. Das Geld ste­he dem Mo­de­ra­tor als Aus­gleich für schwer­wie­gen­de Per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zun­gen zu, ur­teil­te das Land­ge­richt Köln. Die „Bild“-Zei­tung und „bild.de“hat­ten 2010 und 2011 in­ten­siv über den Straf­pro­zess ge­gen Ka­chel­mann be­rich­tet, der mit ei­nem Frei­spruch en­de­te. Die Rich­ter blie­ben un­ter der Sum­me von 2,25 Mil­lio­nen Eu­ro, die Ka­chel­mann ver­langt hat­te. Sprin­ger will in Be­ru­fung ge­hen. Ka­chel­mann sei un­ter an­de­rem durch In­for­ma­tio­nen über sein Se­xu­al­le­ben „in sei­ner In­tim­sphä­re“ver­letzt wor­den, er­klär­te das Ge­richt. LEIT­AR­TI­KEL / SEI­TE 9

KÖLN (dpa/AFP) - Das Ver­lags­haus Axel Sprin­ger, zu dem un­ter an­de­rem die „Bild“-Zei­tung und die „Welt“ge­hö­ren, muss 635 000 Eu­ro Ent­schä­di­gung an den Me­teo­ro­lo­gen Jörg Ka­chel­mann zah­len. Es ist die höchs­te Sum­me, die bis­her in ei­nem Ver­fah­ren we­gen Ver­let­zun­gen des Per­sön­lich­keits­rechts fest­ge­setzt wur­de. Ka­chel­mann hat­te 2,25 Mil­lio­nen Eu­ro ge­for­dert. Sprin­ger will in Be­ru­fung ge­hen.

Fern­seh­mo­de­ra­tor Ka­chel­mann war 2011 vom Vor­wurf der Ver­ge­wal­ti­gung frei­ge­spro­chen wor­den. Er sieht sich durch die Pro­zess-Be­richt­er­stat­tung wei­ter Tei­le der Me­di­en ver­leum­det. Das Land­ge­richt Köln er­kann­te ins­ge­samt 38 Fäl­le schwer­wie­gen­der Per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zun­gen in ver­schie­de­nen Ver­lags­ti­teln des Sprin­ger-Kon­zerns, dar­un­ter Be­rich­te in der „Bild“-Zei­tung so­wie auf den Platt­for­men „Bild.de“, „Welt.de“und „Abend­blatt.de“. Axel Sprin­ger muss 335 000 Eu­ro, die „Bild“300 000 Eu­ro zah­len.

In ei­ner Pres­se­mit­tei­lung schrieb das Ge­richt, Ka­chel­mann sei „durch die Preis­ga­be von In­for­ma­tio­nen über sein Se­xu­al­le­ben, durch die teil­wei­se wört­li­che Ver­öf­fent­li­chung sei­nes SMS- und E-Mail-Ver­kehrs und durch die Ver­öf­fent­li­chung von Fo­tos, die ihn zum Bei­spiel beim Hof­gang in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt zeig­ten, in sei­ner In­tim­sphä­re, sei­nem in­for­mel­len Selbst­be­stim­mungs­recht und sei­nem Recht am ei­ge­nen Bild ver­letzt wor­den“.

Die Neu­gier der Öf­fent­lich­keit

Das Ge­richt konn­te hier kein be­rech­tig­tes In­for­ma­ti­ons­in­ter­es­se der All­ge­mein­heit er­ken­nen. Die be­an­stan­de­ten Be­rich­te hät­ten al­lein der Be­frie­di­gung der Neu­gier der Öf­fent­lich­keit ge­dient. Zu­dem sei es zu un­zu­läs­si­gen Vor­ver­ur­tei­lun­gen ge­kom­men. Ka­chel­mann sei auch für die Zu­kunft als „frau­en­ver­ach­ten­der und ge­walt­be­rei­ter Mensch“stig­ma­ti­siert. Für die „Bild“-Zei­tung hat­te da­mals die Frau­en­recht­le­rin Ali­ce Schwar­zer aus dem Ver­fah­ren be­rich­tet.

Ka­chel­manns An­walt Ralf Hö­cker sag­te, das Ur­teil sei die Quit­tung für die „schlimms­te Hetz­kam­pa­gne der deut­schen Pres­se­rechts­ge­schich­te“. Die Axel Sprin­ger SE ver­wies hin­ge­gen dar­auf, dass das Ge­richt den Kam­pa­gnen­vor­wurf gera­de nicht be- stä­tigt ha­be. Claas-Hen­drik So­eh­ring, Lei­ter Me­di­en­recht der Axel Sprin­ger SE, kün­dig­te an: „Wir wer­den auf je­den Fall in Be­ru­fung ge­hen. Denn es liegt we­der im In­ter­es­se ei­ner frei­en Pres­se noch der Öf­fent­lich­keit, dass Me­di­en irr­wit­zi­ge Gel­dent­schä­di­gun­gen zah­len müs­sen, wenn sie über auf­se­hen­er­re­gen­de Straf­pro­zes­se ge­gen be­kann­te Per­sön­lich­kei­ten be­rich­ten.“

Die bis­he­ri­ge Höchst­sum­me in ei­nem sol­chen Ver­fah­ren in Deutsch­land lag bei 400 000 Eu­ro: Das Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg hat­te 2009 ei­nen Ver­lag ver­ur­teilt, weil er in mehr als 80 Fäl­len über die schwe­di­sche Prin­zes­sin Ma­de­lei­ne frei er- fun­de­ne Be­haup­tun­gen über an­geb­li­che Ver­lo­bun­gen, Hoch­zei­ten, Schwan­ger­schaf­ten und ei­ne an­geb­li­che Al­ko­hol­sucht ge­druckt hat­te.

Ob Sprin­ger mit der Be­ru­fung vor dem Ober­lan­des­ge­richt Köln Er­folg ha­ben könn­te, ist of­fen. Das Ge­richt hat­te im Fe­bru­ar 2012 der me­dia­len Be­richt­er­stat­tung über das Pri­vat­le­ben von An­ge­klag­ten in Straf­ver­fah­ren deut­li­che Gren­zen ge­zo­gen. Me­di­en dür­fen dem­nach in­ti­me De­tails wie et­wa aus dem Pro­zess ge­gen Ka­chel­mann nicht be­rich­ten, wenn die­se In­for­ma­tio­nen in der Ver­hand­lung zwar be­kannt wer­den, aber in kei­nem Zu­sam­men­hang mit dem ei­gent­li­chen Vor­wurf ste­hen.

FO­TO: DPA

Jörg Ka­chel­mann, hier im ver­gan­ge­nen Fe­bru­ar im Köl­ner Lan­des­ge­richt, be­kommt ei­ne Re­kord-Ent­schä­di­gungs­sum­me von Sprin­ger.

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