Trau­er um Hell­muth Ka­ra­sek

Zum Tod des Au­tors und Kri­ti­kers Hell­muth Ka­ra­sek

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Bar­ba­ra Mil­ler

HAM­BURG (dpa) - Hell­muth Ka­ra- sek, ei­ner der be­kann­tes­ten deut­schen Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, ist tot. Er starb im Al­ter von 81 Jah­ren am Di­ens­tag in Ham­burg. Ne­ben dem 2013 ge­stor­be­nen Mar­cel Reich-Ra­ni­cki präg­te Ka­ra­sek über Jah­re die ZDF-Sen­dung „Das li­te­ra­ri­sche Quar­tett“. Lan­ge be­stimm­te er als Kul­tur­chef des „Spie­gel“das Bild der Li­te­ra­tur, des Thea­ters und der Film­kunst in Deutsch­land mit. Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck wür­dig­te Ka­ra­sek als ent­schie­de­nen An­walt der deut­schen Li­te­ra­tur.

RA­VENS­BURG - Es gibt im Gift­schrank der Re­dak­tio­nen ei­nen Ord­ner für Nach­ru­fe. Hell­muth Ka­ra­sek stand nicht auf der Lis­te. Der Tod kam plötz­lich und schnell. Ein hin­zu­ge­ru­fe­ner Not­arzt konn­te nicht mehr hel­fen. Am Di­ens­tag­abend ist Hell­muth Ka­ra­sek in sei­ner Ham­bur­ger Woh­nung ge­stor­ben. Er wur­de 81 Jah­re alt.

Bis zum Schluss war der Kri­ti­ker und Au­tor in der Öf­fent­lich­keit prä­sent. Sein letz­ter Coup liegt erst ein paar Mo­na­te zu­rück: Er be­sprach den neu­en Ikea-Ka­ta­log und ließ dem „meist­ver­brei­te­ten Buch der Welt“ei­ne ve­ri­ta­ble Li­te­ra­tur­kri­tik an­ge­dei­hen. „Es er­zählt viel, aber es ist voll­ge­müllt mit Ge­gen­stän­den. Per­so­nen kom­men sel­ten zu Wort,“ver­kün­det Ka­ra­sek vom Oh­ren­ses­sel aus, schiebt die Le­se­bril­le zu­recht und ver­ab­schie­det sich mit ei­nem Au­gen­zwin­kern von den Zu­schau­ern.

Schalk und Scharf­rich­ter

Eben die­ses Au­gen­zwin­kern­de hob ihn her­aus aus dem Chor der oft recht hu­mor­lo­sen Kol­le­gen, die ihm sei­ne Po­pu­la­ri­tät nei­de­ten. In den Stern­stun­den des „Li­te­ra­ri­schen Quar­tetts“ent­schärf­te sein gluck­sen­des, auch ein biss­chen or­di­nä­res La­chen mehr als ein­mal ei­ne un­gu­te Si­tua­ti­on, wenn es der al­te Mar­cel Reich-Ra­ni­cki mal wie­der gar zu arg trieb. An­sons­ten schien die Auf­ga­ben­tei­lung klar zwi­schen den bei­den. Wenn sich Ka­ra­sek ge­gen den Al­ten durch­set­zen woll­te, rück­te er im­mer ganz nach vorn in sei­nem Ses­sel und reck­te sei­nen rech­ten Zei­ge­fin­ger nach oben. Es hat­te was Kin­di­sches: „Hal­lo, Herr Leh­rer, ich möcht’ aber auch mal was sa­gen!“

Frei­lich: Ka­ra­sek war ein lei­den­schaft­li­cher Kri­ti­ker und Spöt­ter. Und wenn er woll­te, konn­te er auch ganz schön aus­tei­len. Bei Kol­le­gin Si­grid Löff­ler dia­gnos­ti­zier­te er ei­ne ge­wis­se „Stu­ten­bis­sig­keit“, wenn es um Au­to­rin­nen ging. Und über Ute Lem­pers ver­such­tes Come­back 1992 in der Za­dek-Re­vue „Der Blaue En­gel“in Berlin ur­teil­te Ka­ra­sek harsch: „Ih­re Nackt­heit sieht frös­telnd aus, eher nach Kä­the Koll­witz oder Hein­rich Zil­le als nach Re­vue, die Netz­strümp­fe, die um ih­re Bei­ne Wel­len schla­gen, las­sen sie kno­chig statt lang wir­ken, Strap­se von der AOK (...) Wor­te wie ,Aus­strah­lung’ wol­len ei­nem erst gar nicht in den Sinn kom­men, und die ein­zi­ge Be­zie­hung, die sie hier hat, ist die ner­vö­se An­span­nung auf den Er­folg hin, der sie prompt sit­zen­läßt.“

Gün­ter Grass warf er vor, dass er sich den No­bel­preis „er­schli­chen“ha­be, weil er sei­ne Mit­glied­schaft in der Waf­fen-SS ver­schwie­gen hat­te. Das le­gen­dä­re „Spie­gel“-Ti­tel­bild, auf dem Reich-Ra­ni­cki ein Buch mit den Zäh­nen zer­fetzt, er­schien 1995, al­so in der Zeit, als Ka­ra­sek Lei­ter der Kul­tur­re­dak­ti­on des Ma­ga­zins war. Er hat­te Reich-Ra­ni­cki da­mals mit dem Ver­riss des Grass-Ro­mans „Ein wei­tes Feld“be­auf­tragt. Mar­tin Walsers un­ver­hoh­le­ne Reich-Ra­ni­cki-Par­odie wie­der­um in „Tod ei­nes Kri­ti­kers“wer­te­te Ka­ra­sek als „Do­ku­ment ei­nes schier über­mensch­li­chen Has­ses, der den Au­tor über­wäl­tigt, weil er sich sein Le­ben lang un­ter der Fuch­tel von Reich-Ra­ni­cki sah.“

All­er­gisch ge­gen Ideo­lo­gi­en

Ge­gen­über Ideo­lo­gi­en hat­te Hell­muth Ka­ra­sek ei­ne ab­grund­tie­fe Ab­nei­gung. Er wur­de 1934 im mäh­ri­schen Brünn in ei­ne Fa­mi­lie hin­ein­ge­bo­ren, die dem Na­tio­nal­so­ziali­mus durch­aus zu­ge­neigt war. Sein Va­ter, ein Tisch­ler­meis­ter, schick­te ihn auf ei­ne der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Eli­te­schu­len. Noch vor En­de des Krie­ges floh die Fa­mi­lie nach Bern­burg in Sach­sen-An­halt. Dort mach­te Ka­ra­sek Abitur. Bald da­nach ging er nach Tü­bin­gen zum Stu­di­um. Er er­in­ner­te sich in sei­nem Buch „Auf der Flucht“(2004) an je­ne Zeit: „Ich ha­be in zwei Dik­ta­tu­ren ge­lebt. Die ers­te ha­be ich ge­mocht und erst spä­ter ge­merkt, dass das ein Schwei­ne­regime war. Die zwei­te ha­be ich von An­fang an ge­hasst.“Durch den Krieg ha­be er ge­lernt, „dass kein St­ein auf dem an­de­ren steht, nichts Be­stand hat und man im­mer miss­trau­isch bleibt.“

Viel­leicht ist das der Grund, dass sich Ka­ra­sek – zu­min­dest nach au­ßen – so gab, als wür­de er al­les nicht so ernst neh­men. „Ei­ne gu­te Po­in­te ist bes­ser als ei­ne schlech­te Welt,“fand er. Dar­in äh­nel­te er durch­aus ei­nem sei­ner gro­ßen Ido­le: Bil­ly Wil­der. Aus der jahr­zehn­te­lan­gen Freund­schaft ent­stand 1992 sei­ne Bio­gra­fie über den Hol­ly­wood-Re­gis­seur.

Ka­ra­sek, der in Tü­bin­gen über das The­ma „Das so­ge­nann­te schmü­cken­de Bei­wort: Bei­trag zur neu­hoch­deut­schen Poe­tik“pro­mo­viert wor­den war, hat­te auch Mo­no­gra­fi­en über Carl Stern­heim (1965), Max Frisch (1966) und Bert Brecht („Der jüngs­te Fall ei­nes Thea­ter­klas­si­kers“1978) ge­schrie­ben.

Doch er woll­te nicht nur Sach­buch­au­tor sein und wag­te den Schritt vom Kri­ti­ker zum Dich­ter – mit wech­seln­dem Er­folg. Die Thea­ter­stü­cke „Die Wach­tel“(1985) und „Hitch­cock, ei­ne Ko­mö­die“(1989) schrieb er un­ter dem Pseud­onym Da­ni­el Dopp­ler. Aber na­tür­lich wuss­ten al­le, wer da­hin­ter­steckt. Die Bin­sen­weis­heit, dass ei­ne Krä­he der an­de­ren kein Au­ge aus­hackt, gilt für Kri­ti­ker nicht. Es ha­gel­te Ver­ris­se. Auch für sei­nen Ent­hül­lungs­ro­man „Das Ma­ga­zin“, in dem er 1998 aus ent­täusch­ter Lie­be (?) mit sei­nem al­ten Ar­beit­ge­ber „Spie­gel“ab­rech­ne­te.

Kei­ne Angst vor Bla­ma­ge

Doch Ka­ra­sek gab nicht auf. 2001 folg­te die Ehe­bruchs­ge­schich­te „Be­trug“. Die Wo­chen­zei­tung „Die Zeit“, bei der Ka­ra­sek selbst von 1968 bis 1974 ge­ar­bei­tet hat­te, er­kann­te dar­in „ei­nes der schlech­test­ge­schrie­be­nen ernst ge­nom­me­nen Bü­cher der Sai­son“. Doch dem Pu­bli­kum war’s egal und Ka­ra­sek auch. Sei­ne lau­ni­gen An­mer­kun­gen zum Al­tern, un­ter dem von Ten­nes­see Wil­li­ams ge­lie­he­nen Ti­tel „Sü­ßer Vo­gel Ju­gend“er­schie­nen, wur­den gar zum Best­sel­ler. Und selbst vor „ero­ti­schen Me­moi­ren“schreck­te Ka­ra­sek nicht zu­rück. Pein­lich, schmie­rig konn­te man das fin­den. Die „Süd­deut­sche Zei­tung“lob­te den „Mut zur lä­cher­li­chen Selbst­preis­ga­be“. Da­zu sind nur sou­ve­rä­ne Men­schen fä­hig. Of­fen­bar war Hell­muth Ka­ra­sek ei­ner da­von.

Er war ein In­tel­lek­tu­el­ler, der das Leich­te lieb­te und kei­ne Angst vor dem Seich­ten hat­te. Sei­ne Auf­trit­te als Kan­di­dat in Quiz­sen­dun­gen von Gün­ther Jauch war man­chen sei­ner Fans zu viel. Aber er ab­sol­vier­te sie mit Witz und Charme und oh­ne Scheu, sich auch mal fürch­ter­lich zu bla­mie­ren.

Hel­muth Ka­ra­sek war zwei­mal ver­hei­ra­tet. Aus der ers­ten Ehe stam­men die Söh­ne Ma­nu­el und Da­ni­el. Letz­te­rer ist Re­gis­seur und zur­zeit In­ten­dant in Kiel. Mit sei­ner zwei­ten Frea, der Ham­bur­ger Feuille­ton­re­dak­teu­rin Arm­gard See­gers, hat Ka­ra­sek ei­nen Sohn und ei­ne Toch­ter. Lau­ra Ka­ra­sek-Briggs ist als Ro­man­au­to­rin er­folg­reich.

FO­TO: DPA

Der Jour­na­list, Au­tor und Kri­ti­ker Hell­muth Ka­ra­sek ( 1934 – 2015).

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