Das Er­be des Gra­fen

Nach­fah­ren von Graf von Zep­pe­lin strei­ten sich mit Fried­richs­ha­fen um ei­ne Stif­tung – Ent­frem­det ha­ben sich die Par­tei­en schon frü­her

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von An­ton Fuchs­loch

FRIED­RICHS­HA­FEN - Der Na­me Zep­pe­lin ist im­mer für Über­ra­schun­gen gut. Das war vor 115 Jah­ren so, als es dem „ver­rück­ten Gra­fen vom Bo­den­see“am Abend des 2. Ju­li 1900 ge­lang, mit sei­nem Luft­schiff LZ 1 18 Mi­nu­ten über den See zu fah­ren. Als Sen­sa­ti­on ge­fei­ert wur­de 1929 die Welt­fahrt von LZ 127 „Graf Zep­pe­lin“, und als 1997 nach fast 50 Jah­ren erst­mals wie­der ein Zep­pe­lin NT über Fried­richs­ha­fen schweb­te, war die gan­ze Stadt aus dem Häus­chen. Die jüngs­te Über­ra­schung ist dem Uren­kel des Gra­fen, Al­brecht Graf von Bran­den­stein-Zep­pe­lin, ge­lun­gen, als er am 25. Sep­tem­ber 2015 die Fried­richs­ha­fe­ner dar­über auf­klär­te, dass sie die Stif­tung, die sein Ur­groß­va­ter 1908 ins Le­ben ge­ru­fen hat, seit 1947 un­recht­mä­ßig be­an­spru­chen und ih­re Er­trä­ge für Zwe­cke ver­wen­den, die dem ur­sprüng­li­chen Stif­ter­wil­len wi­der­spre­chen.

Erns­te Pro­ble­me dro­hen

Zu­pa­ckend, wie die Zep­pe­lins sind, be­ließ es der Ad­li­ge aus Mit­tel­bi­berach nicht bei wohl­mei­nen­den Be­leh­run­gen und Bit­ten. Mit dem An­trag auf Wie­der­her­stel­lung der ur­sprüng­li­chen Zep­pe­lin-Stif­tung er­klär­te er der Stadt den Krieg – zu­min­dest im ju­ris­ti­schen Sin­ne. Gibt das Re­gie­rungs­prä­si­di­um Tü­bin­gen als Auf­sichts­be­hör­de dem An­trag statt, hat Fried­richs­ha­fen ein erns­tes Pro­blem. 32 Kin­der­ta­ges­stät­ten, das Zep­pe­linMu­se­um, die Zep­pe­lin-Uni­ver­si­tät, das Kli­ni­kum, Ju­gend­ar­beit, Ver­ei­ne und vie­les mehr wird von der Stif­tung ge­för­dert.

Äl­tes­ter Ver­tre­ter der Dy­nas­tie

Al­brecht von Bran­den­stein-Zep­pe­lin als ers­ter und äl­tes­ter Ver­tre­ter der Zep­pe­lin-Dy­nas­tie und sein zweit­äl­tes­ter Sohn Fre­de­ric se­hen sich als Ahn­her­ren und als ein­zi­ge le­gi­ti­me Nach­fol­ger von Graf Fer­di­nand von Zep­pe­lin be­ru­fen, die­sem Zu­stand ein En­de zu set­zen und den Stif­ter­wil­len ih­res Ur- be­zie­hungs­wei­se Ur-Ur-Groß­va­ters nach fast 70 Jah­ren wie­der zur Gel­tung zu brin­gen. Die­ser hat­te nach der Ha­va­rie von LZ 4 in Ech­ter­din­gen 1908 mit­hil­fe ei­ner Volks­spen­de von mehr als sechs Mil­lio­nen Reichs­mark die nach ihm be­nann­te Stif­tung ins Le­ben ge­ru­fen. In der Stif­tungs­sat­zung leg­te er fest, dass de­ren Er­trä­ge für den Bau von Luft­schif­fen und die För­de­rung der Luft­schiff­fahrt ver­wen­det wer­den soll­ten. Wei­ter be­stimm­te Graf Zep­pe­lin: Soll­te die­ser Zweck nicht mehr er­füll­bar sein, „fällt das Stif­tungs­ver­mö­gen an die Stadt­ge­mein­de Fried­richs­ha­fen, die es un­ter der Be­zeich­nung Zep­pe­linStif­tung ab­ge­son­dert zu ver­wal­ten und die Er­träg­nis­se zu wohl­tä­ti­gen Zwe­cken zu ver­wen­den hat“.

Die­ser Fall ist nach dem Zwei­ten Welt­krieg ein­ge­tre­ten. Luft­schif­fe hat­ten nach dem Un­glück von LZ 129 „Hin­den­burg“1937 in La­kehurst zwar aus­ge­dient, aber die Stif­tungs­be­trie­be flo­rier­ten. Der May­bachMo­to­ren­bau, die Zahnradfabrik, die Zep­pe­lin-Wer­ke und wei­te­re Un­ter­neh­men wur­den Teil der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Rüs­tungs­ma­schi­ne­rie – und nicht der ge­rings­te. Dass die Hol­ding, un­ter de­ren Dach sämt­li­che Pan­zer­mo­to­ren für die Wehr­macht, Ge­trie­be für Mi­li­tär­fahr­zeu­ge und die Ver­nich­tungs­waf­fe V 2 ent­wi­ckelt und ge­baut wur­den, nach dem Krieg fort­be­ste­hen wür­de, hoff­ten zwar vie­le, al­len vor­an der bis­he­ri­ge Kon­zern­len­ker Hu­go Ecke­ner. Doch die Fran­zo­sen, die noch bis in die 1950er-Jah­re hin­ein in Fried­richs­ha­fen das Sa­gen hat­ten, woll­ten mit den al­ten Ka­dern nichts mehr zu tun ha­ben. Sie setz­ten auf Li­qui­da­ti­on und De­mon­ta­ge der vor­han­de­nen Be­trie­be und streb­ten un­ter dem Mot­to „Neue Na­men, neue Män­ner, Neu­es Pro­gramm, So­zia­li­sie­rung“ei­nen voll­kom­me­nen Neu­be­ginn an.

Stadt sah Stif­tung in der Pflicht

Bei der Zep­pe­lin-Stif­tung war der Neu­an­fang im Sin­ne von „So­zia­li­sie­rung“in­so­fern ein­fach, als der Stifter selbst die­sen Weg in der Stif­tungs­sat­zung vor­ge­zeich­net hat­te. Die ehe­ma­li­gen Kon­zern­chefs pro­tes­tier­ten zwar hef­tig ge­gen die­sen Schritt, konn­ten sich aber nicht durch­set­zen. Die Be­sat­zungs­macht und die Stadt Fried­richs­ha­fen woll­ten pri­vat­wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen ab­weh­ren, sa- hen sie doch vor al­lem die Zep­pe­linStif­tung, die durch die Rüs­tung groß und reich ge­wor­den war, beim Auf­bau der weit­ge­hend zer­stör­ten Stadt in der Pflicht.

Kon­ti­nui­tät und Tra­di­ti­on

Die Mit­glie­der der Zep­pe­lin-Fa­mi­lie, die 7,5 Pro­zent An­tei­le am Luft­schiff­bau Zep­pe­lin be­sa­ßen, hiel­ten sich zu­rück. Hel­la von Zep­pe­lin, die ein­zi­ge Toch­ter des Gra­fen, war als Tauf­pa­tin für den im Krieg nicht mehr ein­ge­setz­ten Flug­zeug­trä­ger „Graf Zep­pe­lin“auf­ge­tre­ten. Im Üb­ri­gen, so schreibt der Kon­stan­zer His­to­ri­ker To­bi­as En­gel­sing, ha­be die Fa­mi­lie zum NS-Re­gime ei­ne ge­wis­se Dis­tanz ge­hal­ten. Sie hat­te von der Zep­pe­lin-Kriegs­in­dus­trie reich pro­fi­tiert. Hel­la von Zep­pe­lin war bei Kriegs­en­de 66 Jah­re alt und leb­te ab­wech­selnd auf Burg Bran­den­stein bei Schlüch­tern-Elms, wo­her ihr Mann Alex­an­der stamm­te, und auf Schloss Mit­tel­bi­berach, das die Fa­mi­lie 1922 ge­kauft hat­te. Ein­fluss auf das Un­ter­neh­mens­ge­sche­hen hat­te we­der sie noch ihr 1949 ver­stor­be­ner Gat­te ge­nom­men. „Man be­schränk­te sich dar­auf, Kon­ti­nui­tät und Tra­di­ti­on zu ver­kör­pern und eher re­prä­sen­ta­ti­ve Auf­ga­ben zu er­fül­len“, schreibt der His­to­ri­ker Ger­hard Seibold. Hel­la hat­te fünf Kin­der: zwei Söh­ne und drei Töch­ter. Nach­dem der äl­tes­te, Fer­di­nand von Bran­den­stein-Zep­pe­lin (1910-1944), im Krieg ge­fal­len war, wur­de Alex­an­der (19151979) Chef des Hau­ses.

Der En­kel des Gra­fen sei nur zu Ju­bi­lä­en und Fei­er­lich­kei­ten in Fried­richs­ha­fen auf­ge­tre­ten, er­zäh­len al­te Zep­pe­liner. Bei den Ge­sell­schaf­ter­ver­samm­lun­gen des LZ und spä­ter auch der MTU lie­ßen sich die ad­li­gen An­teils­eig­ner Bi­lan­zen er­läu­tern und freu­ten sich über den Auf­schwung, an dem al­le par­ti­zi­pier­ten. Alex­an­ders Sohn Al­brecht von Bran­den­stein-Zep­pe­lin, der seit dem Tod sei­nes Va­ters 1979 den Fa­mi­li­en­be­trieb mit Forst- und Land­wirt­schaft so­wie Im­mo­bi­li­en in Mit­tel­bi­berach in­ne­hat, war 1982 Mit­be­grün­der des Freun­des­krei­ses zur För­de­rung des Zep­pe­lin-Mu­se­ums.

Zu Ober­bür­ger­meis­ter Mar­tin Her­zog (1978 bis 1985) hat­te er ei­nen gu­ten Kon­takt. Bei des­sen Nach­fol­gern wur­de er lo­cke­rer, und des­halb nicht un­be­dingt bes­ser. Im­mer wie­der ging es um das Pri­vat­ar­chiv des Luft­schiff­gra­fen, das im Schloss Mit­tel­bi­berach la­gert und des­sen Kern­be­stand die Ta­ge­bü­cher sind, die die Stadt ger­ne ha­ben woll­te. Doch die Preis­vor­stel­lun­gen des Gra­fen sei­en nicht ver­han­del­bar ge­we­sen, heißt es. Er be­strei­tet zwar, dass er je da­für Geld ha­ben woll­te, doch es kur­sie­ren For­de­run­gen zwi­schen 80 und 150 Mil­lio­nen Eu­ro. Für 30 000 Blatt Pa­pier voll­kom­men ab­surd, wie En- gel­sing sagt. Der Fan­fa­ren­zug GrafZep­pe­lin, die Mal­te­ser und ein­zel­ne Kom­mu­nal­po­li­ti­ker aus Fried­richs­ha­fen mach­ten dem Uren­kel des Graf zu Fes­ti­vi­tä­ten den Hof, aber die Ban­de nach Fried­richs­ha­fen lo­cker­ten sich zu­se­hends. 1990 gab die Fa­mi­lie ih­re An­tei­le von 7,5 Pro­zent an der ZF an die Zep­pe­lin-Stif­tung ab – aus ei­ner fi­nan­zi­el­len Not­la­ge her­aus, wie Bran­den­stein-Zep­pe­lin be­teu­ert. Es sei ein höchst un­frei­wil­li­ger Vor­gang ge­we­sen, den die Stadt al­len Fa­mi­li­en­mit­glie­dern ab­ver­langt ha­be. Im glei­chen Jahr schied er aus dem Vor­stand des Zep­pe­lin-Freun­des­krei­ses aus. Nach­dem sich die Fa­mi­lie 2005 auch von ih­ren An­tei­len an der MTU – Ex-May­bach – ge­trennt hat­te, wa­ren al­le Ban­de zu den Zep­pe­lin-Un­ter­neh­men durch­ge­schnit­ten.

Hof­fen auf güt­li­che Ei­ni­gung

Bran­den­stein-Zep­pe­lin in­ves­tier­te 2009 zwar noch zu­sam­men mit ei­nem Bau­un­ter­neh­mer aus Baltrin­gen in ei­nen statt­li­chen Neu­bau mit 42 Ei­gen­tums­woh­nun­gen an der Fried­rich­stra­ße in Fried­richs­ha­fen, nahm aber am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben der Zep­pe­lin-Stadt im­mer we­ni­ger teil. Man dür­fe schon von ei­ner ge­wis­sen Ent­frem­dung spre­chen, sagt Man­fred Sau­ter, der den Vor­sitz im Zep­pe­lin-Freun­des­kreis von Bran­den­stein 1990 über­nom­men hat. Er wie auch der ehe­ma­li­ge OB Her­zog hofft, dass sich die Sa­che am Ver­hand­lungs­tisch klä­ren lässt und es nicht zu ei­nem Rechts­streit kommt.

Wer da­bei die bes­se­ren Kar­ten hat, wagt heu­te kaum ei­ner zu sa­gen. Für Bran­den­stein-Zep­pe­lin sei es ein ris­kan­tes Spiel, sa­gen His­to­ri­ker. Zahl­rei­che Adels­häu­ser hat­ten ver­sucht, ih­re frü­he­ren Be­sit­zun­gen, die ih­nen nach dem Krieg ab­han­den­ge­kom­men wa­ren, wie­der zu re­sti­tu­ie­ren. In al­ler Re­gel ver­geb­lich. Ge­org Fried­rich von Preu­ßen, Uren­kel des letz­ten deut­schen Kai­sers, ist die­ses Jahr erst mit sei­ner ver­gleichs­wei­se mil­den For­de­rung von 1,2 Mil­lio­nen Eu­ro an den Fi­nanz­be­hör­den des Lan­des Bran­den­burg vor­erst ge­schei­tert.

Fra­gen blei­ben of­fen

Im Mo­ment rät­seln in Fried­richs­ha­fen al­le über die Mo­ti­ve von Bran­den­stein-Zep­pe­lin. Will er tat­säch­lich die Zeit zu­rück­dre­hen, um den Wil­len sei­nes Ur­groß­va­ters wie­der her­zu­stel­len? Will er wie­der Ein­fluss auf die Stif­tung sei­nes Ur­groß­va­ters ge­win­nen? Will er die Luft- und Raum­fahrt­for­schung un­ter­stüt­zen und das Image der Stadt Fried­richs­ha­fen als Wie­ge der Welt­luft­fahrt he­ben? Oder will er nur sich und die Zu­kunft sei­ner Fa­mi­lie ab­si­chern? Er selbst ver­si­chert, mit der Wie­der­her­stel­lung der ur­sprüng­li­chen Zep­pe­lin-Stif­tung kei­ne wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen zu ver­fol­gen: „Es geht nicht um mich, es geht um Rechts­si­cher­heit und den Stif­ter­wil­len.“

FO­TO: DPA

Fel­sen­fes­te Be­zie­hung zur Stadt, im Gu­ten wie im Schlech­ten: Sta­tue von Fer­di­nand Graf von Zep­pe­lin am Bo­den­see­ufer in Fried­richs­ha­fen.

FO­TO: AN­TON FUCHS­LOCH

Der Fan­fa­ren­zug Graf Zep­pe­lin spiel­te Al­brecht Graf von Bran­den­steinZep­pe­lin zum Ge­burts­tag ein Ständ­chen. Rechts sei­ne Gat­tin Na­di­ne Ma­rie Eli­sa­beth Grä­fin zu Or­ten­burg.

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