We­nig Will­kom­mens­kul­tur

Für die Hei­mat­ver­trie­be­nen war Würt­tem­bergs Sü­den nach dem Krieg kein ge­lob­tes Land

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Michael Leh­ner

RA­VENS­BURG - Heu­te wird das Schick­sal von min­des­tens zwölf Mil­lio­nen Ver­trie­be­nen und Flücht­lin­gen aus Ost- und Mit­tel­eu­ro­pa gern als Er­folgs­ge­schich­te ge­fei­ert. Aber das nach Adolf Hit­lers En­de ver­blie­be­ne Rest­deutsch­land stemm­te die Fol­gen der er­zwun­ge­nen Völ­ker­wan­de­rung nicht nur mit Bra­vour, son­dern auch un­ter be­trächt­li­chen Ver­wer­fun­gen. Denn es galt nicht Über­fluss zu tei­len, son­dern die nack­te Not. Gera­de auch im Sü­den der Bun­des­re­pu­blik.

Die Le­ser der da­mals jun­gen „Schwä­bi­schen Zei­tung“er­le­ben das Ge­sche­hen zu­nächst eher als Zaun­gäs­te. Das süd­li­che Würt­tem­berg ge­hört zur fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­zo­ne und Frank­reichs Re­gie­rungs­chef Charles de Gaul­le ver­wei­gert sich der Zwangs­ver­tei­lung der Hei­mat­ver­trie­be­nen wie sie in den Be­sat­zungs­zo­nen von Ame­ri­ka­nern, En­g­län­dern und Rus­sen üb­lich ist. An­geb­lich fühl­te sich der Fran­zo­se von den üb­ri­gen Sie­ger­mäch­ten über­gan­gen.

In der ame­ri­ka­ni­schen Be­sat­zungs­zo­ne, al­so in Nord­würt­tem- berg, Nord­ba­den und im be­nach­bar­ten Bay­ern, gel­ten in die­sen frü­hen Man­gel­jah­ren Re­geln, die Un­mut ver­ständ­lich ma­chen: Wer in sei­ner Woh­nung Platz hat, muss Zwangs­ein­quar­tie­run­gen hin­neh­men. Als Maß­stab gel­ten zwei Per­so­nen je Zim­mer grö­ßer als vier Qua­drat­me­ter, Kü­chen mit­ge­zählt. Ver­wei­ge­rern droht die Mi­li­tär­re­gie­rung mit dra­ko­ni­schen Stra­fen, bis hin zur Auf­la­ge, mit höchs­tens 50 Ki­lo- gramm Ge­päck für ein hal­bes Jahr in ein Flücht­lings­la­ger um­zu­zie­hen.

Wäh­rend der würt­tem­ber­gi­sche Sü­den auf der Land­kar­te der Ver­trie­be­nen-An­sied­lung in die­sen ers­ten Nach­kriegs­jah­ren ein weit­ge­hend wei­ßer Fleck bleibt, le­ben auf dem Ge­biet des heu­ti­gen Ba­den-Würt­tem­berg im Jahr 1950 be­reits fast ei­ne Mil­li­on Neu­an­kömm­lin­ge. Rund zwei Drit­tel sind Ka­tho­li­ken, was in nicht we­ni­gen Ge­mein­den der tra­di­tio­nell pro­tes­tan­ti­schen Lan­des­tei­le auch kon­fes­sio­nell für neue Ver­hält­nis­se sorgt.

Bö­se Spott­ge­be­te sind aus je­ner Zeit von der Ost­alb über­lie­fert: „Flücht­lin­ge fres­sen sich dick und fett und steh­len uns un­ser letz­tes Bett. Wir ver­hun­gern und lei­den gro­ße Pein, Herr­gott schick das Ges­in­del heim.“Das Leid der Neu­an­kömm­lin­ge aus dem Su­de­ten­land und den ehe­mals deut­schen Ost­ge­bie­ten tritt in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung die­ser frü­hen Jah­re oft in den Hin­ter­grund. Min­des­tens 600 000 ster­ben auf dem Weg in ei­ne neue Hei­mat. Im Würt­tem­ber­gi­schen gilt in den ers­ten Nach­kriegs­jah­ren ein Ko­ali­ti­ons­ver­bot für die Neu­an­kömm­lin­ge, sie dür­fen sich al- so nicht in Ver­bän­den oder gar Par­tei­en or­ga­ni­sie­ren. Die Ziel­set­zung, die Ver­trie­be­nen so übers Land zu ver­streu­en, dass die al­ten Dorf- und Stadt­ge­mein­schaf­ten zer­schla­gen blei­ben, ist zu­nächst Kon­sens der Al­li­ier­ten. Trotz­dem, schätzt Al­bert Mer­g­len, Kreis­gou­ver­neur der fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­macht in Tett­nang, dass sich bis zum Jahr 1949 zwei Drit­tel der Ver­trie­be­nen in Ver­bän­den or­ga­ni­siert ha­ben. Und er glaubt zu wis­sen, dass „die Ein­hei­mi­schen die Flücht­lin­ge nicht ak­zep­tie­ren“.

Die Ein­schät­zun­gen des Gou­ver­neurs tref­fen wohl zu: Am 5. Au­gust 1950 ver­ab­schie­den die Ver­trie­be­nen­ver­bän­de in Bad Cann­statt die „Char­ta der Ver­trie­be­nen“. Sie ver­zich­ten dar­in auf Ra­che und Ver­gel­tung, for­dern aber auch das Recht auf Hei­mat und mei­nen da­mit auch ih­re neue Hei­mat: „1. Glei­ches Recht als Staats­bür­ger nicht nur vor dem Ge­setz, son­dern auch in der Wirk­lich­keit des All­tags. 2. Ge­rech­te und sinn­vol­le Ver­tei­lung der Las­ten des letz­ten Krie­ges auf das gan­ze deut­sche Volk und ei­ne ehr­li­che Durch­füh­rung die­ses Grund­sat­zes.“

1949 be­schließt die Bun­des­re­gie­rung, dass die Län­der der fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­zo­ne 600 000 Ver­trie­be­ne auf­neh­men müs­sen, die bis­her in Schles­wig-Hol­stein, Nie­der­sach­sen und Bay­ern leb­ten.

Manch­mal äh­neln sich die Bil­der, da­mals wie heu­te: In Tett­nang wol­len Neu­an­kömm­lin­ge mit ei­nem acht­stün­di­gen Sitz­streik die Rück­kehr nach Bay­ern er­zwin­gen. Land­rat Emil Münch zeigt in sei­nem Mo­nats­be­richt ans In­nen­mi­nis­te­ri­um ein ge­wis­ses Ver­ständ­nis für die Un­zu­frie­den­heit: Den Men­schen sei­en „Ver­spre­chun­gen be­züg­lich Woh­nung, Be­rufs­ar­beit und fi­nan­zi­el­ler Hil­fe“ge­macht wor­den, da­mit sie noch ein­mal ihr Bün­del pa­cken. Aber auch in Würt­tem­bergs Sü­den war­tet Not­un­ter­brin­gung in Ba­ra­cken, Turn­hal­len und Sam­mel­la­gern, das größ­te in Wein­gar­ten. Selbst die Orts­pfar­rer fürch­ten bei ei­ner Um­fra­ge der Rot­ten­bur­ger Diö­ze­se, dass die al­te Ord­nung durch­ein­an­der­kom­me durch den mas­sen­haf­ten Zu­zug von Pro­tes­tan­ten und gar Un­gläu­bi­gen.

FO­TO: DPA

Flücht­lings­treck im Zwei­ten Welt­krieg. Ein Groß­teil der Ver­trie­be­nen stamm­te aus Ost­preu­ßen.

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