Der An­klä­ger: Fritz Bau­er

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR -

Fritz Bau­er, 1903 als Sohn ei­ner jü­di­schen Kauf­manns­fa­mi­lie in Stutt­gart ge­bo­ren, war 1930 der jüngs­te Amts­rich­ter der deut­schen Jus­tiz. Von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten wur­de er aus dem Amt ge­trie­ben, im La­ger Heu­berg und in der Straf­an­stalt Ulm ein­ge­sperrt. Er floh nach Dä­ne­mark, und als dort 1943 die De­por­ta­tio­nen ein­setz­ten, wei­ter nach Schwe­den. Nach dem Krieg kehr­te er nach Deutsch­land zu­rück und war Rich­ter und Staats­an­walt erst in Braun­schweig, dann in Frankfurt. Bau­ers Frank­fur­ter Au­schwit­zPro­zess von 1963-1965 mit 22 An­ge­klag­ten und 307 Zeu­gen hat dem Mas­sen­mord an den Ju­den Na­men und Ge­sich­ter ge­ge­ben. Dass die­je­ni­gen, die, wie sie be­ton­ten, „ Hand­lan­ger“in der Ver­nich­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on wa­ren, aus­sa­hen wie der Nach­bar von ne­ben­an, ge­hör­te zu sei­nen Über­ra­schun­gen. „ Die Mör­der sind wie du und ich“, ti­tel­te der „ Stern“. Es hat­te nach dem Krieg 20 Jah­re ge­dau­ert, bis ein Staats­an­walt den Ver­such wag­te, das Ge­sche­hen in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern auf­zu­klä­ren und mit ju­ris­ti­schen Mit­teln zu ver­fol­gen. Ju­ris­ti­sche Hand­ha­be bot ihm nur der Mord­pa­ra­graf 211 aus dem Straf­ge­setz­buch, das noch aus dem 19. Jahr­hun­dert stammt. Das brach­te Bau­er von kri­ti­schen Pro­zess­be­ob­ach­tern wie dem Schrift­stel­ler Mar­tin Wal­ser den Vor­wurf ein, „ die gut­bür­ger­li­che Jus­tiz“set­ze die Hand­lan­ger, nicht die Ver­ur­sa­cher auf die An­kla­ge­bank. Es exis­tier­te aber kei­ne an­de­re Mög­lich­keit und zwang den Staats­an­walt, den An­ge­klag­ten in­di­vi­du­el­le Straf­ta­ten nach­zu­wei­sen. Das mach­te das Ver­fah­ren auf­wen­dig, führ­te aber auch zu ei­ner de­tail­lier­ten Darstel­lung der Vor­gän­ge im KZ in der Öf­fent­lich­keit, ein Ef­fekt, der die Brei­ten­wir­kung des Pro­zes­ses er­klärt. Der Au­schwitz- Pro­zess en­de­te 1965 mit der Ver­ur­tei­lung von 17 An­ge­klag­ten we­gen Mor­des oder Bei­hil­fe in Zehn­tau­sen­den Fäl­len. Die ge­sell­schaft­li­che Be­deu­tung war weit­rei­chend: 20 000 Zu­schau­er hat­ten den Pro­zess be­sucht. Es er­schie­nen zahl­rei­che Pu­bli­ka­tio­nen zum Pro­zess, dar­un­ter Walsers „ Un­ser Au­schwitz“oder „ Wo­hin treibt die Bun­des­re­pu­blik“des Phi­lo­so­phen Karl Jas­pers. ( man)

Fritz Bau­er ( 1903 – 1968).

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