Fan­tas­ti­sche Rei­se durchs Ge­hirn

„Al­les steht Kopf“– Ein emo­tio­na­les Meis­ter­werk aus den Pixar-Stu­di­os

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KINO / VERANSTALTUNGEN - Von Ste­fan Ro­ther

Wer kann schon in die Köp­fe an­de­rer Men­schen hin­ein­se­hen? Die Zu­schau­er bei „Al­les steht Kopf“. Dort er­le­ben sie ei­ne un­glaub­lich wit­zi­ge und emo­tio­na­le Ach­ter­bahn­fahrt durch die Psy­che ei­nes elf­jäh­ri­gen Mäd­chens.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren mö­gen sich Fans von Pixar die Fra­ge ge­stellt ha­ben, ob die Trick­film­schmie­de viel­leicht ih­ren frü­he­ren Biss ver­lo­ren hat. Ge­nährt wur­de die Sor­ge von un­spek­ta­ku­lä­ren Fil­men wie „Cars 2“. Doch „Al­les steht Kopf“ent­kräf­tet die­se Be­fürch­tun­gen nicht nur, son­dern fes­tigt den Ruf von Pixar als ei­nem der krea­tivs­ten und mu­tigs­ten Ani­ma­ti­ons­stu­di­os. Ne­ben dem op­ti­schen Spek­ta­kel und fre­chen Hu­mor konn­ten die bes­ten Pixar-Wer­ke auch stets auf der emo­tio­na­len Ebe­ne über­zeu­gen: Wel­chem Film ge­lingt es schon, wie bei dem Zei­chen­trick­film „Oben“dem Zu­schau­er be­reits nach zehn Mi­nu­ten die Trä­nen in die Au­gen zu trei­ben?

Auch das neu­es­te Werk von „Oben“-Re­gis­seur Pe­te Doc­ter hat ei­nen sol­chen Mo­ment, der vie­len zu Her­zen ge­hen dürf­te, sym­bo­li­siert er doch das En­de der un­be­schwer­ten Kind­heit. Das kann so ziem­lich je­der im Pu­bli­kum nach­voll­zie­hen. Eben­so wie die fun­da­men­ta­len Ge­füh­le Freu­de, Trau­er, Angst, Wut und Ekel. Die set­zen sich als ko­bold­ar­ti­ge We­sen im Kopf der her­an­wach­sen­den Ri­ley fest, schal­ten und wal­ten dort in ei­ner Art Kom­man­do­zen­tra­le. Ekel tritt et­wa nach dem ers­ten Kon­takt mit Brok­ko­li auf den Plan.

Da­von ab­ge­se­hen führt Ri­ley aber ein glück­li­ches Le­ben mit lie­be­vol­len El­tern, ei­ner bes­ten Freun­din und Er­fol­gen im Ho­ckey­team. In ih­rem Kopf führt „Freu­de“un­an­ge­foch­ten das Kom­man­do.

Dies än­dert sich al­ler­dings dras­tisch, als der Va­ter ei­nen neu­en Job an­tritt. Die Fa­mi­lie zieht vom ru­hi­gen Min­ne­so­ta nach San Fran­cis­co um. Die we­nig ein­la­den­de Woh­nung, die El­tern im Stress, kei­ne Freun­de in der neu­en Schu­le: Ri­leys Ge­fühls­haus­halt ge­rät völ­lig durch­ein­an­der.

In­spi­riert wur­de der Film von Re­gis­seur Pe­te Doc­ters ei­ge­ner Toch­ter. Als die­se in die Pu­ber­tät kam, ver­such­te der Va­ter zu ver­ste­hen, was in ih­rem Kopf vor­ge­hen mag. Der Groß­teil des Films spielt sich dann auch in Ri­leys Ge­hirn ab, die Au­ßen­per­spek­ti­ve il­lus­triert, wie sich die Ge­füh­le auf das Ver­hal­ten des Mäd­chens aus­wir­ken. Im In­ne­ren be­ge­ben sich da­ge­gen Freu­de und Trau­er auf ei­ne aben­teu­er­li­che Rei­se durch das Ge­hirn, zum Bei­spiel ins Un­ter­be­wusst­sein samt ver­bor­ge­ner Ängs­te, oder in die Traum­fa­brik in Form ei­nes Film­stu­di­os.

Hier be­geis­tern die Ma­cher mit fan­tas­ti­schen Ide­en. Die Ge­dan­ken­gän­ge (im Eng­li­schen „train of thought“) wer­den et­wa als Zug dar­ge­stellt, mit dem die Ge­füh­le zu­rück in die Kom­man­do­zen­tra­le im Ge­hirn ge­lan­gen wol­len. Ein Aus­flug in das abs­trak­te Den­ken for­dert die Vor­stel­lungs­kraft der Zu­schau­er, so­gar ei­ne ori­gi­nel­le Re­fe­renz an Sa­mu­el Be­cketts ab­sur­des Thea­ter­stück „War­ten auf Go­dot“fin­det sich.

Die­se Ebe­ne wird jün­ge­ren Zu­schau­ern ent­ge­hen, aber mit den Ge­füh­len von Ri­ley dürf­ten sich die meis­ten iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Da­zu ver­mit­telt der Film ei­ne so schlich­te wie wich­ti­ge Bot­schaft: Trau­er ge­hört zum Le­ben da­zu und muss manch­mal auch das Kom­man­do über­neh­men. Beim Ver­las­sen der „Al­les steht Kopf“-Vor­füh­rung do­mi­niert aber klar die Freu­de – über ein be­son­de­res Ki­no­er­leb­nis, das Kin­der wie Er­wach­se­ne ger­ne auch ein zwei­tes Mal an­se­hen wer­den. Al­les steht Kopf. Re­gie: Pe­te Doc­ter. USA 2015. 94 Mi­nu­ten. Oh­ne Al­ters­be­schrän­kung.

FO­TO: WALT DIS­NEY

So sieht es im Kopf der elf­jäh­ri­gen Ri­ley aus: In der Kom­man­do­zen­tra­le im Ge­hirn herrscht Cha­os. Die per­so­ni­fi­zier­ten Ge­füh­le Angst, Freu­de und Ekel ( von links) sind sich un­eins, wie Ri­ley re­agie­ren soll.

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