Das Flü­gel­zan­gen­mons­ter fei­ert

Im Klam­mer­griff des FC Bay­ern tau­melt Di­n­a­mo Zagreb wehr­los in die Nie­der­la­ge

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT - Von Bernd Hüt­ten­ho­fer

MÜNCHEN - Pep Guar­dio­la ist nicht mehr ganz neu beim FC Bay­ern. Man weiß, das er sich gern über den meist ak­ku­rat ge­pfleg­ten Drei­ta­ge­bart streicht, dass er sich öf­ter die Glat­ze kratzt und dass er viel Wert auf ele­gan­te Klei­dung legt. Man weiß, was man von ihm zu er­war­ten hat, wie der Mann tickt. Vor zehn Ta­gen beim 5:1 ge­gen Wolfsburg aber über­rasch­te der 44-jäh­ri­ge Ka­ta­la­ne mit ei­nem völ­lig neu­en Ge­sicht­aus­druck. Selt­sam ent­rückt sah er da aus, als er nach Ro­bert Le­wan­dow­skis fünf­tem Tor in neun Mi­nu­ten un­gläu­big lä­chel­te, den Kopf zwi­schen bei­den Hand­flä­chen ge­presst.

Am Di­ens­tag gab es ei­ne ähn­li­che Sze­ne. Guar­dio­la stand da und ap­plau­dier­te sicht­lich be­ein­druckt, mit ei­nem un­ge­wohnt ent­spann­ten, glück­se­li­gen Lä­cheln. Al­les gut! Es war un­mit­tel­bar nach dem 5:0 (55.) ge­gen Di­n­a­mo Zagreb. Thia­go Al­cant­ara und Dou­glas Cos­ta hat­ten sich mit­ten durch die dich­tes­te Ab­wehr gefum­melt und Le­wan­dow­ski den Ball auf­ge­legt, der ihn wei­ter ins Tor fum­mel­te. Mit ei­nem läs­si­gen Schlen­zer über Tor­hü­ter Edu­ar­do hin­weg. Sein zehn­tes Tor im drit­ten Spiel. „Er hat mir mei­nen Lauf ab­ge­kauft“, mein­te Tho­mas Mül­ler, der zu­letzt nur noch as­sis­tie­ren durf­te.

Es kommt vie­les zu­sam­men der­zeit bei den Bay­ern. Le­wan­dow­ski, Mül­ler, Cos­ta, Thia­go, Da­vid Ala­ba, Jé­rô­me Boateng, Phil­ipp Lahm und der ge­gen Di­n­a­mo pau­sie­ren­de Xa­bi Alon­so al­le in Hoch­form, höchs­te Mo­ti­va­ti­on, nie nach­las­sen­de Kon­zen­tra­ti­on, Ge­fahr von al­len Sei­ten, ein Räd­chen greift ins an­de­re. Die Ge­nug­tu­ung beim Trai­ner ist un­ver­kenn­bar, lang­sam spielt die Mann­schaft so, wie sich Guar­dio­la das vor­stellt. Man kann nur er­ah­nen, wie­vie- le St­un­den, Ta­ge und Wo­chen die­ser Mi­ra­cu­lix des Fuß­balls im stil­len Käm­mer­lein ge­grü­belt hat über dem Re­zept, wie er ul­tra­de­fen­siv ein­ge­stell­ten Geg­nern glei­cher­ma­ßen bei­kom­men soll wie den gro­ßen Kon­kur­ren­ten aus Spa­ni­en, wie er Ti­tel ge­win­nen kann und gleich­zei­tig das Pu­bli­kum ver­zau­bern. Guar­dio­la weiß, dass er sein aus­kömm­li­ches Ge­halt auch der Tat­sa­che ver­dankt, dass er der Di­rek­tor des größ­ten deut­schen Zir­kus­ses ist, der sei­ne Vor­stel­lun­gen som­mers wie win­ters vor stets aus­ver­kauf­tem Haus in der Schlauch­boot-Are­na gibt. Die 78 000 wol­len un­ter­hal­ten sein, wenn sie glück­lich sind, ist es Guar­dio­la auch.

Am Di­ens­tag­abend wa­ren wie­der mal al­le hoch­be­glückt. Als Dou­glas Cos­ta, der bes­te Mann im ro­ten Tri­kot, sei­nen Ar­beits­tag vor­zei­tig be­en­den durf­te, er­ho­ben sie sich von den Sit­zen und ap­plau­dier­ten. Der ra­sen­de Bra­si­lia­ner ist ei­nes der Räd­chen, die Guar­dio­la in sei­nem Ge­samt­kunst­werk noch ge­fehlt ha­ben, das an­de­re der erst 19-jäh­ri­ge Fran­zo­se Kings­ley Co­man. Mit den bei­den jun­gen, emi­nent drib­bel­star­ken Au­ßen kann der FC Bay­ern nun nicht nur das Feh­len sei­ner ver­letz­ten Au­ßen­bahn-Alt­stars Franck Ri­bé­ry und Ar­jen Rob­ben ver­schmer­zen, son­dern ist zu ei­nem wah­ren Flü­gel­zan­gen­mons­ter ge­wor­den, das dem Geg- ner kei­ne Chan­ce mehr lässt, wenn es erst mal zu­ge­packt hat. Mit den bei­den „ist un­se­re Spiel­wei­se viel bes­ser“, sagt Guar­dio­la. „Wir kön­nen brei­ter spie­len, und die Stür­mer ha­ben mehr Chan­cen.“Und pro­du­zie­ren To­re auf je­de er­denk­li­che Wei­se, wie die fünf ge­gen Zagreb: nach ei­nem Dribb­ling über links, im Kon­ter durch die Mit­te, nach fei­nem Dop­pel­pass über rechts, nach ei­ner Ecke per Di­rekt­schuss oder eben mit­ten­durch­gefum­melt. Es hät­ten auch noch mehr sein kön­nen.

Dem Geg­ner hin­ge­gen er­laub­ten die Bay­ern mit ih­rer er­drü­cken­den Do­mi­nanz kaum ei­nen hoff­nungs­vol­len An­griff. „Es ist wich­tig, die Kon­ter im Griff zu ha­ben. Das ist schwie­rig, wenn du im­mer im Ball­be­sitz bist“, stell­te Lahm fest. Weil es von au­ßen aber im­mer als eher leicht wahr­ge­nom­men wird, dür­fen sich die Geg­ner re­gel­mä­ßig der Zweit­klas­sig­keit zei­hen las­sen. Aber dass sie beim FC Por­to (1:6 im April), bei Schacht­jor Do­nezk (0:7 im März) oder AS Rom (1:7 im Ok­to­ber 2014) nicht ki­cken kön­nen, kann ei­gent­lich nicht sein. Es muss schon auch was mit der über­ra­gen­den Klas­se der Bay­ern zu tun ha­ben. „Der Qua­li­täts­un­ter­schied ist rie­sen­groß“, stell­te Di­n­a­mo-Trai­ner Zoran Ma­mic er­nüch­tert fest.

Ob das am Sonn­tag auch der letz­te Bun­des­li­ga­ver­ein ein­räu­men muss? Bo­rus­sia Dort­mund braucht we­nigs­tens ein Re­mis in München, um dran zu blei­ben. Guar­dio­la block­te das The­ma ab. „Lasst mich die­sen Sieg ge­nie­ßen. Heu­te und mor­gen ist erst mal Ok­to­ber­fest.“Da­bei hat er sich längst Ge­dan­ken ge­macht über das be­vor­ste­hen­de Spit­zen­spiel und die Auf­stel­lung ge­gen Zagreb dar­an aus­ge­rich­tet. Das „Fei­er­biest“ist Ge­schich­te, und für Guar­dio­la ist das Le­der­ho­sen­fest al­len­falls Folk­lo­re.

Fe­sche Buam mit Madl (von rechts): Medhi Be­na­tia, Franck Ri­bé­ry, Jé­rô­me Boateng, Kings­ley Co­man, Da­vid Ala­ba und des­sen Freun­din Katja Bu­ty­lina in tra­di­tio­nel­ler Kluft beim Ok­to­ber­fest­be­such am Mitt­woch­nach­mit­tag.

Kaum zu brem­sen: Dou­glas Cos­ta ( li.) und Kings­ley Co­man.

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