„Die vom Sys­tem Ge­schluck­ten le­ben nicht mehr oder sind ka­putt“

25 Jah­re nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung will Ines Gei­pel, die Vor­sit­zen­de des Do­ping-Op­fer-Hil­fe-Ver­eins, nach­hal­ti­ge Hil­fen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT -

BERLIN (SID) - Ines Gei­pel ist an­ge­sichts des 25. Jah­res­ta­ges der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung nicht nach Fei­ern zu­mu­te. Die Vor­sit­zen­de des Do­ping-Op­fer-Hil­fe-Ver­eins (DOH) – sie hat­te als DDR-Sprin­te­rin ei­ner ge­dop­ten Welt­re­kord­staf­fel an­ge­hört und ließ ihr Re­sul­tat spä­ter strei­chen – at­ta­ckiert den deut­schen Sport scharf und sieht in der vor­ge­schla­ge­nen Ein­mal­zah­lung von 10 Mil­lio­nen Eu­ro nur ei­ne hal­be Lö­sung, wie sie im In­ter­view mit dem Sport-In­for­ma­ti­ons-Di­enst (SID) er­klärt. Frau Gei­pel, am Sams­tag fei­ert Deutsch­land 25 Jah­re Wie­der­ver­ei­ni­gung. Zu wie viel Pro­zent ist der Sport zu­sam­men­ge­wach­sen? Das ist ei­ne Fra­ge der Per­spek­ti­ve. Die mit dem Ein­heits­man­na sind halt Welt­meis­ter und wol­len Olym­pia in Deutsch­land. Die vom Sys­tem Ge­schluck­ten le­ben nicht mehr oder sind ka­putt. Wir leis­ten uns im Sport den dop­pel­ten Blick zwi­schen Rea­li­tät und Glau­ben, und der hat Tra­di­ti­on. Deutsch­land war in Be­zug auf die Kern­lü­gen des Sports lan­ge vor der po­li­ti­schen Ver­ei­ni­gung wie­der­ver­eint. Was Do­ping an­geht, spä­tes­tens seit 1972 in München. Zielt Ih­re Kri­tik auf den Deut­schen Olym­pi­schen Sport­bund (DOSB)? Sport­funk­tio­nä­re, Trai­ner, Ärz­te, Be­ra­ter, Po­li­ti­ker, Ma­na­ger aus der Wirt­schaft, all die vie­len Fans hei­ßen ja nicht DOSB. Da ist ei­ne gan­ze Ar­ma­da un­ter­wegs. Wir ha­ben als DOH deut­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den be­las­te­ten Struk­tu­ren im Os­ten ge­führt und im­mer wie­der an­ge­mahnt, dass das nicht so geht. Aber der Sport funk­tio­niert wie ei­ne Tef­lon­plat­te, an der je­de kri­ti­sche Sub­stanz ab­prallt. In­wie­fern zah­len wir als Ge­sell­schaft den Preis? Weil wir da­bei sind, den Sport als hu­ma­nen Raum preis­zu­ge­ben. Das Pu­bli­kum hat längst den Schal­ter um­ge­legt, winkt ab und und sagt über das, was sie da se­hen: „Na, die Ath­le­ten wer­den schon wis­sen, was sie da tun.“Es gibt ein stil­les Agree­ment zwi­schen Sport und Ge­sell­schaft in Sa­chen Ver­ant­wor­tungs­ent­las­tung. Sind das auch die Er­fah­run­gen, die die DOH-Be­ra­tungs­stel­le macht? Seit­dem es un­se­re Be­ra­tungs­stel­le gibt, sieht man ei­ne rie­si­ge Wun­de auf­blü­hen. Ka­put­te, kran­ke, to­te ExAth­le­ten en mas­se. Der Sport be­haup­tet, wir wür­den das al­les in­sze­nie­ren. Und die Po­li­tik reibt sich bis auf Wei­te­res un­gläu­big die Au­gen. So hat man sich das al­les nicht vor­ge­stellt. Sind die Do­ping-Op­fer das größ­te Ver­mächt­nis der Wie­der­ver­ei­ni­gung für den deut­schen Sport? Sie sind das Mahn­mal des deut­schen Sports. Die­ses Maß an Ent­gren­zung, Zu­griff und Kri­mi­na­li­tät – wir re­den da von ak­tu­ell 700 DDR-Op­fern und zu­meist acht-, zehn oder zwölf­jäh­ri­gen Kin­dern, die im Sport so ma­ni­pu­liert wur­den, dass sie nie mehr ins Le­ben ka­men – ist welt­weit ein­ma­lig. Für die­se Ent­glei­sung hat un­se­re Ge­sell­schaft bis­lang kei­ne Lö­sung ge­fun­den. DOSB-Prä­si­dent Al­fons Hör­mann und die Po­li­tik las­sen jetzt durch­bli­cken, dass es ei­ne wei­te­re Ein­mal­zah­lung von 10 Mil­lio­nen Eu­ro für die Do­ping-Op­fer gibt. Ist das okay für Sie? Die Ein­mal­zah­lung in die­ser Hö­he wä­re oh­ne Fra­ge ein Schritt. Nie ist die Po­li­tik in der An­er­ken­nung der Schä­den so weit ge­gan­gen. Das hat Sym­bol­wert. Und den­noch wä­re es er­neut zu kurz ge­sprun­gen und wie- der nur die hal­be Lö­sung. Was die Op­fer brau­chen, sind Zu­sa­gen über den Tag hin­aus. Es ist nicht das, was Sie mit der For­de­rung Ih­res Akut­fonds ver­bin­den? Im Früh­jahr woll­ten Sie bis zu 32 Mil­lio­nen Eu­ro. Der Akut­fonds will von vorn­her­ein mehr als die Ein­mal­re­gu­lie­rung. Es geht um Akut­fäl­le, um Nach­hal­tig­keit, um ei­nen spe­zia­li­sier­ten Ärz­testab, um ju­ris­ti­sche Hil­fen, um ei­ne pro­fes­sio­nel­le­re Be­ra­tungs­stel­le. All das wür­de die Ein­mal­zah­lung nicht fas­sen. Bei Ih­nen mel­den sich al­so mitt­ler­wei­le auch Do­ping-Op­fer aus der Zeit nach der Wen­de? Ja, wir ha­ben mitt­ler­wei­le Ath­le­ten, die bis 2004 ak­tiv wa­ren. Das heißt das Do­ping­pro­blem hat – welch Wun­der – nicht pünkt­lich 1989 auf­ge­hört. Wie ak­tu­ell ist die Do­ping-Pro­ble­ma­tik bei den Her­an­wach­sen­den? Sport­jour­na­lis­ten aus dem Os­ten be­rich­ten, dass die Pro­ble­ma­tik heu­te noch schlim­mer ist als zu DDR-Zei­ten. Weil die El­tern über­haupt nicht mehr hin­gu­cken, weil die Ge­sell­schaft grund­sätz­lich ver­dop­ter, fra­gi­ler, ent­grenz­ter ist, weil die Jun­gen per­fekt im Lü­gen sind.

FO­TO: DPA

Kei­ne Fei­er­lau­ne: Ines Gei­pel.

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