Den Kopf ent­gif­ten: Di­gi­tal De­tox

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - LEBENSART -

Welt­wei­te Ver­net­zung und stän­di­ge Er­reich­bar­keit ha­ben auch ih­re Schat­ten­sei­ten. Alex­an­der Mar­kowetz, selbst eif­ri­ger Nut­zer di­gi­ta­ler Me­di­en, hat sich wis­sen­schaft­lich mit Smart­pho­neSucht und ei­nem dro­hen­den di­gi­ta­len Burn-out be­fasst. Im Ge­spräch mit To­bi­as Goltz er­läu­tert er, wie und war­um Men­schen ler­nen müs­sen, rich­tig mit ih­rem Smart­pho­ne um­zu­ge­hen. Herr Mar­kowetz, in Ih­rem Buch schrei­ben Sie: „Mit un­se­rem der­zei­ti­gen Smart­pho­ne-Ge­brauch ver­ge­wal­ti­gen wir un­se­ren Geist.“War­um sind wir so grob zu uns selbst? Wir ma­chen es ja nicht ab­sicht­lich. Aber uns wird lang­sam be­wusst, was wir da ei­gent­lich tun. Als wir letz­tes Jahr un­ser Men­thal-Pro­jekt ge­star­tet ha­ben, gab es ein rie­si­ges In­ter­es­se dar­an. Das hat ge­zeigt: Es gibt ein Un­wohl­sein in der Ge­sell­schaft, das sich auf­ge­staut hat. Die Leu­te wol­len über die­ses The­ma re­den. Man muss ih­nen gar nicht sa­gen: „Ihr habt da ein Pro­blem“– das ist ih­nen längst klar. Ich will den Leu­ten an­de­rer­seits gar kei­ne Schuld­ge­füh­le ein­re­den. Mir geht es viel­mehr dar­um, da­bei zu hel­fen, wie­der hand­lungs­fä­hig zu wer­den. Sie spre­chen von ei­ner „kol­lek­ti­ven Ver­hal­tens­stö­rung“. Lei­den wir denn wirk­lich so sehr un­ter un­se­ren Smart­pho­nes? Uns muss klar wer­den, dass die­se in­ten­si­ve Nut­zung der Ge­rä­te vie­le Be­rei­che un­se­res Le­bens be­trifft: von Aus­wir­kun­gen auf die Ge­sund­heit bis hin zur Pro­duk­ti­vi­tät am Ar­beits­platz. Und wenn man dut­zend­fach am Tag sein Smart­pho­ne in die Hand nimmt, hat man ein­fach kei­ne Pha­sen mehr, in de­nen man kon­zen­triert ei­ner Tä­tig­keit nach­ge­hen kann. Wenn ich an ei­nem Tag 60 klei­ne Un­ter­bre­chun­gen im Ab­stand von zehn Mi­nu­ten ha­be, geht nicht nur ei­ne St­un­de flö­ten, son­dern dann ist der gan­ze Tag rui­niert. Sie schrei­ben in Ih­rem Buch, dass wir durch die­se vie­len Un­ter­bre­chun­gen so­wohl bei der Ar­beit we­ni­ger pro­duk­tiv sei­en auch pri­va­te Mo­men­te we­ni­ger in­ten­siv er­le­ben könn­ten. Ist der „Di­gi­ta­le Bur­nout“noch zu ver­hin­dern oder sind wir be­reits da­von be­trof­fen? Wir sind voll da­von be­trof­fen! Die­ser „Ho­mo Di­gi­ta­lis“, der den Groß­teil sei­ner Funk­tio­na­li­tä­ten durch di­gi­ta­le Me­di­en ab­wi­ckelt, ist bei den 17bis 25-Jäh­ri­gen Stan­dard. Grund­sätz­lich exis­tiert er aber in al­len Al­ters­klas­sen. In­tui­tiv wür­de man den­ken, dass Han­dy­spie­le bei­spiels­wei­se nur die 17-Jäh­ri­gen be­tref­fen wür­den. Das ist aber über­haupt nicht so: Auch die Nut­zer im Al­ter 50 plus spie­len im Schnitt noch ei­ne Vier­tel­stun­de am Tag mit dem Smart­pho­ne. „In­for­ma­ti­on ist das neue Fett“, sa­gen Sie. Wie ent­kom­men wir die­sem Auf­merk­sam­keits­kil­ler? Man muss bei zwei Fak­to­ren an­set­zen: Wir un­ter­bre­chen uns selbst stän­dig durch selbst auf­er­leg­tes Mul­ti­tas­king, zu­dem piept es stän­dig aus der Ho­sen­ta­sche. Die bei­den größ­ten Fein­de Ih­rer Auf­merk­sam­keit sind al­so Sie selbst und Ih­re Freun­de. Was wir da­her brau­chen, ist ei­ner­seits ei­ne Selbst­be­schrän­kung. An­de­rer­seits sind ge­sell­schaft­li­che Um­gangs­for­men mit un­se­ren Ge­rä­ten und bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit an­de­ren Leu­ten von­nö­ten. Das heißt: Ich ver­su­che, an­de­re Leu­te nicht un­nö­tig zu un­ter­bre­chen – in der Hoff­nung, dass sie das auch nicht tun. Das sind Din­ge, die wir als Ge­sell­schaft jetzt ent­wi­ckeln müs­sen. Las­sen Sie uns zu­nächst über „di­gi­ta­le Diä­ten“spre­chen. Was genau stel­len Sie sich dar­un­ter vor? Ju­ni­or­pro­fes­sor ist seit 2009

für Inf or­ma­tik der Uni­ver­si­tät an

Bonn, wo der 39Jäh­ri­ge (Fo­to: Wi­do Rah­men Wirk­sam) im

des groß an­ge­leg­ten Men-thal-Pro­jekts“„

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Im V er­lag Dr Knaur er­scheint oe­mer Buch im Ok to­ber sein

mit dem Ti­tel „Di­gi­ta­ler Burn-out–War­um

un­se­re per­ma­nen­te Smart­pho­ne-Nut­zung ist“. gef ähr­lich Man muss ler­nen, sein Le­ben so zu gestal­ten, dass man sich von mög­lichst we­ni­gen Rei­zen ver­füh­ren las­sen kann. So wie man sich ganz viel Kau­gum­mi kauft, wenn man mit dem Rau­chen auf­hö­ren will. Ähn­lich funk­tio­niert es bei di­gi­ta­len Diä­ten. Und auch die Smart­pho­nes müs­sen uns da­bei hel­fen. Was mo­men­tan je­doch fehlt, ist die Mög­lich­keit, dass wir un­se­re Nut­zung prio­ri- sie­ren. Das Smart­pho­ne müss­te uns zen­tral er­lau­ben, in ver­schie­de­ne Mo­di zu schal­ten, in de­nen bei­spiels­wei­se nur Ar­beit oder Frei­zeit an­ge­sagt ist. Die Nach­rich­ten vom Chef wür­den dann ab ei­ner be­stimm­ten Uhr­zeit ein­fach nicht mehr auf­pop­pen. Für die Smart­pho­ne-Her­stel­ler wer­den sol­che Fea­tu­res aus mei­ner Sicht zu­künf­tig enorm wich­tig. Sie ha­ben die ge­sell­schaft­li­chen Stan­dards an­ge­spro­chen, die für al­le gel­ten sol­len. War­um sind die wich­tig? Gera­de die Un­ter­bre­chun­gen durch Freun­de – bei­spiels­wei­se in Form von No­ti­fi­ca­ti­ons, die auf­pop­pen – sind zur­zeit im Grun­de ge­nom­men nicht zu ma­na­gen. Mo­men­tan ha­ben wir al­le un­ge­fähr zehn Ac­counts: Face­book, Twit­ter, WhatsApp, ebay, Tin­der et ce­te­ra. Wenn Sie mal wirk­lich Ih­re Ru­he ha­ben wol­len, kön­nen sie das Smart­pho­ne ei­gent­lich nur kom­plett aus­stel­len. Wir müs­sen uns da­her un­ter­ein­an­der ab­spre­chen. Ich glau­be, dass es zum Bei­spiel in Part­ner­schaf­ten oder un­ter Freun­den ex­trem sinn­voll ist, dar­über nach­zu­den­ken, wie man kom­mu­ni­zie­ren will. Wenn zwei Mä­dels mehr­mals am Tag mit­ein­an­der te­le­fo­nie­ren wür­den, wä­re das sinn­vol­ler, als sich ge­gen­sei­tig mit 200 Nach­rich­ten zu bom­bar­die­ren. Auf der Ebe­ne von Groß­kon­zer­nen wird man zu an­de­ren Mit­teln grei­fen müs­sen, bei­spiels­wei­se Kam­pa­gnen. Es geht da­bei im Prin­zip ja auch um die Fra­ge, was gu­te oder schlech­te Kom­mu­ni­ka­ti­on ist und wie wir bei­des tren­nen kön­nen? Ja, das Pro­blem ist nur, dass wir als Ge­sell­schaft dar­auf ge­trimmt sind, dass es ei­gent­lich gar kei­ne schlech­te Kom­mu­ni­ka­ti­on gibt. Mit­ein­an­der re­den gilt im­mer als gut. „So­zi­al“und „Kom­mu­ni­ka­ti­on“– das sind po­si­ti­ve Din­ge. Aber die Wahr­heit ist: nicht in dem Um­fang, nicht über ir­gend­ei­nen Mist. Wir brau­chen hier ein Um­den­ken. Wir müs­sen uns ent­schei­den, wel­che Kom­mu­ni­ka­ti­on wir zu­las­sen wol­len und wel­che wir nicht brau­chen. Die Ver­le­ge­rin Ari­an­na Huf­fing­ton ist ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel, die ei­ne „di­gi­ta­le Di­ät“ge­macht hat. Ja, di­gi­ta­le Diä­ten ma­chen heut­zu­ta­ge aus­ge­rech­net die­je­ni­gen, die in der di­gi­ta­len Ent­wick­lung ganz vor­ne mit­ge­lau­fen sind. Bis das The­ma in der Brei­te an­kommt, mag hin­ge­gen noch et­was Zeit ver­ge­hen. Das war beim The­ma Er­näh­rung ge­nau­so: Da gab es auch Leu­te, die schon in den 70er-Jah­ren an­ge­fan­gen ha­ben, sich ganz toll zu er­näh­ren, der Groß­teil hat aber erst En­de der 90er nach­ge­zo­gen. Wir ha­ben es beim The­ma Er­näh­rung al­so schon ein­mal durch­ex­er­ziert. Sie ken­nen die Ge­fah­ren in­zwi­schen ganz genau. Ha­ben Sie Ihr ei­ge­nes Smart­pho­ne-Nut­zungs­ver­hal­ten ver­än­dert? Der ei­ge­ne Schmerz ist in der For­schung häu­fig der Aus­lö­ser, sich ei­nes The­mas an­zu­neh­men. Das war bei mir ge­nau­so: Das gan­ze For­schungs­pro­jekt ba­siert auf mei­nem ei­ge­nen un­ver­ant­wort­li­chen Smart­pho­ne-Ge­brauch. Heu­te bleibt mein Han­dy bei­spiels­wei­se im Ur­laub ganz aus. Ich tra­ge wie­der ei­ne Uhr. Und ich ver­su­che, nicht auf dem Smart­pho­ne her­um­zu­kli­cken, wenn ich auf der Couch lie­ge. Wo­bei ich ge­ste­he, dass es mir schwer­fällt. Ein­fach mal ab­schal­ten! Das Be­dürf­nis steigt of­fen­bar in Zei­ten der to­ta­len Ver­net­zung. Was man in ana­lo­gen Zei­ten schlicht als Auszeit oder als ru­hi­ges Wo­che­n­en­de be­zeich­net hät­te, heißt jetzt aber „Di­gi­tal De­tox“und meint so et­was wie di­gi­ta­le Ent­schla­ckung. Ge­bo­ren wur­de der Trend aus­ge­rech­net dort, wo Face­book & Co. ent­stan­den sind, im USame­ri­ka­ni­schen Si­li­con Val­ley.

Aber das Smart­pho­ne ein­fach in die Schub­la­de le­gen, um den Kopf frei­zu­krie­gen? Das wä­re ja auch zu ein­fach. Statt­des­sen be­su­chen über­las­te­te Di­gi­tal-Jun­kies schi­cke „Di­gi­tal De­tox Camps“, in de­nen ih­nen ein­fühl­sa­me Be­treu­er das Han­dy ab­neh­men, be­vor es ge­mein­sam in die Na­tur geht. Auch Ho­tels, die sich be­wusst um die Off­line-Kund­schaft be­mü­hen, bie­ten „De­tox“-Wo­che­n­en­den oh­ne Smart­pho­ne, WLAN und Ta­blet. Ein ech­tes Er­leb­nis, für das man gern ge­sal­ze­ne Prei­se zahlt. (la)

Alex­an­der Mar­kowetz

FO­TO: PR

Na­tür­lich statt vir­tu­ell: Ei­ne Wan­de­rung in den Ber­gen hilft, wie­der im Hier und Jetzt zu le­ben.

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