Neu­er Schwe­de

Nach 13 Jah­ren ist die zwei­te Ge­ne­ra­ti­on des Vol­vo XC90 auf dem Markt – In­no­va­tiv vor al­lem im In­nen­raum

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - AUTO & VERKEHR - Von Clau­dia Kling

a steht er, der schwe­di­sche Au­toberg. Groß, schwarz, wuch­tig. Der ers­te Ge­dan­ke bei die­sem An­blick: Mit ei­nem Schei­tel­maß von 168,875 Zen­ti­me­tern ist es un­mög­lich, die­ses Au­to selbst zu wa­schen – das Dach wür­de im­mer schmut­zig blei­ben. An­de­rer­seits: Wer knapp 80 000 Eu­ro für ein Au­to aus­legt, hat si­cher­lich auch ein biss­chen Klein­geld für die Wasch­stra­ße über. Nach 13 Jah­ren hat Vol­vo die zwei­te Ge­ne­ra­ti­on des XC90 auf die Stra­ße ge­schickt. Mit sei­nem Vor­gän­ger ver­bin­det den Neu­en im Grun­de nur der Na­me – und dass es sich bei bei­den Mo­del­len um ein Sport Uti­li­ty Ve­hi­cle (SUV) han­delt – mit viel Platz für Fa­mi­lie, Freun­de und Ge­päck.

Pan­zer­ar­tig, so könn­te man das Ding nen­nen, das in der Tief­ga­ra­ge auf die ers­te Test­fahrt war­tet. Das ist nicht je­der­manns Sa­che. Ei­nem Kol­le­gen ist es gar pein­lich, in ei­ner sol­chen Ka­ros­se ge­se­hen zu wer­den. Aber die­se Ein­schät­zung bleibt eher die Aus­nah­me als die Re­gel. An­de­ren Mo­tor und Ge­trie­be: Vier­zy­lin­derTur­bo­ben­zi­ner; 1969 ccm Hu­b­raum; 320 PS (235 kW); max. Dreh­mo­ment 400 Nm bei 2200 bis 5400 U/ min.; Ach­tgang- Au­to­ma­tik­ge­trie­be; per­ma­nen­ter All­rad­An­trieb Fahr­leis­tun­gen: 6,5 sec. von 0 auf 100 km/h; 230 km/h Höchst­ge­schwin­dig­keit Ver­brauch: 8,0 Li­ter kom­bi­niert ( Werks­an­ga­be); 12,9 Li­ter im SZ- Test CO - Aus­stoß: 186 g/km Leer­ge­wicht: 2078 kg ( Fünf­sit­zer); Her­ren der Schöp­fung ist es kei­nes­wegs un­an­ge­nehm, in die­sem statt­li­chen Ve­hi­kel zu rei­sen. Ins­be­son­de­re die 20-Zoll-Leicht­me­tall­fel­gen im 5Y-Spei­cher­des­gin wer­den gou­tiert und dis­ku­tiert (er­staun­lich, wie lan­ge sich Trä­ger des Y-Chro­mo­soms dar­über aus­tau­schen kön­nen).

Aber zu­rück zum We­sent­li­chen: Mit dem XC90 macht Vol­vo tat­säch­lich ei­ne Art Neu­an­fang. Er steht auf ei­ner neu kon­zi­pier­ten Platt­form Gu­te Rund­um­sicht; ho­her Si­cher­heits­kom­fort; hoch­wer­ti­ge In­nen­aus­stat­tung (der so­ge­nann­ten ska­lier­ba­ren Pro­dukt­ar­chi­tek­tur, kurz: SPA), die künf­tig meh­re­ren Mo­del­len als Ba­sis die­nen soll. Er hat nur noch vier Zy­lin­der un­ter der Front­hau­be und ist auch äu­ßer­lich kaum wie­der­zu­er­ken­nen. Wäh­rend sein Vor­gän­ger wie ein kas­ti­ger Jä­g­er­wa­gen da­her­kommt, wirkt der Neue trotz sei­ner Grö­ße (4,95 Me­ter Län­ge und op­tio­nal so­gar sie­ben Sit­zen) ele­gant und auch ein we­nig eli­tär. Die­ser SUV 2125 ( Sie­ben­sit­zer); zul. Ge­samt­ge­wicht: 2630/2750 kg An­hän­ge­last: 2700 kg ( ge­bremst); 750 kg (un­ge­bremst) Ver­si­che­rung: HP 22; TK 27; VK 26 Ab­mes­sun­gen: 4,95 m lang: 1,96 m breit; 1,78 m hoch La­de­raum: 314 Li­ter, er­wei­ter­bar auf 1886 Li­ter Grund­preis: 53 400 Eu­ro für das Ba­sis­mo­dell; SZ- Test­wa­gen mit Son­der­aus­stat­tung 79 280 Eu­ro Die Au­to­rin fuhr den von Vol­vo zur Ver­fü­gung ge­stell­ten Test­wa­gen 14 Ta­ge lang. will sich kei­nes­falls die Fü­ße schmut­zig ma­chen, denkt man. Der ist nicht da­für ge­macht, den Waid­mann zum Hoch­sitz zu brin­gen, son­dern den Ge­schäfts­mann zum nächs­ten wich­ti­gen Mee­ting in der Stadt. Und Wa­ge­mut ver­langt ei­nem das Au­to al­len­falls beim Ein­par­ken ab, wenn man sich auf den As­sis­ten­ten ver­lässt. Denn dann saust der Vol­vo so zackig in die freie Park­lü­cke, dass es schon Gott­ver­trau­en braucht, um nicht ein­zu­grei­fen.

Apro­pos sau­sen. Das be­herrscht der XC90 auch im Vor­wärts­gang ganz or­dent­lich. Den Test­wa­gen – lei­der ein Ben­zi­ner, der in Deutsch­land kaum ge­fragt sein wird – trie­ben 320 PS vor­wärts. Das ist an­ge­nehm, wenn die Au­to­bahn frei ist oder auf der Land­stra­ße rucki­zucki über­holt wer­den muss.

Aber – und das ist tat­säch­lich ein gro­ßes Aber: Der XC90 saust nicht nur or­dent­lich, er säuft auch ent­spre­chend. An die 13 Li­ter schluck­te die Ma­schi­ne im Nor­mal­be­trieb. Im Lang­sam­keits­test (70km/h Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit auf Au­to­bahn und Land­stra­ße) blieb der Ver­brauch laut Bord­com­pu­ter gera­de noch im ein­stel­li­gen Be­reich. Wohl dem, der auf ei­ner klei­nen Öl­quel­le sitzt – oder zu­min­dest in der Nä­he ei­ner Tank­stel­le. Das Down­si­zing, von dem Au­to­her­stel­ler so ger­ne spre­chen, funk­tio­niert in der Pra­xis bei die­sem Mo­dell nur be­dingt. Üp­pi­ger Ver­brauch; ho­he Auf­prei­se für Son­der­aus­stat­tung

Da­für kann der gro­ße Schwe­de an­de­re tol­le Din­ge. Zum Bei­spiel, dem Fah­rer weit­ge­hend das Fah­ren ab­neh­men. Wer 1650 Eu­ro zu­sätz­lich zur Se­ri­en­aus­stat­tung in den neu­en Vol­vo in­ves­tiert, er­hält ein Pa­ket, das dem au­to­no­men Fah­ren schon ziem­lich na­he­kommt: au­to­ma­ti­sche Ge­schwin­dig­keits- und Ab­stands­re­ge­lung, ei­gen­stän­di­ge Brems­ma­nö­ver, falls man in der Kreu­zung den Ge- gen­ver­kehr über­se­hen hat, Gurtstraf­fung, wenn man es trotz al­ler elek­tro­ni­schen Hel­fer­lein schafft, von der Stra­ße ab­zu­kom­men. Bis Tem­po 50 kann der XC90 so­gar ei­gen­stän­dig be­schleu­ni­gen, brem­sen und len­ken – der Fah­rer muss ihm nur durch Hand­auf­le­gen si­gna­li­sie­ren, dass er sei­nen Sitz nicht ver­las­sen hat. Tja, da macht die Sko­da-Fabia-Fah­re­rin gro­ße Au­gen.

Bei so­viel Hilfs­be­reit­schaft sei­tens des Fahr­zeugs kann sich der Pi­lot ge­müt­lich im kom­for­ta­blen Fah­rer­sitz zu­rück­leh­nen, die hoch­wer­ti­gen Ma­te­ria­li­en be­gut­ach­ten und sich ein­ge­hend mit dem De­sign des In­nen­raums be­fas­sen. Und das lohnt sich – Vol­vo muss den Ver­gleich mit den deut­schen Pre­mium­mar­ken nicht scheu­en. Die Ma­te­ria­li­en sind hoch­wer­tig, die Tech­nik in­no­va­tiv. Den Blick stur nach vor­ne ge­rich­tet, wer­den ei­nem per „He­ad-Up-Dis­play“(Auf­preis 1350 Eu­ro) das ei­ge­ne Fahr­ver­hal­ten und et­wai­ge Ge­fah­ren an­ge­zeigt. Die Mit­tel­kon­so­le wur­de kon­se­quent bis auf acht be­schei­de­ne Schal­ter ent­rüm­pelt. Kli­ma­an­la­ge, Na­vi­ga­ti­on, Ra­dio, Te­le­fon – all das wird über ei­nen 9,2 Zoll gro­ßen Bild­schirm ge­re­gelt, der auf Fin­ger­druck re­agiert – ähn­lich wie der Com­pu­ter in der Hand­ta­sche. Rein in­tui­tiv ist das nicht mehr zu be­die­nen, aber da­für gibt es ja den „Quick Gui­de“im Hand­schuh­fach, das sich – wie könn­te es an­ders sein – per Knopf­druck elek­tro­nisch öff­net.

Sehr mo­dern ist das al­les. Und auch ein biss­chen teu­er. Das bil­ligs­te Mo­dell in der XC90-Bau­rei­he ist für 53 400 Eu­ro zu ha­ben, für den Test­wa­gen mit all sei­nen Ex­tras müss­ten knapp 26 000 Eu­ro drauf­ge­legt wer­den. Ei­ne Men­ge Schot­ter. Und fast mit Weh­mut er­in­nert man sich dann – wäh­rend das Au­to so selbst­stän­dig vor sich hin­fährt – an die Zei­ten, als ein Vol­vo im Grun­de ein Kas­ten mit Rä­dern und La­de­raum war, den der je­wei­li­ge Be­sit­zer al­le 20 Jah­re aus­tausch­te ge­gen ei­nen Kas­ten mit Rä­dern und La­de­raum.

FO­TO: VOL­VO

Der neue Vol­vo XC90 wird in drei Mo­tor­va­ri­an­ten an­ge­bo­ten: als Ben­zi­ner, Ben­zi­ner mit Elek­tro­mo­tor oder als Die­sel.

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