US-Luft­an­griff auf Kun­dus: 22 To­te

22 Men­schen ster­ben bei Bom­bar­de­ment in Kun­dus – Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Ärz­te oh­ne Gren­zen gibt Kran­ken­haus auf

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE -

KA­BUL (AFP) - Nach ei­nem mut­maß­li­chen US-Luft­an­griff auf ein Kran­ken­haus der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Ärz­te oh­ne Gren­zen im nord­af­gha­ni­schen Kun­dus mit min­des­tens 22 To­ten hat US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma Auf­klä­rung zu­ge­sagt. Das US-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ha­be ei­ne Un­ter­su­chung des Vor­falls ein­ge­lei­tet, auf de­ren Grund­la­ge die Um­stän­de der „Tra­gö­die“be­ur­teilt wer­den soll­ten. Die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on zieht sich nach dem An­griff vor­erst aus Kun­dus zu­rück.

KA­BUL (dpa) - Der An­griff auf ei­ne Kli­nik von Ärz­te oh­ne Gren­zen (MSF) in Af­gha­nis­tan mit 22 To­ten zieht har­te Kri­tik am US-Mi­li­tär nach sich. Der Prä­si­dent der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on, Mei­nie Ni­co­lai, sprach von ei­nem „schwe­ren Bruch des Völ­ker­rechts“und for­der­te ei­ne un­ab­hän­gi­ge Un­ter­su­chung. Die US-Luft­waf­fe hat­te die Kli­nik in der Nacht zum Sams­tag of­fen­sicht­lich aus Ver­se­hen bom­bar­diert. US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma be­klag­te ei­ne „Tra­gö­die“, sprach den Op­fern sein Bei­leid aus und ver­sprach Auf­klä­rung.

Aus Sicht von Ärz­te oh­ne Gren­zen steht au­ßer Zwei­fel, dass die US­ge­führ­te Mi­li­tär­ko­ali­ti­on die Kli­nik bom­bar­diert hat, wo sich nachts 105 Pa­ti­en­ten, An­ge­hö­ri­ge und gut 80 Mit­ar­bei­ter auf­hiel­ten. Die Bi­lanz: Min­des­tens 19 To­te, dar­un­ter drei Kin­der. Meh­re­re Pa­ti­en­ten ver- brann­ten in ih­ren Bet­ten. Hin­zu kom­men 37 Ver­letz­te. Na­to-Ge­ne­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg drück­te sei­ne Be­stür­zung aus. US-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ash­ton Car­ter er­klär­te: „Ei­ne voll­stän­di­ge Un­ter­su­chung des tra­gi­schen Vor­falls ist in Ab­stim­mung mit der af­gha­ni­schen Re­gie­rung im Gan­ge.“

Nach An­ga­ben von Ärz­te oh­ne Gren­zen wur­den al­len Kon­flikt­par­tei­en die ge­nau­en Geo­da­ten ih­rer Ein­rich­tun­gen mehr­fach über­mit­telt, zu­letzt am 29. Sep­tem­ber. Nach Be­ginn des nächt­li­chen An­griffs ha­be man zu­dem das ame­ri­ka­ni­sche und af­gha­ni­sche Mi­li­tär er­neut kon­tak­tiert; den­noch ha­be das Bom­bar­de­ment noch mehr als 30 Mi­nu­ten an­ge­hal­ten.

Von 2.08 bis 3.15 Uhr Orts­zeit sei die Kli­nik in In­ter­val­len von et­wa 15 Mi­nu­ten bom­bar­diert wor­den. Das zen­tra­le Kran­ken­haus­ge­bäu­de mit In­ten­siv­sta­ti­on und Not­fall­räu­men sei wie­der­holt „sehr prä­zi­se“ge­trof­fen wor­den. „Gleich­zei­tig blie­ben um­lie­gen­de Ge­bäu­de fast un­be­rührt“, er­klär­te die Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on wei­ter, oh­ne dar­aus kon­kre­te Schluss­fol­ge­run­gen ab­zu­lei­ten. Nach dem Luft­an­griff zog sich Ärz­te oh­ne Gren­zen aus Kun­dus zu­rück. Die Kli­nik sei „nicht mehr funk­ti­ons­fä­hig“, sag­te Spre­che­rin Ka­te Ste­ge­man am Sonn­tag. Al­le Pa­ti­en­ten sei­en an Ge­sund­heits­ein­rich­tun­gen in die Stadt Pul-e-Ch­um­ri in der Nach­bar­pro­vinz oder in die Haupt­stadt Ka­bul ver­wie­sen wor­den. Ob die Kli­nik wie­der­er­öff­net wer­de, sei un­klar.

Die Kli­nik wur­de aus­schließ­lich aus Spen­den fi­nan­ziert und bot kos­ten­lo­se Hil­fe für Un­fall- und Kriegs­op­fer an – un­ab­hän­gig von Her­kunft oder Re­li­gi­on und auch für ver­wun­de­te Ta­li­ban. Die Or­ga­ni­sa­ti­on, die seit 1980 in Af­gha­nis­tan ar­bei­tet, be­stritt aber en­er­gisch Vor­wür­fe des af­gha­ni­schen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums, Ta­li­ban-Kämp­fer hät­ten die Kli­nik als Un­ter­schlupf ge­nutzt. Au­ßer Mit­ar­bei­tern und Pa­ti­en­ten sei nie­mand in der Kli­nik ge­we­sen, hieß es. Zu­dem sei je­der Pa­ti­ent – auch ver­wun­de­te Ta­li­ban-Kämp­fer – nach dem hu­ma­ni­tä­ren Völ­ker­recht ein nicht-kämp­fen­der Zi­vi­list.

AR­CHIV­FO­TO: AFP

Die Ärz­te- oh­ne- Gren­zen- Kli­nik in Kun­dus bot kos­ten­lo­se Hil­fe für Un­fall- und Kriegs­op­fer an.

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