Tie­ri­sche To­re, ste­cken­de Ste­cker und Hüb­ner vs. Hüb­ner

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT -

Dass der 3. Ok­to­ber ein gu­ter Tag ist, um Ge­schich­te zu schrei­ben, weiß Deutsch­land seit 1990. Jetzt, da sich die Wie­der­ver­ei­ni­gung das 25. Mal jähr­te, schrieb auch der Fuß­ball klei­ne Ka­pi­tel Ge­schicht(ch)e(n). In Berlin et­wa (na­tür­lich!), wo die Ost­kur­ven-Fans von Her­tha BSC per auf­wen­di­ger Cho­reo­gra­fie zu ver­ste­hen ga­ben: „Wir ver­ei­nen Ost und West, denn ... Her­tha steht für ganz Berlin.“Fein. Noch fei­ner al­ler­dings war die Art, wie Trai­ner Pal Dar­da­is Elf den Fei­er­tag in­ter­pre­tier­te: drit­ter Heim­sieg in Fol­ge, 14 Punk­te aus acht Par­ti­en, bes­ter Sai­son­start seit ein­ein­halb Jahr­zehn­ten. Ur­sa­chen: di­ver­se. Ei­ne ist 31 Jah­re alt, hört auf den Na­men Ve­dad Ibi­se­vic und schießt gera­de – ver­mut­lich mit ei­ni­ger Lust – die bö­se The­se vom Aus­lauf­mo­dell ad ab­sur­dum: zwei Tref­fer beim 2:0 über den 1. FC Köln, zwei jetzt auch beim 3:0 über den Ham­bur­ger SV. Das Er­folgs­re­zept? Pal Dar­dai: „Er hat ei­ne star­ke Prä­senz. Er ar­bei­tet wie ein Tier.“Ve­dad Ibi­se­vic selbst: „Ich hab’ mir vor­ge­nom­men, mich ein­fach auf Fuß­ball zu kon­zen­trie­ren.“Bei Vor­la­gen­ge­bern wie, am Sams­tag, Tol­ga Ci­ger­ci und Alex­an­der Baum­jo­hann fällt das leicht, bei fi­nan­zi­ell so chic ge­ord­ne­ten Ver­hält­nis­sen wie je­nen des Bos­ni­ers auch. „Ibi­se­vic’ Ex-Klub Stutt­gart über­nimmt noch 1,4 Mio Eu- ro pro Sai­son“, las man in der „BamS“, „so muss Her­tha nur 1,2 Mio Eu­ro Grund­ge­halt plus Prä­mi­en zah­len.“Für To­re, die sie in Cann­statt drin­gend ge­brau­chen könn­ten.

„Drin­gend ge­brau­chen“– ein Stich­wort, das in Mön­chen­glad­bach neu­er­dings sel­te­ner ver­nom­men wird im Kon­text mit dem Reiz­wort „Trai­ner“. Zwei Wo­chen ist Lu­ci­en Fav­re jetzt nicht mehr in Amt und Bür­den, zwei Wo­chen trägt André Schu­bert des­halb ein „In­te­rims-“vor der Be­rufs­be­zeich­nung „Coach“. Die Re­sul­ta­te sind be­kannt: 4:2, 3:1, 2:0. Letz­te­res ge­gen den VfL Wolfsburg – mit­nich­ten Lauf­kund­schaft. Die Stim­men häu­fen sich, die sa­gen: Der Mann hol­te die bes­te Aus­beu­te al­ler Glad­ba­cher Übungs­lei­ter aus den ers­ten drei Spie­len ih­res Wir­kens, er soll blei­ben. Die Stim­men kom­men aus der Mann­schaft. Nur ne­ben­bei: Auch Hen­nes Weis­wei­ler trai­nier­te einst die „Foh­len“, auch Jupp Heynckes ... Max Eberl, 2015 de­ren Sport­di­rek­tor, weiß all das, hört noch gut (auch in­ter­ne Stim­men!) und äugt doch nach ei­nem Übungs­lei­ter auf Dau­er. Ex­tern. Mar­kus Wein­zierl wird der wohl nicht hei­ßen, Augs­burgs Richt­li­ni­en­ge­ber an der Li­nie hat ei­nen Ver­trag bis 2019. „Wir su­chen heu­te ei­nen Trai­ner“– Max Eberls Satz zum Fei­er­tag. Weil das Fin­den dau­ern kann, sit­ze André Schu­bert de­fi­ni­tiv auch nach der Län­der­spiel­pau­se noch auf der Glad­ba­cher Bank. In Frankfurt. Jetzt aber kann er erst ein­mal ge­nie­ßen. Bil­der vom spek­ta­ku­lä­ren Seit­fall­zie­her-1:0 des ein­ge­wech­sel­ten Ha­vard Nordtveit et­wa, Da­ten­ban­ken über­dies, die ihn be­stä­ti­gen: „Es ist sen­sa­tio­nell, was die Spie­ler auf den Platz ge­bracht ha­ben. Heu­te sind sie wie­der an die 120 Ki­lo­me­ter ge­lau­fen – ich hab’ ge­dacht, dass ir­gend­wann der Ste­cker ge­zo­gen ist.“119,46 Ki­lo­me­ter sind’s ge­we­sen, der Ste­cker steckt.

Un­ter Strom bleibt auch Fuß­ball-In­gol­stadt. Drei-Punk­te-Spie­le sind mitt­ler­wei­le kei­ne Ra­ri­tät mehr für den sper­rig-ke­cken Neu­ling, das 2:0 über Ein­tracht Frankfurt war schon das vier­te. Und doch ei­nes für die Klub­chro­nik: Am 3. Ok­to­ber 2015, 17.06 Uhr, traf Pas­cal Groß. 22 Me­ter Ent­fer­nung, der rech­te In­nen­pfos­ten steht Pa­te, 1:0 in Mi­nu­te 78. Das ers­te Bun­des­li­ga-Heim­tor der „Schan­zer“lässt den Schüt­zen „pu­re Freu­de“ver­spü­ren, den Geg­ner eben­sol­chen Frust ( Mar­co Russ: „Wahn­sinn, was wir ge­spielt ha­ben! Ei­ne Frech­heit!“). Vol­ler Aber­witz Ste­fan Lex’ Zu­ga­be zum End­stand; herb ver­schätzt hat­te sich der sonst so zu­ver­läs­si­ge Gäs­te­schluss­mann Lu­kas Hra­de­cky da, lief qua­si am Ball vor­bei ins Lee­re. Was Ben­ja­min Hüb­ner (In­gol­stadt; In­nen­ver­tei­di­ger) das dienst­li­che Mee­ting mit Va­ter Bru­no Hüb­ner (Frankfurt; Sport­di­rek­tor) voll­ends ge­nie­ßen ließ – auch wenn das Alu­mi­ni­um gleich nach der Pau­se ver­ei­telt hat­te, dass der his­to­ri­sche Heim­tref­fer Nr. 1 ein Hüb­ner’scher wur­de. Eh wurscht. Zäh­ler zäh­len, weiß Hüb­ner jr.: „Je­der Sieg in der Bun­des­li­ga ist schön, das hat nix mit dem Pa­pa zu tun.“

Je­de Nie­der­la­ge in der Bun­des­li­ga tut weh. Das 2:3 von Darm­stadt 98 im 31-Ki­lo­me­ter-Luft­li­nie-Du­ell mit Mainz 05 schmerz­te vor al­lem San­dro Wa­gner. Sein – höchst dis­ku­ta­bler – Foul­elf­me­ter in der 6. (!) Nach­spiel­zeit-Mi­nu­te lan­de­te mit ähn­li­cher Flug­kur­ve im Nacht­him­mel wie einst je­ner ei­nes ge­wis­sen Uli Ho­en­eß in Bel­grad. Wer den Scha­den hat, neigt nicht im­mer zur Selbst­kri­tik. Darm­stadts baye­ri­scher Neu-Stür­mer schon: „Die Ver­ant­wor­tung neh­me ich auf mich.“Mar­co „To­ni“Sai­ler wi­der­sprach auf sei­ne Art. Der neu­er­dings treff­si­chers­te Voll­bart der Na­ti­on (das 2:2!) teil­te die null Punk­te durch al­le 14 ein­ge­setz­ten 98er: „Wenn wir nicht 100 Pro­zent Darm­stadt brin­gen, ha­ben wir ge­gen kei­ne Mann­schaft ei­ne Chan­ce.“An­dern­falls: Wird wei­ter (Fuß­ball-)Ge­schich­te ge­schrie­ben in Süd­hes­sen. Über den 3. Ok­to­ber 2015 hin­aus.

FO­TO: DPA

Fei­er­tags­lau­ne am 3. Ok­to­ber: Hert­has Ve­dad Ibi­se­vic.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.