Kri­mi­au­tor Hen­ning Man­kell ist tot

Be­rühmt durch Kri­mis, en­ga­giert für Afri­ka: Zum Tod des Schrift­stel­lers Hen­ning Man­kell

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Bar­ba­ra Mil­ler und Agen­tu­ren

Der schwe­di­sche Kri­mi­au­tor Hen­ning Man­kell ist tot. Der Schöp­fer der Ge­schich­ten um den mür­ri­schen Kom­mis­sar Kurt Wal­lan­der starb am frü­hen Mon­tag­mor­gen im Al­ter von 67 Jah­ren in Gö­te­borg, wie der Han­ser Ver­lag in München mit­teil­te. En­de 2013 war der rast­lo­se Schrei­ber, Afri­ka-Lieb­ha­ber, Opern-Fan und streit­ba­re Frie­dens­kämp­fer an Krebs er­krankt.

RA­VENS­BURG (dpa/kna/epd) - Er war so vie­les, die­ser Hen­ning Man­kell: Als Kri­mi­au­tor ist er zu Welt­ruhm ge­langt, als Thea­ter­lei­ter hat er in sei­ner Wahl­hei­mat Mo­sam­bik mit Afri­ka­nern Sha­ke­speare auf­ge­führt, als Ak­ti­vist hat er für die Frei­heit und die Gleich­be­rech­ti­gung ge­kämpft. Sein jüngs­tes Buch aber hat­te ein ganz be­son­de­res The­ma: In „Treibsand“er­zählt Man­kell vom Ster­ben und der Angst vor dem Tod. 2013 wur­de bei ihm Krebs fest­ge­stellt. Zwei Jah­re lang hat er die Krank­heit und sich be­ob­ach­tet und schrei­bend ver­sucht, dem Schre­cken zu be­geg­nen. Am Mon­tag kam die Nach­richt vom Tod des Schrift­stel­lers. Hen­ning Man­kell ist im Al­ter von 67 Jah­ren in Gö­te­borg ge­stor­ben. Der Tod kam im Schlaf, heißt es auf der Home­page sei­nes Ver­lags.

Es klingt nach Su­per­la­ti­ven: 40 Ro­ma­ne, in 40 Spra­chen über­setzt, 40 Mil­lio­nen Mal ver­kauft, da­von al­lein 15 Mil­lio­nen mal in Deutsch­land. Auch wenn er da­vor und da­nach für Kin­der und über an­de­re Din­ge ge­schrie­ben hat, vor al­lem im­mer wie­der über Afri­ka – der Na­me Hen­ning Man­kell wird doch auf im­mer mit ei­nem an­de­ren ver­bun­den sein: mit Kurt Wal­lan­der. Der knur­rig-knor­ri­ge Kom­mis­sar, der in Ystad an Schwe­dens Süd­küs­te die bru­tals­ten Ver­bre­chen auf­klärt, wur­de zu Man­kells Mar­ken­zei­chen. Als der Au­tor ein­mal ge­fragt wur­de, ob die­ser Mi­s­an­throp ein See­len­ver­wand­ter von ihm sei, wies er das weit von sich. Nur die Lie­be zur ita­lie­ni­schen Oper und ei­ne ge­wis­se Hart­nä­ckig­keit ver­bin­de ihn mit sei­nem Ge­schöpf. An­sons­ten fand Man­kell sei­nen Wal­lan­der eher un­sym­pa­thisch – wie der mit Frau­en um­ge­he und wie un­ge­sund der le­be!

1991 hat er ihn in „Mör­der oh­ne Ge­sicht“erst­mals auf­tre­ten las­sen. Bis 2009 folg­ten elf Bän­de. Doch am En­de schick­te Man­kell sei­nen Kom­mis­sar ins Land des Ver­ges­sens. Wal­lan­der be­kam Alz­hei­mer. Die Ver­fil­mun­gen mit Kris­ter Hen­riks­son ga­ran­tier­ten der ARD sat­te Quo­ten. Auch an­de­re Bü­cher Man­kells wie „Kennedys Hirn“oder „Die Rück­kehr des Tanz­leh­rers“und ei­ni­ge „Tat­ort“-Fol­gen wur­den mit Pu­bli­kums­lieb­lin­gen wie In­grid Ber­ben, Ma­xi­mi­li­an Schell und Axel Mil­berg er­folg­reich fürs deut­sche Fern­se­hen ver­filmt. Ob in sei­nen Afri­ka-Ro­ma­nen wie „Chro­nist der Win­de“oder „Die ro­te An­ti­lo­pe“, ob in sei­nen Kri­mis oder Thea­ter­stü­cken – im­mer griff Man­kell ge­sell­schafts­po­li­ti­sche The­men auf, von Kor­rup­ti­on über Aids bis zu Frem­den­hass und Aus­beu­tung. Man­kell war So­zia­list und blieb es auch, als er längst Mil­lio­när ge­wor­den war. Kampf für Ge­rech­tig­keit Der Kampf um Gleich­be­rech­ti­gung hat schon den jun­gen Man­kell um­ge­trie­ben. Die Ju­gend war nicht son­der­lich glück­lich. Die El­tern lie­ßen sich schei­den, als er noch ein klei­nes Kind war. Mit sei­nen Ge­schwis­tern wuchs er bei sei­nem Va­ter auf, ei­nem Rich­ter. Die Mut­ter nahm sich das Le­ben, als Man­kell gera­de 20 Jah­re alt war. Da hat­te er schon ei­ni­ges hin­ter sich, war von zu Hau­se ab­ge­hau­en und hat­te als Ma­tro­se an­ge­heu­ert. En­de der wil­den 1960er-Jah­re lan­de­te Man­kell am Thea­ter und be­gann zu schrei­ben. Aus zwei Ehen hat er vier er­wach­se­ne Söh­ne. Zu­letzt war er mit Eva Berg­man, ei­ner Toch­ter des be­rühm­ten Film­re­gis­seurs, ver­hei­ra­tet.

1972 reis­te Hen­ning Man­kell zum ers­ten Mal nach Afri­ka. Ei­ne le­bens­lan­ge Lie­be. Und ein le­bens­lan­ger Kampf. Er sag­te ein­mal, er le­be „mit dem ei­nen Fuß im Sand, mit dem an­de­ren im Schnee“. In Ma­pu­to, der Haupt­stadt von Mo­sam­bik, grün­de­te er das Tea­tro Ave­n­i­da mit ei­nem En­sem­ble von 70 Leu­ten. Er prob­te Sha­ke­speare mit ih­nen und schrieb für sie ei­ge­ne Tex­te. Edith Kör­ber brach­te 2003 beim SETT-Thea­ter­fes­ti­val in Stutt­gart die Urauf­füh­rung von Man­kells Stück „Dunk­les Brot und to­te Blu­men“her­aus“. Schau­spie­ler aus Mo­sam­bik und sol­che aus dem En­sem­ble der Stutt­gar­ter tri-Büh­ne spiel­ten Man­kells Stück über den in Des­sau von Rechts­ra­di­ka­len er­mor­de­ten Al­ber­to Adria­no. Doch Rea­lis­mus auf der Büh­ne ist pro­ble­ma­tisch. Die Auf­füh­rung war gut ge­meint, hieß es in der „Schwä­bi­schen Zei­tung“.

Auch am Thea­ter Kon­stanz war Man­kell zu Gast. An­läss­lich der „Afri­ka-Spiel­zeit“2011 dis­ku­tier­te er mit Au­ßen­mi­nis­ter Frank-Wal­ter St­ein­mei­er. Es folg­te in der­sel­ben Spiel­zeit in der Werk­statt „An­ti­lo­pen“. Bru­tal und un­ver­blümt er­zählt Hen­ning Man­kell in dem Stück von der Sinn­lo­sig­keit der Ent­wick­lungs­hil­fe und der Un­ver­ein­bar­keit von fa­den­schei­ni­gen Idea­len und der afri­ka­ni­schen Rea­li­tät.

Wenn er von et­was über­zeugt war, ließ sich Hen­ning Man­kell nicht von sei­nem Vor­ha­ben ab­brin­gen. 2010 nahm er an der so­ge­nann­ten Ga­zaAk­ti­on teil. Die Schif­fe mit Hilfs­gü­tern für die Pa­läs­ti­nen­ser im Ga­za­Strei­fen wur­den von der is­rae­li­schen Ar­mee ge­stoppt. Am En­de wa­ren neun Ak­ti­vis­ten tot, Man­kell wur­de ver­haf­tet und ab­ge­scho­ben – und üb­te schar­fe Kri­tik an Is­ra­el.

FO­TOS: DPA

Hen­ning Man­kell (1948 - 2015).

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Afri­ka hat ihn fas­zi­niert. Hen­ning Man­kell hat in sei­ner Wahl­hei­mat Mo­sam­bik ver­schie­de­ne Pro­jek­te ins Le­ben ge­ru­fen.

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