Von der Ley­en bleibt nur ban­ges War­ten

Mi­nis­te­rin un­ter Pla­gi­ats­ver­dacht scheint aus den Feh­lern ih­rer Vor­gän­ger ge­lernt zu ha­ben

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Wer­ner Her­pell

BERLIN (dpa) - Nun bleibt auch die­ser Mi­nis­te­rin nur noch das War­ten. Und Hof­fen, dass die Pla­gi­ats­de­tek­ti­ve der Hoch­schu­le in Han­no­ver die­ser Ta­ge gnä­dig mit ih­rer Me­di­zinDok­tor­ar­beit um­ge­hen. Ob Ur­su­la von der Ley­en den Ti­tel be­hal­ten darf: mög­lich, denn auch ei­ne Rü­ge oder ein Nach­ar­bei­ten wä­ren als Stra­fe denk­bar. Viel­leicht denkt die CDU-Hoff­nungs­trä­ge­rin jetzt über ihr Kri­sen­ma­nage­ment nach. Denn da­bei ging in frü­he­ren Pla­gi­ats­af­fä­ren ei­ni­ges schief, et­wa in den Fäl­len Gut­ten­berg und Scha­van.

Der Fall von der Ley­en: Das En­de ist of­fen, die Stra­te­gie der Be­trof­fe­nen auch. Dass die der Schlam­pe­rei oder gar des Schum­melns ver­däch­tig­te Po­li­ti­ke­rin je­doch die Mit­ar­bei­ter der Platt­form Vro­niPlag de­spek­tier­lich als „Ak­ti­vis­ten im In­ter­net“hin­stell­te, wer­ten man­che Be­ob­ach­ter als ih­ren ers­ten Feh­ler.

Der Ber­li­ner Me­di­en­wis­sen­schaft­ler Pro­fes­sor Joa­chim Treb­be fin­det den Aus­druck un­pro­ble­ma­tisch. „,Ak­ti­vis­ten’ ist ja nicht gera­de ein Schimpf­wort“, sagt er. Für die Öf­fent­lich­keit könn­ten sol­che Be­mer­kun­gen je­doch auf ei­nen nicht ganz un­ty­pi­schen „Ver­fol­gungs­wahn“von Pro­mi­nen­ten hin­deu­ten. „Sie glau­ben, dass sie nicht wie al­le an­de­ren Pro­mo­ven­den ge­prüft wer­den, son­dern dass sie stren­ge­ren Maß­stä­ben aus­ge­setzt sind, weil sie öf­fent­li­che oder po­li­ti­sche Per­so­nen sind.“

Ins­ge­samt ha­be von der Ley­en die ers­te Wo­che ih­rer Pla­gi­ats­af­fä­re oh­ne grö­ße­re Schä­den über­stan­den, sagt Treb­be. Sie ha­be gleich ih­re Ar­beit zur Prü­fung vor­ge­legt. „Und sie hat das re­la­tiv of­fen kom­mu­ni­ziert.“Die Mi­nis­te­rin ha­be auch nicht be­haup­tet, an den Vor­wür­fen zu 27 von 62 Text­sei­ten sei nichts dran. „Da­mit un­ter­schei­det sie sich von ih­ren bei­den Vor­gän­gern.“

Treb­be geht da­von aus, dass von der Ley­en zu ih­rer Ent­las­tung auf den em­pi­ri­schen Teil ih­rer Dok­tor­ar­beit ver­wei­sen wird: „Den Dok­tor hat sie für die­se For­schungs­er­geb­nis­se be­kom­men“, die neh­me ihr kei­ner weg. Den­noch kön­ne ein Ver­lust von Nicht erst seit dem Pla­gi­ats­ver­dacht ge­gen Ur­su­la von der Ley­en ( CDU) sind Me­di­zin- Dis­ser­ta­tio­nen im Ge­re­de. Denn: Es gibt ein­fach so un­ge­wöhn­lich vie­le da­von. Me­di­zi­ner stel­len laut Sta­tis­ti­schem Bun­des­amt die größ­te Grup­pe der Ti­tel- Trä­ger. 2014 be­stan­den rund 6300 Hu­man­me­di- zi­ner die Pro­mo­ti­ons­prü­fung. Et­wa 70 Pro­zent der Me­di­zin­stu­den­ten ver­las­sen die Uni mit Dok­tor­grad. Die Zahl der Dok­tor­ar­bei­ten ist in Deutsch­land ins­ge­samt ge­stie­gen. 2014 wur­den et­wa 28 000 er­folg­rei­che Pro­mo­ti­ons­prü­fun­gen ge­zählt – vor zehn Jah­ren wa­ren es noch rund 23 000. (dpa) Dok­tor­ti­tel und Glaub­wür­dig­keit ein gro­ßes Pro­blem für von der Ley­en wer­den. Denn in ih­rem Mi­nis­ter­amt sei sie ja auch Che­fin der Bun­des­wehr-Unis.

An ei­nem Pres­ti­ge-Scha­den wür­de dann wohl auch die Tat­sa­che nichts än­dern, dass Me­di­zin-Dok­tor­ar­bei­ten in der Wis­sen­schaft oh­ne­hin nur als leicht­ge­wich­tig gel­ten.

Der Fall Gut­ten­berg: In der Pla­gi­ats­af­fä­re 2011 mach­te der da­ma­li­ge Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg (CSU) so vie­le Feh­ler, dass sein Strau­cheln Ur­su­la von der Ley­en heu­te gu­te Hin­wei­se ge­ben dürf­te, wie man es nicht ma­chen soll­te. Der Uni­ons-Jung­star muss­te sein Amt nie­der­le­gen, nach­dem ihm die Uni Bay­reuth den erst we­ni­ge Jah­re zu­vor er­wor­be­nen Dok­tor­ti­tel ab­er­kannt hat­te.

Zu­vor hat­te er Vor­wür­fe ei­nes wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens als „ab­strus“zu­rück­ge­wie­sen oder nur scheib­chen­wei­se ein­ge­räumt. Dass Gut­ten­berg durch die Pla­gi­ats­nach­wei­se so be­schä­digt war, hat­te auch mit An­se­hens­ver­lust im bür­ger­li­chen La­ger zu tun. Denn dort, sagt Me­di­en­wis­sen­schaft­ler Treb­be, sei es nun mal so, „dass Leu­te mit Dok­tor­ti­tel leich­ter Kar­rie­re ma­chen als Leu­te oh­ne Dok­tor­ti­tel. Das ist nicht so ganz zu tren­nen vom Amt.“

Der Fall Scha­van: Auch hier wa­ren Af­fä­re und Amt eng ver­knüpft. Denn An­net­te Scha­van war sei­ner­zeit Bun­des­for­schungs­mi­nis­te­rin, sie stand nach der pla­gi­ats­be­ding­ten Aber­ken­nung des Dok­tor­ti­tels der Uni Düsseldorf von 1980 oh­ne Stu­di­en­ab­schluss da. Bei der stell­ver­tre­ten­den CDU-Vor­sit­zen­den und Ver­trau­ten von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel zog sich der Nie­der­gang bis zum Rück­tritt lang hin.

Scha­van wies Pla­gi­ats- und Täu­schungs­ab­sich­ten stets zu­rück und räum­te erst nach vie­len Wo­chen Flüch­tig­keits­feh­ler ein. Am 9. Fe­bru­ar 2013 war Schluss für die Mi­nis­te­rin. Heu­te ist sie Botschafterin im Va­ti­kan - und wei­ter­hin oh­ne Ti­tel. Seit dem Fall Scha­van be­gann ei­ne De­bat­te über Ver­jäh­rungs­fris­ten für wis­sen­schaft­li­che Pla­gi­ats­ver­ge­hen, die gera­de wie­der neu ent­brennt.

FO­TO: IMAGO

Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin An­net­te Scha­van ( li.) und Ar­beits­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en im Ja­nu­ar 2013 im Bun­des­tag. We­ni­ge Wo­chen spä­ter trat Scha­van we­gen ih­res Pla­gi­ats­skan­dals zu­rück.

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