„Die Stim­mung ist fif­ty-fif­ty“

Ulms Ober­bür­ger­meis­ter Gön­ner warnt vor Eu­pho­rie in der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI -

ULM - Bei „fif­ty-fif­ty“in der Flücht­lings­fra­ge sieht der Ul­mer Ober­bür­ger­meis­ter Ivo Gön­ner (63, SPD) die der­zei­ti­ge Stim­mung in der Be­völ­ke­rung. Im Ge­spräch mit Lud­ger Möllers sag­te Gön­ner, die Stim­mung wer­de je­de Wo­che et­was kri­ti­scher. Gön­ner plä­diert für schnel­le Ab­schie­bung von Men­schen oh­ne Aus­sicht auf Asyl. Der Ul­mer OB for­dert ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz und sieht die Wün­sche der Wirt­schaft, den Ar­beits­kräf­te­man­gel durch Flücht­lin­ge zu lö­sen, kri­tisch. Gibt es in Ulm ei­ne Auf­nah­me­gren­ze? Ja, wir wer­den En­de des Jah­res oder An­fang nächs­ten Jah­res ab­so­lut an die Auf­nah­me­gren­ze kom­men. Wir müs­sen in den nächs­ten drei Mo­na­ten schau­en, dass wir mög­lichst rasch noch wei­te­re Un­ter­künf­te fin­den, die sich für ei­nen län­ge­ren Auf­ent­halt eig­nen. Wie ist die Stim­mung in der Stadt? Ge­mischt. Ma­chen wir uns nichts vor: Es gibt ei­ne sehr gro­ße Hilfs­be­reit­schaft, ei­ne gu­te Stim­mung, ei­ne prak­tisch-hel­fen­de Stim­mung. Aber es gibt na­tür­lich sehr viel Ab­leh­nung. Ulm ist jetzt Gott sei Dank noch nicht der Ort, an dem die Stim­mung in Atta­cken auf die Ein­rich­tun­gen um­schlägt. Es wer­den kei­ne Brand­sät­ze ge­wor­fen. Aber es gibt si­cher­lich ne­ben den vie­len, vie­len uns un­ter­stüt­zen­den Bür­gern ge­nau­so vie­le, die sa­gen: Wir kön­nen nicht mehr nach­voll­zie­hen, was da ge­macht wird. Und vie­le Bür­ger se­hen jetzt die Auf­nah­me­fä­hig­keit er­schöpft. Vie­le sa­gen, dass die Flücht­lin­ge bei uns nichts zu su­chen ha­ben. Wie wird sich die Stim­mung ent­wi­ckeln? Ich wür­de die Stim­mung auf fif­ty-fif­ty ein­schät­zen – und mit je­der Wo­che wird sie dann na­tür­lich et­was kri­ti­scher. Wie be­grün­den Sie Ih­re Ein­schät­zung „fif­ty-fif­ty“? Es gibt vie­le Men­schen, die der Ent­wick­lung ganz ver­ständ­nis­los ge­gen­über­ste­hen. Aber so­lan­ge es sich die Waa­ge hält, bleibt das Kli­ma auf­recht. Schlimm ist es, wenn die Stim­mung ag­gres­siv oder ein Reiz­kli­ma wird. Dann ent­ste­hen oft aus nich­ti­gem oder klei­nem An­lass gro­ße Pro- ble­me. Dann ha­ben wir ent­täusch­te Men­schen, die sa­gen: Jetzt ha­be ich so ge­hol­fen und jetzt pas­siert so et­was. Und es gä­be dann die an­de­ren: Ich ha­be es ja schon im­mer ge­sagt. Die öf­fent­li­che Mei­nung sagt: „Al­les wird gut!“Nein. Man darf sich wirk­lich kei­ne Il­lu­sio­nen ma­chen, dass zwi­schen der öf­fent­li­chen Mei­nung und der zum Teil ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung gro­ße Un­ter­schie­de be­ste­hen. Das be­kommt man im Ge­spräch mit. Wenn sich die Men­schen öff­nen. Was sa­gen die Leu­te Ih­nen per­sön­lich? Ich fin­de es schlimm, wenn mir vie­le sa­gen: Ich traue mich ja gar nicht mehr, et­was zu sa­gen, oh­ne dann gleich in die rech­te Ecke oder Ähn- Der Ul­mer Ober­bür­ger­meis­ter ist ei­ne Art per­so­ni­fi­zier­tes kom­mu­nal­po­li­ti­sches Ur­ge­stein der ba­den- würt­tem­ber­gi­schen SPD. 1992 wur­de der Rechts­an­walt erst­mals an die Stadt­spit­ze ge­wählt und mit über­ra­gen­den Er­geb­nis­sen 1999 und 2007 im Amt be­stä­tigt. Zur Neu­wahl am 29. No­vem­ber die­sen Jah­res tritt der 63- Jäh­ri­ge nicht mehr an. Der Ul­mer Ober­bür­ger­meis­ter gilt als Prag­ma­ti­ker durch und durch. ( sz) li­ches ge­steckt zu wer­den. Es sind ein­fach Sor­gen, An­lie­gen. Be­rech­tigt, un­be­rech­tigt, wie das oft so im Le­ben ist. Was hal­ten Sie denn von den Über­le­gun­gen, auch zwangs­wei­se Woh­nun­gen zu re­kru­tie­ren? Das nützt al­les nichts. Da gibt es ho­he ju­ris­ti­sche Hin­der­nis­se. Be­schlag­nah­men kann ich nach dem öf­fent­li­chen Recht nur, wenn wir ei­ne Ka­ta­stro­phen­si­tua­ti­on ha­ben. Und ei­ne Ka­ta­stro­phen­si­tua­ti­on ha­ben wir im Mo­ment wirk­lich nicht. Dann gibt es den ent­eig­nungs­glei­chen Ein­griff, bei dem die recht­li­chen Hür­den so hoch sind, dass ich al­len nur da­von ab­ra­ten kann. Der Stutt­gar­ter OB Kuhn geht deut­lich ro­bus­ter vor ... Der Kol­le­ge Kuhn hat ja das nicht un­ter dem Aspekt Flücht­lin­ge ge­se­hen, son­dern un­ter dem Aspekt der all­ge­mei­nen Woh­nungs­si­tua­ti­on und des all­ge­mei­nen Woh­nungs­eng­pas­ses. Ich hal­te von sol­chen In­stru­men­ten gar nichts. Wir set­zen jetzt auf die Frei­wil­lig­keit. Wel­che Rat­schlä­ge ha­ben Sie für die Po­li­tik? Wenn aus so ei­ner Grund­stim­mung, die noch in der Waa­ge ist, sich et­was ver­än­dert: Dann ha­ben wir ganz schnell ein furcht­ba­res Um­feld. Da­her ha­ben wir die Ver­ant­wor­tung und müs­sen sa­gen: Es gibt ein­fach Gren­zen der Auf­nah­me­fä­hig­keit. Das ist nicht bö­se und das ist nicht ab­leh­nend ge­meint. Sie plä­die­ren für kon­se­quen­te Ab­schie­bung? Ja. Wer kei­ne An­er­ken­nung be­kommt als Asyl­su­chen­der oder – nach der Flücht­lings­kon­ven­ti­on – als Flücht­ling an­er­kann­te Per­son, der ist in die­sem Rechts­ge­fü­ge vom Auf­ent­halt und An­we­sen­heit eben nicht be­vor­zugt oder an­er­kannt. Er muss die Bun­des­re­pu­blik ver­las­sen. Wenn die Men­schen vom West­bal­kan nicht mehr in die Städ­te und Ge­mein­den kom­men, ha­ben Sie mehr Platz für die an­er­kann­ten Asyl­be­wer­ber. Und den Platz brau­chen wir auch. Dar­um ist es wich­tig, ab­zu­schie­ben. Bis­her liegt die An­er­ken­nungs­quo­te bei 30 Pro­zent. Wenn jetzt nur noch Per­so­nen kom­men, bei de­nen die An­er­ken­nungs­quo­te bei 40 oder 80 Pro­zent liegt: Dann blei­ben die­se Per­so­nen auf Dau­er. Und dann geht ja die Auf­ga­be erst rich­tig los. Auch aus Ulm ma­chen sich vie­le Flücht­lin­ge auf den Weg in an­de­re Städ­te. Ih­re Ein­schät­zung da­zu? Ich hal­te gar nichts von ei­nem Wahl­recht der Flücht­lin­ge. Es gibt kei­nen Wunsch­ka­ta­log, dass Flücht­lin­ge nach Deutsch­land und dann ins­be­son­de­re nach Ba­den-Würt­tem­berg und hier ins­be­son­de­re nach Ulm wol­len. Es gibt kei­ne Me­nü­kar­te, aus der dann beim Ein­tritt in den EURaum die Per­so­nen so­zu­sa­gen an­kreu­zen: Fa­vo­rit A, Fa­vo­rit B. Heu­te for­dern man­che Ver­ant­wort­li­che, nach eth­ni­schen Grup- pen oder nach Glau­bens­grup­pen zu tren­nen. Da­von hal­te ich gar nichts. Im Zu­sam­men­le­ben müs­sen die Kin­der ja mit an­de­ren Gläu­bi­gen in die Schu­le ge­hen. Je­der, der hier lebt, muss re­spek­tie­ren, dass Frau­en und Män­ner gleich­be­rech­tigt sind. Wer hier lebt, muss re­spek­tie­ren, dass man po­li­ti­sche, re­li­giö­se oder ge­sell­schaft­li­che Kon­flik­te fried­lich über die Büh­ne bringt. Je frü­her man das Mit­ein­an­der übt, des­to schnel­ler geht das in Fleisch und Blut über. In Ulm braucht die Wirt­schaft Ar­beits­kräf­te und for­dert, dass Flücht­lin­ge schnel­ler Ar­beit auf­neh­men kön­nen. Wir sind sehr dank­bar, dass die Wirt­schaft fast for­dert, dem The­ma Ein­wan­de­rungs­recht, neu­es Ein­wan­de­rungs­ge­setz und auch Flücht­lin­gen und Asyl­su­chen­den sehr po­si­tiv ge­gen­über­zu­ste­hen. Aber lang ge­nug bin ich im Ge­schäft: Lass’ die nächs­te Wirt­schafts­kri­se kom­men. Die heu­te vol­len Auf­trags­bü­cher sind dann leer oder teil­wei­se leer. Dann sind es aus der Wirt­schaft die ers­ten Stim­men, die sa­gen: Führt die wie­der zu­rück! Aber Deutsch­land braucht neue Ar­beits­kräf­te! Na­tür­lich sind vie­le Per­so­nen po­ten­zi­el­le Ar­beit­neh­mer. Aber den Ein­druck zu ha­ben, al­le Flücht­lin­ge sei­en Ärz­te, al­le Flücht­lin­ge sei­en In­ge­nieu­re, al­le Flücht­lin­ge sei­en ver­hin­der­te Kran­ken­schwes­tern: Das ist falsch.

FO­TO: ROLAND RASEMANN

Ul­mer Mes­se­hal­le: Die­se Flücht­lin­ge sind ver­gan­ge­ne Wo­che in der Stadt an der Do­nau an­ge­kom­men.

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