„Ober­schwa­ben war ei­ne Kern­re­gi­on Eu­ro­pas“

Ed­win Ernst Weber über die Ta­gung der Ge­sell­schaft Ober­schwa­ben zur Wirt­schafts­ge­schich­te 1300 – 1600

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR -

RA­VENS­BURG - Die Ge­sell­schaft Ober­schwa­ben lädt von Don­ners­tag bis Sams­tag zu ei­ner his­to­ri­schen Ta­gung nach Bad Wald­see ein. Un­ter dem Ti­tel „Herr­schaft, Markt und Um­welt: Wirt­schaft in Ober­schwa­ben 1300 – 1600“tref­fen sich drei Ta­ge lang His­to­ri­ker aus ver­schie­de­nen Fach­ge­bie­ten. Dis­ku­tiert wird un­ter an­de­rem, wie sich die Um­welt in je­ner Zeit veränderte und was das für die ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung be­deu­te­te. Ver­tre­ten sind His­to­ri­ke­rin­nen und His­to­ri­ker von den Uni­ver­si­tä­ten Augs­burg, Inns­bruck, Zü­rich und Frei­burg. Ed­win Ernst Weber, Ar­chiv­di­rek­tor und Lei­ter des St­abs­be­reichs Kul­tur und Ar­chiv des Land­rats­am­tes Sig­ma­rin­gen, hat die Ta­gung zu­sam­men mit den Pro­fes­so­ren Si­grid Hir­bo­di­an und Rolf Kieß­ling or­ga­ni­siert. Im Ge­spräch mit Bar­ba­ra Mil­ler spricht er über die Plä­ne der Ge­sell­schaft Ober­schwa­ben, die Wirt­schafts­ge­schich­te die­ser Re­gi­on vom 14. bis zum 20. Jahr­hun­dert zu er­for­schen. Die Zeit von 1300 bis 1600 wird mit „Das Wer­den des neu­zeit­li­chen Eu­ro­pa“über­schrie­ben. Was kenn­zeich­net die­se drei Jahr­hun­der­te? Ich neh­me den Fo­cus auf Ober­schwa­ben. We­sent­li­ches Kenn­zei­chen je­ner Zeit ist der enor­me Auf- stieg der Städ­te im 14. Jahr­hun­dert. Auch in Ober­schwa­ben, das in die­ser Zeit ei­ne wich­ti­ge Kern­re­gi­on des abend­län­di­schen Eu­ro­pas war. Es wur­de zu ei­ner Städ­te­land­schaft, die ei­ne neue wirt­schaft­li­che und dar­aus re­sul­tie­rend gro­ße so­zia­le und po­li­ti­sche Dy­na­mik ent­wi­ckel­te. Gleich­zei­tig ha­ben sich die Dorf­ge­mein­den ver­än­dert. Wir ha­ben im Hoch­mit­tel­al­ter ei­nen kom­plet­ten Um­schwung in der agra­ri­schen Struk­tur. Dies lei­tet ei­ne Ent­wick­lung zur Selbst­ver­wal­tung ein, die 1525 mit dem Frei­heits­stre­ben der Bau­ern in Ober­schwa­ben ei­nen Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt der eu­ro­päi­schen Ge­schich­te mar­kiert. Auch die Adels­struk­tur prägt sich in je­ner Zeit aus: Ei­ner­seits ver­fes­ti­gen hier Hoch­adels­ge­schlech­ter wie die Wald­burg, die Fürs­ten­berg, die Ho­hen­zol­lern oder die Mont­forts ih­re Herr­schaft. An­de­rer­seits bil­det sich aus dem nie­de­ren Adel die Reichs­rit­ter­schaft. Den Klös­tern ge­lingt es, ei­ge­ne Ter­ri­to­ri­en aus­zu­bil­den. Es ist ei­ne Neu­for­mie­rung der gan­zen Re­gi­on. Die Be­völ­ke­rung ist ge­wach­sen in je­ner Zeit, der Han­del in den Städ­ten hat zu­ge­nom­men, gleich­zei­tig be­gann sich ei­ne Kli­ma­ver­än­de­rung ab­zu­zeich­nen. Die Ern­ten wur­den schlech­ter. Was war da­von in Ober­schwa­ben spür­bar? Das sind Wel­len­be­we­gun­gen, was das Kli­ma und was die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung an­langt. Seit dem Hoch­mit­tel­al­ter gab es ein Wärme­opti­mum und dar­aus re­sul­tie­rend ei­nen enor­men Be­völ­ke­rungs­zu­wachs. Der al­ler­dings im 14. Jahr­hun­dert durch die Pest wie­der ei­nen Ein­bruch er­fährt. Es ist im­mer Be­we­gung und Ge­gen­be­we­gung. Es gibt da auch neue Er­kennt­nis­se. Wel­che? Neue­re For­schun­gen, vor al­lem sol­che, die im Um­feld des Augs­bur­ger Lan­des­his­to­ri­kers Rolf Kieß­ling ent- stan­den sind, le­gen na­he, dass die Pest nicht über­all in Süd­west­deutsch­land im glei­chen Ma­ße ge­wü­tet hat. Wel­che Qu­el­len ste­hen denn für je­ne Zeit zur Ver­fü­gung? Je wei­ter man ins Mit­tel­al­ter zu­rück­kommt, um so dün­ner wird die

Qu­el­len­la­ge. Vor dem 14. Jahr­hun­dert hat man kaum ei­ne Chan­ce, flä­chen­de­ckend struk­tu­rel­le Ent­wick­lun­gen im öko­no­mi­schen oder de­mo­gra­fi­schen Be­reich zu er­fas­sen. Das sind im­mer ein­zel­ne Schlag­lich­ter. Da bin ich sehr ge­spannt auf den Vor­trag des Vor­arl­ber­ger His­to­ri­kers Wolf­gang Scheff­knecht, der of­fen­sicht­lich aus­sa­ge­kräf­ti­ge Qu­el­len für das Spät­mit­tel­al­ter zur Ver­fü­gung hat. Hier in Ober­schwa­ben lie­gen erst ab dem 16. Jahr­hun­dert Rech­nungs­se­ri­en vor. Da sind Ein­ga­ben und Aus­ga­ben von Städ­ten, Klös­tern oder Adels­häu­sern do­ku­men­tiert. Nur so kann man ei­ne lang­fris­ti­ge Ent­wick­lung ab­le­sen. Das sind dann so­li­de­re Qu­el­len. In der Ein­la­dung zur Ta­gung heißt es: Für die­se Zeit­span­ne wür­de der Be­griff der „Wirt­schafts­land­schaf­ten“dis­ku­tiert. Was ist da­mit ge­meint? Der Be­griff „Wirt­schafts­land­schaf­ten“be­zeich­net ein In­ter­pre­ta­ti­ons­mo­dell von öko­no­mi­schen Raum­struk­tu­ren. Für Ober­schwa­ben zum Bei­spiel die Ent­wick­lung der Städ­te­land­schaft, wo­zu die Ent­ste­hung ei­nes städ­ti­schen Pa­tri­zi­ats ge­hört und Han­del und Hand­werk stär­ker mit­ein­an­der ver­floch­ten wer­den. Bei­spie­le sind die Städ­te Bi­be­rach, Ra­vens­burg, Mem­min­gen, Ulm und vor al­lem Augs­burg, aber auch klei­ne Land­städ­te wie Saul­gau. In­ter­es­sant ist die un­ge­heu­re ge­werb­li­che Dy­na­mik im 14. Jahr­hun­dert. Denn man hat in den Fall­stu­di­en fest­ge­stellt: Es kommt zu ei­ner Ver­flech­tung von Stadt und Land im Ge­wer­be, vor al­lem in der Tex­til­wirt­schaft. Die Hand­wer­ker­zah­len auf dem Dorf sind über­ra­schend hoch. Die Zeit­span­ne 1300 bis 1600 ent­spricht ja nicht der gän­gi­gen Pe­ri­odi­sie­rung der Ge­schich­te, die von der Er­eig­nis­ge­schich­te ge­setzt ist. In der Wirt­schafts­ge­schich­te kommt es auf ei­ne lang­fris­ti­ge Be­ob­ach­tung an. Da ge­ben nicht Re­gie­rungs­zei­ten oder be­stimm­te his­to­ri­sche Er­eig­nis­se die Ko­or­di­na­ten vor. Un­se­re Ta­gung ist ein­ge­bet­tet in ein lang­fris­ti­ges Pro­jekt. Wir wol­len uns in ei­nem mehr­jäh­ri­gen Pro­jekt der Wirt­schafts­ge­schich­te Ober­schwa­bens wid­men. Die jet­zi­ge Ta­gung ist die ers­te. Sie be­fasst sich mit der Zeit von 1300 bis 1600. Im nächs­ten Schritt ge­hen wir bis 1850. In der letz­ten Stu­fe be­trach­ten wir die Zeit der ver­spä­te­ten In­dus­tria­li­sie­rung Ober­schwa­bens. In­for­ma­tio­nen über den Ta­gungs­ab­lauf un­ter www.ge­sell­schaf­to­ber­schwa­ben.de Die Teil­nah­me ist frei. Es wird je­doch um An­mel­dung ge­be­ten per ES- Mail an kul­tur@ LRA­SIG. de oder ( 07571) 102- 1142

FO­TO: REI­NER LÖ­BE

Der Zehnt­bau­er aus dem Stän­de­zy­klus, den der Bild­hau­er Ja­kob Russ 1494 für den Rats­saal von Über­lin­gen ge­schaf­fen hat.

Ed­win Ernst Weber

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